TikTok, Manosphere

Wie TikTok toxische MĂ€nnlichkeit bei Jugendlichen befeuert

28.06.2026 - 06:00:07 | dpa.de

TikTok-Trends setzen Jungs unter Druck, fragwĂŒrdige MĂ€nnlichkeitsideale zu erfĂŒllen - teils mit gefĂ€hrlichen Methoden. Zwei SchĂŒler erzĂ€hlen, was das mit ihnen macht und wie ein Workshop geholfen hat.

  • Maximilian Schneider gibt Workshops an Schulen. Ihm ist es wichtig, Jugendliche nicht zu verurteilen. - Bild: Annette Riedl/dpa
    Maximilian Schneider gibt Workshops an Schulen. Ihm ist es wichtig, Jugendliche nicht zu verurteilen. - Bild: Annette Riedl/dpa
  • Jeder Mensch will Anerkennung bekommen, sagt Maximilian Schneider. - Bild: Annette Riedl/dpa
    Jeder Mensch will Anerkennung bekommen, sagt Maximilian Schneider. - Bild: Annette Riedl/dpa
  • Im Schnitt verbringen Jugendliche unter der Woche 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Handys, Tablets oder dem Fernseher. (Symbolbild) - Bild: Marcus Brandt/dpa
    Im Schnitt verbringen Jugendliche unter der Woche 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Handys, Tablets oder dem Fernseher. (Symbolbild) - Bild: Marcus Brandt/dpa
Maximilian Schneider gibt Workshops an Schulen. Ihm ist es wichtig, Jugendliche nicht zu verurteilen. - Bild: Annette Riedl/dpa Jeder Mensch will Anerkennung bekommen, sagt Maximilian Schneider. - Bild: Annette Riedl/dpa Im Schnitt verbringen Jugendliche unter der Woche 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Handys, Tablets oder dem Fernseher. (Symbolbild) - Bild: Marcus Brandt/dpa

Fast jeden Morgen schlĂ€gt sich Elias mit einem Hammer auf seine Gesichtsknochen. Bonesmashing nennt man diesen gefĂ€hrlichen Social-Media-Trend. Den Knochen sollen dabei angeblich kleine Frakturen hinzugefĂŒgt werden, mit dem fragwĂŒrdigen Versprechen, sie wĂŒrden danach kantiger zusammenwachsen und dem Gesicht einen markanteren und mĂ€nnlicheren Look verleihen. «Am Anfang hat es weh getan, aber jetzt nicht mehr wirklich», sagt der 15-JĂ€hrige der Deutschen Presse-Agentur. Elias heißt eigentlich anders. Um ihn zu schĂŒtzen, wurde sein Name geĂ€ndert. 

Bonesmashing, rohe Eier trinken, ins Gym gehen, sich nicht von Frauen ablenken lassen – auf TikTok bekommen junge MĂ€nner wie Elias unablĂ€ssig zu hören, was sie tun mĂŒssen, um attraktiver, stĂ€rker, mĂ€nnlicher zu werden. Die App ist voll mit solchen Videos von Influencern aus der sogenannten Manosphere, einem Netzwerk frauenfeindlicher Online-Communities, das sich vor allem an junge MĂ€nner richtet, stereotype MĂ€nnlichkeitsbilder propagiert und Frauen als Gegnerinnen darstellt. Elias sagt, jedes dritte bis vierte Video zeige ihm solche Inhalte. Er verbringt tĂ€glich bis zu acht Stunden auf TikTok, schĂ€tzt er. «Das macht irgendwas mit mir», gibt er zu. 

Workshops an Schulen sollen Jugendlichen helfen 

Warum springen junge MĂ€nner auf diese Inhalte an? Wie fĂ€ngt man sie auf, hilft ihnen, ein gesundes Selbstbewusstsein und ein korrektes Verhalten gegenĂŒber Frauen zu entwickeln? Der Berliner PĂ€dagoge Maximilian Schneider hat dafĂŒr kein Zauber-, aber ein sehr gutes Mittel: Er geht in Schulen, spricht mit Jugendlichen und hört ihnen zu. 

