Jugend, Deutschland

Risiko E-Scooter? – Jugendtrend mit Folgen

Veröffentlicht am: 07.08.2026 um 06:00 Uhr | dpa.de

Viele Jugendliche dĂŒsen gerne auf dem E-Scooter durch die Stadt. Zurzeit ist kein GefĂ€hrt angesagter. Doch die Unfallgefahr ist hoch.

  • Die Zahl der E-Scooter-UnfĂ€lle ist stark gestiegen. Betroffen sind laut Fachleute vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. (Archivbild) - Bild: Christian Charisius/dpa
    Die Zahl der E-Scooter-UnfÀlle ist stark gestiegen. Betroffen sind laut Fachleute vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. (Archivbild) - Bild: Christian Charisius/dpa
  • Die Fahrbahn falsch benutzen oder verbotenerweise auf dem Gehweg fahren - das birgt laut einer Expertin das grĂ¶ĂŸte Unfallrisiko bei der Fahrt mit einem E-Scooter. (Archivbild) - Bild: Jens BĂŒttner/dpa
    Die Fahrbahn falsch benutzen oder verbotenerweise auf dem Gehweg fahren - das birgt laut einer Expertin das grĂ¶ĂŸte Unfallrisiko bei der Fahrt mit einem E-Scooter. (Archivbild) - Bild: Jens BĂŒttner/dpa
Die Zahl der E-Scooter-UnfĂ€lle ist stark gestiegen. Betroffen sind laut Fachleute vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. (Archivbild) - Bild: Christian Charisius/dpa Die Fahrbahn falsch benutzen oder verbotenerweise auf dem Gehweg fahren - das birgt laut einer Expertin das grĂ¶ĂŸte Unfallrisiko bei der Fahrt mit einem E-Scooter. (Archivbild) - Bild: Jens BĂŒttner/dpa

Vor vielen Schulen in Deutschland zeigt sich jeden Morgen dasselbe Bild: Aus allen Richtungen kommen Jugendliche auf E-Scootern angebraust, mal allein, mal verbotenerweise zu zweit. Manche fahren auf einem Leihfahrzeug, andere haben lÀngst ihren eigenen Scooter. Bei vielen jungen Leuten ist er aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. 

Doch so lÀssig eine Fahrt darauf wirken mag, die potenzielle Gefahr sollte man nicht unterschÀtzen. Nicht nur die Unfallzahlen steigen. Fachleute sehen auch andere gesundheitlichen Risiken. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Trend:

Wieso sind E-Scooter bei jungen Leuten so beliebt?

1,4 Millionen E-Scooter gab es laut dem Statistischen Bundesamt 2023 in privaten Haushalten. Die Beliebtheit dĂŒrfte laut dem MobilitĂ€tsexperten Sören Groth vom Institut fĂŒr Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund inzwischen weiter zugenommen haben. Dazu kommen nach seinen Angaben etwa 200.000 Leihscooter, die ĂŒberwiegend in GroßstĂ€dten unterwegs sind.

Dass die GefĂ€hrte gerade bei Jugendlichen angesagt sind, liegt ihm zufolge daran, dass sich E-Scooter in diesem Alter gut eignen, den persönlichen Aktionsradius zu erweitern und mobil zu werden. E-Scooter seien fĂŒr junge Leute das ideale Verkehrsmittel, um zu lernen, sich selbstbestimmt in der Umgebung zu bewegen und die noch kleine Welt um sie herum zu erkunden.

«Den Jugendlichen ist ein cooles Design wichtig, sie schwitzen dabei nicht, fahren vielleicht – unerlaubterweise – auch mal mit dem besten Freund oder der besten Freundin eng umschlungen.» Allerdings nutzten junge Leute heutzutage eine breite Palette an Verkehrsmitteln. E-Scooter seien aktuell eine Art Hype-Objekt. «Morgen könnten auch wieder bestimmte FahrrĂ€der bei Jugendlichen auf der Eins stehen», meint Groth.

Wie groß ist das Unfallrisiko mit dem E-Scooter?

Schaut man auf die Gesamtzahl der VerkehrsunfÀlle mit Verletzten in Deutschland, machten 2025 die, an denen ein E-Scooter-Fahrer beteiligt war, laut dem Statistischen Bundesamt nur einen geringen Anteil aus. Allerdings registrierte die Polizei demnach im vergangenen Jahr fast 16.500 E-Scooter-UnfÀlle - im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von rund 38 Prozent. 

