Borkumer, Klaasohm

Borkumer wollen Klaasohm ohne PrĂŒgeln feiern

05.12.2024 - 04:00:44

Verkleidete MĂ€nner schlagen Frauen mit einem Kuhhorn - diesen Teil des Nikolausbrauchs Klaasohm soll es auf Borkum nicht mehr geben. Nach heftiger Kritik versucht die Insel nun einen Neuanfang.

  • Das Schlagen von Frauen mit Kuhhörnern soll es bei dem diesjĂ€hrigen Klaasohm-Fest auf Borkum nicht mehr geben. (Archivbild)  - Foto: Reinhold Grigoleit/dpa

    Reinhold Grigoleit/dpa

  • Ab dem Nachmittag wird auf der rund 5.000 Einwohner zĂ€hlenden Nordseeinsel das traditionelle Fest Klaasohm gefeiert. (Archivbild)  - Foto: Sina Schuldt/dpa

    Sina Schuldt/dpa

Das Schlagen von Frauen mit Kuhhörnern soll es bei dem diesjÀhrigen Klaasohm-Fest auf Borkum nicht mehr geben. (Archivbild)  - Foto: Reinhold Grigoleit/dpaAb dem Nachmittag wird auf der rund 5.000 Einwohner zÀhlenden Nordseeinsel das traditionelle Fest Klaasohm gefeiert. (Archivbild)  - Foto: Sina Schuldt/dpa

Auf der Nordseeinsel Borkum soll keine Frau mehr mit Kuhhörnern geschlagen werden. Mit einem Gewaltverbot und einem Schutzkonzept will der Verein Borkumer Jungens von 1830 als Veranstalter einen Neuanfang fĂŒr den umstrittenen Nikolausbrauch Klaasohm finden. Zu dem Fest am Vorabend des Nikolaustages werden heute Tausende Besucher auf der Insel erwartet. Jahrzehntelang sollten AuswĂ€rtige außen vor bleiben, es war ein Fest nur fĂŒr die Insulaner. Doch dieses Mal werden Journalisten aus ganz Deutschland auf Borkum erwartet. 

Ein Bericht des ARD-Magazin «Panorama» hatte gewalttĂ€tige Übergriffe auf Frauen bei vorherigen Klaasohm-Festen auf der ostfriesischen Insel dokumentiert. Die Recherche löste vergangene Woche bundesweit Empörung aus. Die Borkumer Jungens von 1830 kĂŒndigten danach an, den «Brauch des Schlagens» abzuschaffen. In den Verein dĂŒrfen nur mĂ€nnliche Inselbewohner ab 16 Jahren eintreten.

Borkums BĂŒrgermeister JĂŒrgen Akkermann (parteilos) setzt darauf, dass die Zusage der Borkumer Jungens gilt. Dazu habe der Verein, wie in den Vorjahren schon, seinen Mitgliedern eine klare Ansage gemacht. «Das ist verboten und das ist dieses Mal noch eindringlicher gemacht worden», sagt der BĂŒrgermeister der Deutschen Presse-Agentur. «Wir wollen das nicht mehr, auch wenn es frĂŒher so war. Wir distanzieren uns da ganz klar von.»

ZusĂ€tzlich will die Stadt eine Telefonnummer und RĂ€ume einrichten, wo sich Frauen melden können, sollte es zu gefĂ€hrlichen oder unangenehmen Situationen kommen. Auch die Polizei soll das Fest absichern. Niedersachsens Innenministerin Behrens (SPD) kĂŒndigte an, dass Polizisten deutlich stĂ€rker als in den Vorjahren auf der Insel prĂ€sent sein werden, damit alle Besucherinnen und Besucher ohne Angst vor Gewalt feiern können.

Getöse in den Straßen und Sprung von einer SĂ€ule

Auf Borkum beginnt das Fest am Nachmittag: Junge, unverheiratete MĂ€nner verkleiden sich mit Masken, Schafsfellen und Vogelfedern als sogenannte Klaasohms. Begleitet werden sie von einem als Frau verkleideten Mann mit Rock und SchĂŒrze, der sogenannten Wievke. Ausgestattet sind alle mit Kuhhörnern.

Erst kommt es in einer Halle unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu einem symbolischen Kampf. Danach laufen die Klaasohms unter großem Getöse auf festgelegten Routen durch die Stadt. Bislang gehörte auch der «Brauch des Schlagens» dazu, den es nun nicht mehr geben soll: Frauen, die sich aus dem Haus wagten, wurden von den Klaasohms mit einem Kuhhorn verhauen. 

Zum Höhepunkt des Festes kommt es am Abend auf einem zentralen Platz: Dort springen die Klaasohms von einer meterhohen SÀule nacheinander in eine Menschenmenge. Gefeiert wird die gesamte Nacht hindurch. 