Schneider ist Referent fĂŒr politische Bildungsarbeit beim Berliner Verein «Gesicht Zeigen!». Im Rahmen des Projekts «Die Freiheit, die ich meine» begleitet er NeuntklĂ€ssler ein halbes Jahr lang. Er spricht mit ihnen ĂŒber IdentitĂ€t, DiversitĂ€t, Diskriminierung, Geschlechterrollen und MĂ€nnlichkeit, zwei Schulstunden pro Woche, fest im Stundenplan verankert. Er und ein Kollege sprechen mit den Jungen, zwei Kolleginnen getrennt mit den MĂ€dchen. 

Viele Jungs hĂ€tten das GefĂŒhl, MĂ€nner wĂŒrden benachteiligt und diskriminiert, auch wegen des Feminismus, beobachtet der 33-JĂ€hrige. Alte MĂ€nnlichkeitsbilder funktionierten nicht mehr, das verunsichere. Auf TikTok fĂ€nden sie scheinbar einfache Antworten auf komplexe Themen. «Du bist kein Einwechselspieler, du bist der StĂŒrmer», schreit ein muskulöser Mann einem dort entgegen. «Frauen wollen von dir dominiert werden», erklĂ€rt ein anderer, oder: «Der einzige Weg zu gewinnen, ist ein Narzisst zu werden.» Manche TikToker rufen dazu auf, die Partnerin mindestens einmal in der Woche zu schlagen, damit sie wisse, wer der Mann im Haus sei. 

«Entweder bricht der Knochen oder nicht» 

Viele dieser Pseudo-Weisheiten sind zutiefst frauenfeindlich und faktisch falsch - etwa, die Behauptung ĂŒber Mikrofrakturen beim Bonesmashing. Das sei sehr unwahrscheinlich, erklĂ€rt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Jörg Wiltfang vom UniversitĂ€tsklinikum Schleswig-Holstein. «Entweder bricht der Knochen oder nicht.» Begrenzte Absplitterungen - Mikrofrakturen, wie es auf TikTok genannt wird - werden so eher nicht entstehen. Sichtbare VerĂ€nderungen im Gesicht, die direkt nach der Manipulation entstehen, sind Folge der Weichteilschwellung und nicht durch eine VerĂ€nderung der Knochenstruktur bedingt, wie Wiltfang erklĂ€rt, der Post-PrĂ€sident der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) ist. «Die Haut und das darunter liegende Weichgewebe werden lokal geschĂ€digt und schwellen an.» Es könnten BlutergĂŒsse und offene Wunden entstehen, die Narben hinterlassen könnten. «Wir raten davon ab.» 

Nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug 

Die Inhalte aus der Manosphere vermittelten ein sehr eindeutiges Bild von MĂ€nnlichkeit, erklĂ€rt Schneider. Deswegen komme das so gut bei jungen MĂ€nnern an. «Der Mann ist der ErnĂ€hrer, der Mann ist dominant, der Mann ist kontrolliert», fasst Schneider einige der Kernbotschaften zusammen. Die Teenager-Zeit sei eine fragile Phase, Jugendliche seien anfĂ€llig fĂŒr Informationen, die vermeintlich mit sehr klaren Handlungsanweisungen versehen sind. Die Clips versprĂ€chen Lösungen fĂŒr Erfolg und Anerkennung. «Und danach sehnt sich jeder Mensch. Jeder Mensch will Anerkennung bekommen.» 

Oft seien es jedoch toxische ErzÀhlungen, die mit einem defizitÀren Blick arbeiteten: Du bist nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug. 

Mit 11 Jahren beim Fußball aufgehört – wegen TikTok 

Im Schnitt verbringen Jugendliche laut einer von der EU-Kommission beauftragten Umfrage unter der Woche 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Handys, Tablets oder dem Fernseher. 

