Mysteriöse Einbruchserie auf Hafenterminal
01.07.2023 - 08:06:06Der Hamburger Hafen ist zurzeit besonders beliebt - nicht nur bei Touristen, sondern seit drei Wochen auch bei einigen mutmaĂlichen Kriminellen aus den Niederlanden. Seit dem 11. Juni sind kleine Gruppen junger MĂ€nner 15 Mal in das Containerterminal Altenwerder eingedrungen. Bis Freitagnachmittag hat die Polizei 45 MĂ€nner im Alter zwischen 16 und 30 Jahren festgenommen. Bis auf einen der Eindringlinge, der ein zweites Mal erwischt wurde, kamen alle wieder auf freien FuĂ. «Hier wird davon ausgegangen, dass es sich um einen zusammenhĂ€ngenden Vorgang, also tatsĂ€chlich um eine Serie handelt», erklĂ€rt OberstaatsanwĂ€ltin Liddy Oechtering.
Was lockt die jungen MĂ€nner auf das HafengelĂ€nde, wo Tausende Container stehen, aufgestapelt in bis zu fĂŒnf Schichten? Der Zoll und das Zollfahndungsamt Hamburg, das in der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift mit dem Landeskriminalamt kooperiert, vermuten, dass die Eindringlinge nach einer Drogenlieferung suchen. Sicher sei diese Annahme allerdings nicht, sagt ein Sprecher des Hauptzollamts. Jetzt einfach alle Container, die das Terminal verlassen, zu kontrollieren, ist unmöglich. Es sind tĂ€glich Tausende und die Lieferketten dĂŒrfen nicht gestört werden.
Bei den Festgenommenen wurden nach Informationen des «Hamburger Abendblatts» Bolzenschneider, Plomben zum Versiegeln von Containern, GPS-Tracker und Handys mit Powerbanks gefunden. Zwei VerdĂ€chtige wurden von einem Diensthund in einem Container aufgespĂŒrt, wie die Polizei mitteilte. Das Terminal am Köhlbrand, einem Teil der SĂŒderelbe, ist vergleichsweise leicht zu FuĂ zu erreichen. Ein Deich am sĂŒdlichen Rand bildet eine Art GrĂŒnflĂ€che mit Wegen fĂŒr Radfahrer und FuĂgĂ€nger, es gibt sogar einen Fotospot, von dem aus man das GelĂ€nde ĂŒberblicken kann. Auf der Westseite steht die alte St.-Gertrud-Kirche des ehemaligen Dorfes Altenwerder, nordwestlich liegt ein Autohof an der A7.
Polizei hÀlt sich bedeckt
Zu ihrem Vorgehen hÀlt sich die Polizei bedeckt. Man darf jedoch davon ausgehen, dass die Beamten zurzeit hÀufiger ihre Runden entlang des stacheldrahtbewehrten Zauns machen. Bei einer Festnahme war sogar ein Polizeihubschrauber im Einsatz. Sich auf dem HafengelÀnde unbemerkt zu bewegen, ist schwierig. Das Terminal ist weitgehend automatisiert und gilt als eines der modernsten der Welt.
GroĂe ContainerbrĂŒcken heben die Stahlboxen von den Schiffen. Am Kai werden sie auf fahrerlose Transportfahrzeuge gesetzt und zu einem der 26 Blocklager gebracht, wo nach Angaben der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) bis zu 30.000 Container stehen können. Nach im Schnitt drei bis fĂŒnf Tagen werden die bis zu 30 Tonnen schweren Boxen mit fahrerlosen PortalkrĂ€nen auf Lastwagen oder GĂŒterzĂŒge verladen. 17.000 Transponder auf dem einen Quadratkilometer groĂen GelĂ€nde sorgen dafĂŒr, dass die Fahrzeuge ihren Weg zentimetergenau finden. Dass Menschen auf diesen Strecken laufen, ist nicht vorgesehen.
Die gröĂten UmschlagplĂ€tze fĂŒr Kokain sind in Europa bislang die HĂ€fen von Antwerpen und Rotterdam. Im vergangenen Jahr wurden dort fast 200 Tonnen Rauschgift sichergestellt. Zum Vergleich: In Hamburg waren es weniger als 10 Tonnen. Die belgischen und niederlĂ€ndischen Behörden haben ihre Kontrollen zuletzt verschĂ€rft. Deutschland und fĂŒnf weitere EU-Staaten wollen enger zusammenarbeiten, wie Innenministerin Nancy Faeser (SPD) Anfang Juni in Antwerpen sagte. Damit wollen sie verhindern, dass Kriminelle ihre AktivitĂ€ten von einem europĂ€ischen Hafen in den nĂ€chsten verlegen, wenn der Fahndungsdruck an einem Ort zunimmt - Ermittler bezeichnen dies als «Wasserbett-Effekt».
«Wasserbett-Effekt» in Hamburg?
Ist dieser Effekt jetzt in Hamburg zu beobachten? In den Niederlanden wurden vor einiger Zeit die Strafen fĂŒr sogenannte Rausholer erhöht. Das sind meist junge MĂ€nner, die Drogen in Sporttaschen aus den Containern holen. 2022 waren 241 «Rausholer» in den Niederlanden festgenommen worden, im Vorjahr waren es noch mehr als 400, der jĂŒngste war 14 Jahre alt.
Um einen ganzen Container mit einer versteckten Drogenlieferung aus dem Hafen zu holen, bedarf es eines hochprofessionellen Vorgehens. Sieben Mitglieder einer Drogenbande, die auf diese Weise mehr als drei Tonnen ĂŒber den Hamburger Hafen schmuggelten, waren im vergangenen Jahr vom Landgericht zu teilweise langen Haftstrafen verurteilt worden. Einer der Angeklagten war ein ehemaliger Logistiker bei der HHLA.