Nicht nur der starke Anstieg beunruhigt Fachleute wie Unfallforscherin Kirstin Zeidler vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), sondern auch das Alter der Betroffenen. «Am meisten verunglĂŒcken tatsĂ€chlich die 15- bis 17-JĂ€hrigen», sagt sie. Mehr als die HĂ€lfte der VerunglĂŒckten sei jĂŒnger als 25 Jahre.

JĂŒngere fahren hĂ€ufiger mit einem Leih-Scooter, wie eine GDV-Befragung ergeben hatte. Im Gegensatz zu Menschen, die einen eigenen E-Scooter besitzen, sind diese nach EinschĂ€tzung von Zeidler weniger geĂŒbt im Umgang, tragen seltener Helm und halten sich oft weniger an die geltenden Regeln. 

Eine aktuelle, im Fachjournal «Scientific Reports» veröffentlichte Studie aus Großbritannien bestĂ€tigt den Alterstrend und vergleicht zudem das Unfallrisiko mit anderen GefĂ€hrten: E-Scooter-Fahrer ziehen sich bei UnfĂ€llen demnach deutlich hĂ€ufiger Kopfverletzungen und SchĂ€digungen innerer Organe zu als Motorrad- oder Fahrradfahrer. Demnach ist das relative Risiko fĂŒr ein SchĂ€del-Hirn-Trauma bei E-Scooter-UnfĂ€llen 3,45-mal höher als bei Motorradfahrern und 1,74-mal höher als bei Radfahrern. 

Auch das Risiko fĂŒr Verletzungen innerer Organe (1,46-mal höher) und GefĂ€ĂŸtraumata (3,24-mal höher) ĂŒbersteigt das von Motorradfahrern deutlich, wĂ€hrend das Risiko fĂŒr KnochenbrĂŒche im Vergleich geringer ausfĂ€llt. Das berechneten die Forscher auf Basis von Daten des nationalen Traumaregisters (aus dem Zeitraum 2020 bis 2022) und Berichte eines Leihanbieters aus 18 StĂ€dten in England und Wales (aus dem Zeitraum 2020 bis 2024).

Was sind die Ursachen fĂŒr UnfĂ€lle mit dem E-Scooter?

«Was wir bei den E-Scooter-Fahrern beobachten, ist, dass sie gemessen an der Fahrleistung mehr Fehler machen als Radfahrende», sagt Unfallforscherin Zeidler. Der hĂ€ufigste sei, dass diese die Fahrbahn falsch benutzten oder verbotenerweise auf dem Gehweg fahren wĂŒrden. Außerdem komme es hĂ€ufiger vor, dass der Fahrer oder die Fahrerin Alkohol getrunken habe. 

GefÀhrlich wird es auch, wenn zwei - oder sogar drei - Leute gleichzeitig mit dem E-Scooter fahren. Das Problem: Diese haben laut Zeidler eine ganz andere Fahrdynamik, als man es von FahrrÀdern gewohnt ist. Diese haben kleinere RÀder, die StabilitÀt ist schlechter. Dazu kommt ein vergleichsweise hohes Gewicht. 

Dadurch kann es schneller wackelig werden, wenn man Bordsteinkanten ĂŒberfĂ€hrt, Hindernissen ausweichen oder plötzlich bremsen muss. Und noch wackeliger wird es mit mehreren FahrgĂ€sten.

Seitlich abspringen? «Bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h, die man ja mit einem Scooter fahren kann, kommt es dann im Zweifel erst recht zum Sturz», sagt Zeidler. Entsprechend hoch sei der Anteil der AlleinunfĂ€lle. 16 der 33 Menschen, die 2025 in der Folge von E-Scooter-UnfĂ€llen starben, verunglĂŒckten der Statistik zufolge ohne Beteiligung anderer. 

Welche Verletzungen sind typisch?

Bei StĂŒrzen mit dem E-Scooter brechen sich viele der Fahrer oder Fahrerinnen nach den Erfahrungen von Professor Rainer Wirtz von den Bezirkskliniken Schwaben die Arme oder HĂ€nde. «Die andere große Gruppe ist die mit Kopfverletzungen, weil die meisten keinen Helm tragen.» 