Der TikTok-Algorithmus kann Jungen, die sich etwa fĂŒr Fitness oder Luxusautos interessieren, verstĂ€rkt Inhalte rechtsextremer Akteure oder der Manosphere anzeigen, wie qualitative Analysen nach Angaben des Internationalen Zentralinstituts fĂŒr das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) zeigen. Diese knĂŒpften gezielt an GefĂŒhle wie Einsamkeit oder Frustration an. 

Elias hat mit 11 Jahren aufgehört Fußball zu spielen, weil MĂ€nner auf TikTok sagten, das sei schwul, wie er erzĂ€hlt. Wer stark sein und sich verteidigen wolle, mĂŒsse Kampfsport machen. Inzwischen geht er boxen. «Ich finde es auch bisschen schwer, rauszufinden, wer ich selber bin, weil ich mich auch sehr viel mit anderen vergleiche wegen TikTok und auch so in der RealitĂ€t.» 

Sein MitschĂŒler Levin stand in der siebten Klasse mal um 5.30 Uhr auf, um joggen zu gehen. «Nur weil ich das davor gesehen habe und mir dachte, ja, ich muss das jetzt auch machen und dann bin ich auch krass und gehöre dazu», sagt der 17-JĂ€hrige. «Es gibt viele Videos, die dein Denken verĂ€ndern.» Beide investieren viel Zeit in ihr Aussehen, so erzĂ€hlen sie es. «Aussehen ist ein sehr großer Punkt, ich bin ehrlich», sagte Levin, dessen Name ebenfalls geĂ€ndert wurde. Man versuche, das Maximum aus sich herauszuholen. 

Workshop hat Elias' Sicht auf Beziehungen verÀndert 

Wichtig sei es, die Jugendlichen nicht zu verurteilen, um ein VertrauensverhĂ€ltnis aufzubauen, sagt Schneider. «Wir bewerten das nicht, wir sagen nicht, es ist schlecht, pumpen zu gehen, auf gar keinen Fall», so der 33-JĂ€hrige. «Wir wĂŒnschen uns, dass Jugendliche eine Chance bekommen, ein gesundes Selbstbewusstsein ĂŒber sich selbst in Bezug auf die Beziehung zu ihrer geschlechtlichen IdentitĂ€t beziehungsweise den Erwartungen an ihr Geschlecht zu entwickeln.» 

Die Georg-Weerth-Schule in Berlin-Friedrichshain ist eine von insgesamt drei Schulen, an denen Schneider und seine Kolleginnen und Kollegen regelmĂ€ĂŸig Klassen begleiten. Auch Elias und Levin haben seinen Workshop ein halbes Jahr lang besucht. «Bei mir hat das bisschen meine Sichtweise auf eine Beziehung verĂ€ndert, weil davor habe ich immer so gedacht, sie darf keine Jungsfreunde haben und sie darf dies und das nicht, und nach diesem Workshop ist mir das eigentlich egal», sagt Elias. TikTok sei fĂŒr ihn nach wie vor Unterhaltung, aber er denke beim Schauen jetzt hĂ€ufiger ĂŒber den Workshop nach. 

«Ich glaube, andere Jungs brÀuchten das auch» 

Levin hat gelernt, bestimmte Dinge hĂ€ufiger zu hinterfragen, wie er erzĂ€hlt. Ihm sei zum Beispiel klar geworden, dass er nicht jede Situation kontrollieren könne und mĂŒsse. Auf TikTok hĂ€tten ihm MĂ€nner erklĂ€rt, dass es wichtig sei, eine PrĂ€senz zu haben, allen im Raum klarzumachen, der Krasseste zu sein, immer stark zu sein, egal wo man sei. Das sei Quatsch, wie er jetzt wisse. 

Auch MĂ€nner, die weinen, sollten seiner Ansicht nach kein Tabu sein. «Weil manche Personen denken vielleicht, du hast kein GefĂŒhl oder so, oder bist kalt, was ja nicht stimmt.» Mit seinen weiblichen Freundinnen verstehe er sich jetzt besser. Er sehe sie mit anderen Augen. WĂŒrde er den Workshop weiterempfehlen? Levin ist ĂŒberzeugt: «Ich glaube, andere Jungs brĂ€uchten das auch.»

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