Historikerin: Klaasohm-Tradition weiter verÀndern

In dem «Panorama»-Beitrag hatten Borkumerinnen und Borkumer anonym von aggressiven Übergriffen berichtet. Bei einer Umfrage in der FußgĂ€ngerzone sagte eine Seniorin mit Rollator: «Ich habe auch SchlĂ€ge gekriegt.» Sie sei kein Fan. Warum das Fest so wichtig sei, mĂŒsse der Reporter die MĂ€nner fragen. «Es ist ein reiner MĂ€nnertag», sagte die Frau. 

Eine solche Diskussion hĂ€lt auch die emeritierte Historikerin an der UniversitĂ€t Oldenburg, Katharina Hoffmann, fĂŒr nötig. Dass der «Brauch des Schlagens» abgeschafft wird, begrĂŒĂŸt die Wissenschaftlerin, die unter anderem 2020 zu Klaasohm geforscht hatte. «Die Borkumerinnen und Borkumer sind spĂ€t dran. Aber es ist gut, dass sie jetzt diesen Schritt gemacht haben. Dennoch ist es wichtig, sich weiterhin mit dem Brauch auseinanderzusetzen und ihn weiter zu verĂ€ndern», sagte Hoffmann der dpa. 

Denn allein ohne das Schlagen sei der Brauch aus ihrer Sicht «nicht unschuldig und unproblematisch». Mit dem Fest werde nicht nur eine gewaltvolle Form von MĂ€nnlichkeit verknĂŒpft, auch werde eine BinaritĂ€t der Geschlechter, weiblich und mĂ€nnlich, hergestellt. «Was ist mit den Leuten, die sich nicht so eindeutig verorten», fragt die Forscherin, die auch eng mit dem Zentrum fĂŒr interdisziplinĂ€re Frauen- und Geschlechterforschung verbunden ist. 

Hoffmann sagte, es wundere sie, dass viele Borkumer betonten, das Fest sei wichtig fĂŒr die IdentitĂ€t und das ZugehörigkeitsgefĂŒhl auf der Insel. «Das ist schon sehr irritierend, dass man ein solches Fest braucht, um zu spĂŒren, wer man ist und wozu man gehört.» Die Frage, die damit verbunden ist, sei: «Wer ist ĂŒberhaupt Borkumer, wer ist Borkumerin? Gehören dazu GeflĂŒchtete und Arbeitsmigrantinnen, die regelmĂ€ĂŸig auf Borkum arbeiten?» Eine Diskussion darĂŒber, wie das Fest weiter reformiert werden kann, hĂ€lt Hoffmann fĂŒr nötig.

Krampus und Klausen als Touristen-Events

Eine Installation im FrĂŒhjahr im Museum fĂŒr Kunst & Gewerbe in Hamburg mit dem Titel «MĂ€nnerfeste - Moderne BrĂ€uche in Deutschland» analysierte neben Klaasohm noch andere MĂ€nnerrituale. Denn wĂ€hrend in der Arbeitswelt Frauen gegen Diskriminierung gerichtlich vorgehen können, halten sich im Bereich von BrĂ€uchen und Traditionen weiterhin MĂ€nnerbĂŒnde, die Frauen ausschließen und die eigene Überlegenheit zelebrieren. 

In der Nacht zum Nikolaus oder am Nikolaustag treiben auch im AllgĂ€u furchteinflĂ¶ĂŸende Gestalten in FellgewĂ€ndern mit Tierköpfen oder Kappen mit Ochsenhörnern ihr Unwesen. Beim sogenannten Klausentreiben geht es laut der offiziellen Internetseite des AllgĂ€us darum, böse Nachtgeister zu vertreiben. Statt Geistern wĂŒrden heute vorwitzige Zuschauer gejagt. 

FrĂŒher dienten die wilden Hiebe auf Passanten und GegenstĂ€nde nach Angaben des Klausenvereins Sonthofen dem Zweck, alles zu vertreiben, was sich bewegte oder verdĂ€chtig wirkte. «Heutzutage findet dies natĂŒrlich gesittet unter Beachtung bestimmter Regeln und Richtlinien durch die Klausen statt», heißt es auf der Internetseite des Vereins. Die Klausen sind verkleidete junge MĂ€nner. In einigen Orten gibt es aber auch einen vergleichbaren Brauch fĂŒr Frauen. Beim BĂ€rbeletreiben treiben an Hexen erinnernde verkleidete Frauen ihr Unwesen und sind auch mit Ruten bewaffnet. 

Krampus heißt eine gruselige Gestalt in Begleitung des Nikolaus in Österreich und Oberbayern. In vielen Gemeinden werden rund um den 6. Dezember KrampuslĂ€ufe veranstaltet, junge MĂ€nner tragen Holzmasken, zottelige FellkostĂŒme und Glocken. Körperverletzungen kommen bei diesen Volksfesten immer wieder vor, dabei werden auch Krampusse von Zuschauern attackiert. Laut des Vereins Tourismus Oberbayern MĂŒnchen sind die KrampuslĂ€ufe heute zivilisierter als frĂŒher, dennoch gehe es dort immer noch rau zu.

@ dpa.de