DarĂŒber hinaus kann es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Kinder- und Jugendchirurgie bei E-Scooter-UnfĂ€llen zu Verletzungen des Bauchraums und KnochenbrĂŒchen im Rumpfbereich kommen. Oft sind die UnfĂ€lle demnach schwer und ein Teil der Betroffenen muss stationĂ€r im Krankenhaus bleiben. 

Bei schweren SchĂ€del-Hirn-Traumata seien die Folgen dramatisch, sagt Wirtz. «Das unterbricht oft LebenslĂ€ufe. Das sind in allererster Linie jĂŒngere Menschen, die aus der Ausbildung oder der Schule herausgeholt werden und hĂ€ufig nicht mehr an ihre vorherige Laufbahn anknĂŒpfen können.»

Das Risiko eines schweren Unfalls wird aus seiner Sicht bei den E-Scootern oft unterschÀtzt. «Die stehen an jeder Ecke herum und erinnern an die Tretroller, die man als Kind benutzt hat», meint er. «Dass etwas passieren kann, ist da nicht im Bewusstsein.» 

Was bedeutet das fĂŒr FußgĂ€nger?

Die FußgĂ€ngerlobby Fuss e.V. sieht E-Scooter, die auf Gehwegen fahren eindeutig als Gefahr. Gerade Kinder und alte Leute könnten den GefĂ€hrten nicht schnell genug ausweichen, betont Sprecher Roland Stimpel. «Das heute chaotische E-Scooter-Fahren muss dringend zivilisiert werden.»

Der Verein fordert deshalb hohe Geldbußen fĂŒr das Fahren auf dem Gehweg – Ă€hnlich wie in Frankreich von 135 Euro. Das Verwarngeld sei aber gerade von 15 auf viel zu geringe 25 Euro erhöht worden, kritisiert Stimpel. Das Mindestalter sollte auf 15 Jahre angehoben werden und ein Kenntnisnachweis wie beim Mofa verpflichtend sein. «Wir wollen E-Scooter nicht pauschal verbieten», sagt er. «Richtig genutzt können sie durchaus nĂŒtzlich sein.»

Welche Folgen könnte der E-Scooter-Trend noch haben?

Fachleute wie der VizeprĂ€sident der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Sportmedizin und PrĂ€vention, Prof. Ingo Tusk, befĂŒrchten, dass die E-Scooter, die ĂŒberall in der Stadt herumstehen, dazu verleiten, sich noch weniger zu bewegen. «Da werden selbst die kleinen Wege nicht mehr zu Fuß gemacht.» 

Bedenklich findet er das vor allem, weil immer mehr Kinder und Jugendliche ĂŒbergewichtig seien. Neben gezieltem Sport seien deshalb kleine AktivitĂ€ten im Alltag wichtig - wie Treppensteigen, zu Fuß zur Schule gehen oder mit dem Fahrrad fahren, sagt der Chefarzt fĂŒr SportorthopĂ€die und Endoprothetik an den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken. 

Der Bewegungsmangel im Alltag wirke sich zudem negativ auf die motorische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen aus, hat Tusk beobachtet. «Es gibt viele, die nicht mehr Radfahren oder schwimmen können.»

Wie lÀsst sich die Unfallgefahr senken?

«Wir mĂŒssen die Jugendlichen befĂ€higen, am Straßenverkehr sicher teilnehmen zu können», sagt Zeidler. «Da sehen wir einen ganz großen Nachholbedarf.» Der FahrradfĂŒhrerschein in der Grundschule vermittle nur das Basiswissen fĂŒrs Radfahren und reiche nicht. Zudem kĂ€men bei Jugendlichen andere Themen dazu, wie riskanteres Fahren, Alkoholkonsum oder Handynutzung im Verkehr. Die Expertin plĂ€diert deshalb fĂŒr eine Verkehrsausbildung in der weiterfĂŒhrenden Schule. 

Die deutsche Verkehrswacht bietet bereits seit 2019 E-Scooter-Trainings an. «Hier geht es nicht nur darum, Verkehrsregeln zu vermitteln, sondern die Fahrenden in ihrem Risikobewusstsein und ihrer Fahrkompetenz zu stĂ€rken sowie rĂŒcksichtsvolles Verhalten im Straßenverkehr zu fördern», erklĂ€rt Sprecherin Elisabeth Fitzke. Die Plattform Scootskills bĂŒndelt zudem seit Juli Informationen und Angebote, damit man passende Trainings in der Umgebung finden kann oder etwa Schulen selbst solche auf die Beine stellen können.

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