«Reine Zufallsopfer» - Illerkirchberg-Prozess hat begonnen
02.06.2023 - 15:55:39Dick eingepackt in einer groĂen Jacke, die Kapuze auf dem Kopf, einen Mund-Nasen-Schutz im Gesicht: So betritt der Angeklagte im Prozess um den blutigen Messerangriff auf zwei SchĂŒlerinnen in Illerkirchberg am Freitag den Gerichtssaal.
Die Staatsanwaltschaft in Ulm wirft dem 27-jĂ€hrigen Mann aus Eritrea Mord und versuchten Mord in Tateinheit mit gefĂ€hrlicher Körperverletzung vor. Ihm werden die Mordmerkmale der HeimtĂŒcke und der Tötung zur Ermöglichung einer Straftat zur Last gelegt.
Beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Ă€uĂert sich der 27-JĂ€hrige nicht, es wird lediglich die Anklage verlesen. Der Andrang auf den ZuschauerplĂ€tzen hĂ€lt sich an diesem Tag in Grenzen, einige PlĂ€tze bleiben frei. DafĂŒr ist das Medieninteresse sehr hoch.
Nach nicht einmal 20 Minuten ist der erste Prozesstag jedoch schon wieder vorbei. Die Verhandlung selbst ist damit kĂŒrzer als das Warten auf ihren Beginn: Der Dolmetscher fĂŒr den Angeklagten verspĂ€tete sich um eine halbe Stunde. Von Anfang an sei am ersten Verhandlungstag nur die Verlesung der Anklage geplant gewesen, sagt eine Gerichtssprecherin. Grund dafĂŒr sei, dass ein Verfahrensbeteiligter nicht anwesend sein konnte - stattdessen kam eine Vertreterin. Auch sei nicht klar gewesen, ob der psychiatrische SachverstĂ€ndige kommen könne. Er war bei der Verhandlung jedoch dabei.
StaatsanwÀltin: «Zur falschen Zeit am falschen Ort»
Die Wege des mutmaĂlichen TĂ€ters und der beiden SchĂŒlerinnen kreuzten sich der Ermittlungsbehörde zufolge am 5. Dezember zufĂ€llig. «Es waren reine Zufallsopfer. Man kann tatsĂ€chlich sagen, die beiden MĂ€dchen waren an diesem Tag zur falschen Zeit am falschen Ort», sagt die StaatsanwĂ€ltin.
Die MĂ€dchen waren auf dem Weg zur Schule, als sie angegriffen wurden. Der Angeklagte habe sie erst gegrĂŒĂt und dann zugestochen. Die 14-JĂ€hrige ĂŒberlebte den Messerangriff nicht, sie erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Ihre 13 Jahre alte Freundin konnte schwer verletzt fliehen und ĂŒberlebte. Ziel des mutmaĂlichen TĂ€ters waren nicht die beiden MĂ€dchen, sondern das Landratsamt des Alb-Donau-Kreises.
Angeklagter wollte mit Messer Reisepass erzwingen
«Der Angeklagte wollte einen Reisepass erlangen, um mit diesem Reisepass nach Ăthiopien reisen zu können, um dort eine Frau heiraten zu können», sagt die StaatsanwĂ€ltin. Das Landratsamt habe ihm aus seiner Sicht zu Unrecht die Ausstellung des dafĂŒr nötigen Passes verweigert. Das Dokument habe er am Tattag mit einem Messer erzwingen wollen.
Vor seiner HaustĂŒr soll er das Messer aus seinem Rucksack geholt und in die Jacke gesteckt haben, um es im Landratsamt griffbereit zu haben. In diesem Moment seien die Kinder an dem Haus vorbeigekommen. Der 27-JĂ€hrige habe angenommen, dass die SchĂŒlerinnen die Waffe gesehen hĂ€tten. Daraufhin habe er beschlossen, die beiden zu töten, damit sie seine PlĂ€ne nicht durchkreuzten. «TatsĂ€chlich bemerkten die MĂ€dchen das Messer bei ihm aber nicht», sagt die StaatsanwĂ€ltin.
Angeklagter blickt stets nach unten
WÀhrend die StaatsanwÀltin die Anklage verliest und auch danach, blickt der 27-JÀhrige stets nach unten. Er sei deutlich mitgenommen, so seine Verteidigerin vor und nach der Verhandlung. Seit 2015 lebe er in Deutschland, spreche und verstehe Deutsch, sei als Leiharbeiter tÀtig gewesen und habe keine Leistungen bezogen. Trotzdem habe er noch in der Asylunterkunft in Illerkirchberg «unter nicht so schönen UmstÀnden» gelebt.
Bis auf ein kleines Verfahren wegen Fahrens ohne FĂŒhrerschein sei er strafrechtlich völlig unbelastet, sagt die Juristin. Von der Presse wird sie gefragt, ob ihr Mandant Reue zeige. «Er ist sehr introvertiert und hat nach dem Vorfall auch versucht, sich umzubringen. Also ich denke, ein gröĂeres Anzeichen fĂŒr Reue gibt es eigentlich nicht.»
Ob sich der Angeklagte zu den VorwĂŒrfen einlassen wird, ist der Verteidigerin zufolge noch unklar. Die Möglichkeit dazu hat er beim zweiten Verhandlungstag am 13. Juni.
Tat sorgte fĂŒr Entsetzen
Die Tat erschĂŒtterte die Menschen in der Region und sorgte bundesweit fĂŒr Schlagzeilen. Die Familien der beiden MĂ€dchen schlossen sich dem Verfahren als NebenklĂ€ger an. Am ersten Prozesstag waren die Eltern der Getöteten nicht zu sehen.
Der Vater des MĂ€dchens hatte sich bei einem BĂŒrgerdialog mit emotionalen Worten zur Tat geĂ€uĂert und sich fĂŒr den Abriss der FlĂŒchtlingsunterkunft ausgesprochen, vor der seine Tochter getötet wurde. Diesen Wunsch erfĂŒllt die Gemeinde. FĂŒr Illerkirchberg sei das alles auch ein halbes Jahr spĂ€ter noch ein Alptraum, hatte Illerkirchbergs BĂŒrgermeister Markus HĂ€uĂler (parteilos) gesagt.
FĂŒr den Prozess sind fĂŒnf Termine angesetzt. Ein Urteil könnte am 4. Juli ergehen. Dem Angeklagten droht eine lebenslange Haftstrafe.





