Karpaten, BĂ€ren

Karpaten: BĂ€ren rĂŒcken Menschen auf den Pelz

15.08.2025 - 06:57:40

Weil sich ihr Bestand verdoppelt hat, laufen einem in RumĂ€nien immer öfter wilde BĂ€ren ĂŒber den Weg. Auch in Griechenland und Italien kommen die Tiere dem Menschen nĂ€her - mit gefĂ€hrlichen Folgen.

  • Es ist problematisch, wenn Menschen BĂ€ren fĂŒttern. - Foto: Kathrin Lauer/dpa

    Kathrin Lauer/dpa

  • Auch in Griechenland sind die BĂ€ren fĂŒr Menschen ein Problem. - Foto: Takis Tsafos/dpa

    Takis Tsafos/dpa

Es ist problematisch, wenn Menschen BĂ€ren fĂŒttern. - Foto: Kathrin Lauer/dpaAuch in Griechenland sind die BĂ€ren fĂŒr Menschen ein Problem. - Foto: Takis Tsafos/dpa

Plötzlich bewegt sich etwas im Dickicht, die Autofahrer sind entzĂŒckt: Ein kleiner BraunbĂ€r lĂ€uft die Bergstraße Transfagarasan entlang - bei herrlichem Sommerwetter in den rumĂ€nischen Karpaten. Hundert Meter weiter gibt es eine Parkbucht; man kann dort stehenbleiben, um das wilde Tier zu fotografieren. Der von Natur aus eher menschenscheue BĂ€r ist Sekunden spĂ€ter auch da. Er hofft auf Futter von den Touristen, genau wie viele seiner Artgenossen.

Landesweit soll es laut einer neuen Studie im Auftrag des Umweltministeriums in RumĂ€nien 10.419 bis 12.770 BĂ€ren geben - mehr als doppelt so viele wie bisher gedacht. In keinem anderen europĂ€ischen Land abseits von Russland existiert damit ein derart hoher Bestand der Tiere. Es sind zu viele: Rund 5.000 BĂ€ren gelten in RumĂ€nien als vertrĂ€glich fĂŒr das natĂŒrliche Gleichgewicht.

JĂ€ger halten das 2016 eingefĂŒhrte Abschuss-Verbot fĂŒr die Ursache der rasanten Vermehrung, TierschĂŒtzer wiederum prangern das FĂŒttern durch den Menschen an. Mittlerweile dĂŒrfen BĂ€ren wieder offiziell abgeschossen werden - jĂ€hrlich gibt es dazu erlaubte Quoten von mehreren Hundert.

Schon seit Jahrzehnten spricht man in RumĂ€nien von einer BĂ€ren-Plage, etwa im zentralrumĂ€nischen SiebenbĂŒrgen: In Brasov suchen sie regelmĂ€ĂŸig in den MĂŒlltonnen nach Essbarem. Mitten in Sibiu kletterte ein junger BĂ€r 2016 sogar von einem Hausdach zum anderen. Nicht nur in RumĂ€nien, auch in Griechenland und in Italien begegnen sich Mensch und BĂ€r immer öfter.

In der Parkbucht am Transfagarasan nahe dem Ort Arefu bleiben drei Autos stehen, darunter eines mit einer Reporterin der dpa. Ein Tourist wirft dem BĂ€ren eine Banane zu, obwohl Dutzende unĂŒbersehbare Schilder der Behörden das BĂ€renfĂŒttern verbieten. Der BĂ€r schnuppert an der Banane, lĂ€sst sie aber liegen. Dann tapst er wieder zurĂŒck in den Wald. Wenige Kilometer weiter brĂ€t jemand Schoko-CrĂȘpes an einem Kiosk, der nachts mit einem elektrischen Zaun vor BĂ€ren geschĂŒtzt wird.

BraunbÀr ist kein TeddybÀr

Diese Begegnung mit dem BĂ€ren hĂ€tte durchaus schlimm enden können. Zwar war das Tier höchstens fĂŒnf Jahre alt, wie der Tierarzt und TierschĂŒtzer Ovidiu Rosu aufgrund der Fotos schĂ€tzt. Mit seinen 50 bis 80 Kilo hĂ€tte der halbwĂŒchsige BĂ€r einem Menschen schon gefĂ€hrlich werden können. Ausgewachsen mit etwa 200 Kilo wĂ€re das Tier erst im Alter von 10 bis 15 Jahren. 

Der BĂ€r mag niedlich wirken, doch in der freien Natur gehen diese Tiere brutal miteinander um: In der Regel töten die MĂ€nnchen den Nachwuchs, um schnell eine neue Paarungsbereitschaft der BĂ€rin auszulösen. Darum fliehen die BĂ€rinnen mit ihren Jungen vor den MĂ€nnchen - oft Richtung Waldrand und Straßen. 

Erst kĂŒrzlich kam am Transfagarasan ein Italiener durch einen BĂ€renangriff ums Leben: Der 48-JĂ€hrige hatte eine BĂ€rin gefĂŒttert und ihr danach den RĂŒcken zugewandt, um ein gemeinsames Selfie zu schießen. Das Tier zerrte ihn danach in eine Schlucht, wo der Mann schließlich tot aufgefunden wurde. Was er wohl nicht gewusst hatte: Das Zuwenden des RĂŒckens kann den Jagdinstinkt des BĂ€ren auslösen. BĂ€renangriffe sind in RumĂ€nien hĂ€ufig - meistens auf Wanderer und Hirten.

Auch im Nordwesten Griechenlands kommt es immer wieder zu ZwischenfĂ€llen mit BĂ€ren, wenngleich ihre Population in den letzten Jahren nicht zugenommen hat. So wurden zuletzt im Juni zwei griechische Wanderer von einem BĂ€ren angegriffen. Einer der MĂ€nner wurde dabei von einem Hieb des Tieres einen Steilhang hinuntergestoßen und starb durch den Sturz. Es wird vermutet, dass der Hund der Wanderer den Zwischenfall ausgelöst hat, weil er den BĂ€ren gereizt habe. HĂ€ufiger als BĂ€renangriffe gibt es allerdings UnfĂ€lle, bei denen die Tiere selbst verletzt werden - etwa, wenn sie die Autobahn ĂŒberqueren.

Besorgte Griechen greifen zur Waffe

Dennoch haben die Bewohner Angst, denn mittlerweile wandern die BÀren auf Futtersuche in besiedelte Gegenden bis zur nordwestlichen Stadt Kastoria - angezogen von Abfall und ObstgÀrten, berichtet die Tierschutzorganisation Arcturos. «Ich gehe immer erst auf den Balkon, um zu schauen, ob meine BÀrin da ist, bevor ich aus dem Haus gehe», sagt eine Einwohnerin im Dorf Mavrochori. Manch einer greift sogar zur Waffe: Mindestens sieben BÀren wurden laut Arcturos seit dem Vorjahr von Privatleuten erschossen.

ProblembÀren im italienischen Trentino

In Italien bereiten den Bewohnern vor allem in den Alpen sĂŒdlich von SĂŒdtirol, etwa in den Brenta-Dolomiten, rund 100 wilde BraunbĂ€ren Sorgen: 2023 wurde dort ein 26-jĂ€hriger Italiener beim Joggen in den Bergen von einer BĂ€rin tödlich verletzt. Es war der erste bestĂ€tigte BĂ€renangriff mit Todesfolge im Land. Insgesamt wurden in der Region seit 2014 sieben Angriffe von BĂ€ren auf Menschen dokumentiert.

Laut Bericht der Provinz Trient streifen die BĂ€ren hier durch gut 3,4 Millionen Hektar Wald - fast so groß wie Baden-WĂŒrttemberg. Dennoch nĂ€hern sie sich auch Äckern und Bauernhöfen, angezogen von Nutztieren, Bienenstöcken und WeingĂ€rten. 2024 betrug der durch wildernde BĂ€ren gemeldete Schaden rund 145.000 Euro.

Baile Tusnad in RumĂ€nien Vorbild fĂŒr BĂ€ren-Management

Experten sind sich einig, dass besseres MĂŒll-Management die BĂ€ren fernhalten wĂŒrde. Als Modell dafĂŒr gilt die Karpaten-Kleinstadt Baile Tusnad. Dort wurden bĂ€renfeste MĂŒlltonnen eingefĂŒhrt und ObstbĂ€ume gerodet, weil FrĂŒchte die BĂ€ren anziehen. Viele Förster besuchen Schulungen in Baile Tusnad, wie etwa Puiu Gheorghe aus Rasnov, 70 Kilometer weiter sĂŒdlich. 66 BĂ€ren leben in seinem 10.000 Hektar großen Revier - optimal wĂ€ren hier höchstens 10. «Wir hatten hier sogar schon eine BĂ€rin mit fĂŒnf Jungen», sagt er. Normal wĂ€ren zwei oder drei BĂ€renkinder pro Wurf.

«In Baile Tusnad haben sie auch den Touristen das Handwerk gelegt, die frĂŒher von ihren Hotelzimmern aus Essen fĂŒr die BĂ€ren hinuntergeworfen haben», erzĂ€hlt Gheorghe. Derzeit plant das Umweltministerium eine Verdopplung der bereits geltenden BußgeldbetrĂ€ge fĂŒr das BĂ€renfĂŒttern: Im Höchstfall kann es umgerechnet fast 1.200 Euro kosten, so der Plan.

Mit Pfefferspray kann man sich schĂŒtzen

Auch ohne BĂ€ren zu fĂŒttern, kann Wandern gefĂ€hrlich sein: 2024 traf es eine 24-JĂ€hrige im Karpaten-Massiv Bucegi. Sie starb, nachdem ein BĂ€r sie in eine Schlucht gezerrt hatte.

Wie kann man sich schĂŒtzen? Manche Experten sagen: Nicht umdrehen und weglaufen, sondern langsam mit dem Gesicht zum BĂ€ren weggehen - am besten mit erhobenen Armen, um selbst grĂ¶ĂŸer zu wirken. Auch das sei aber keine Garantie, meinen der Förster Gheorghe und der Tierarzt Rosu. Die beste Lösung sei Pfefferspray, sagt Rosu. Denn der Geruch ist fĂŒr BĂ€ren unangenehm. Besser noch: Beim Wandern laut sprechen oder singen. Der BĂ€r taucht dann gar nicht erst auf.

@ dpa.de