Wem gehört Bali? - Wie digitale Nomaden eine Insel verÀndern
Veröffentlicht am: 10.08.2026 um 05:50 Uhr | dpa.deSchon kurz nach Sonnenaufgang tragen Dutzende Surfer ihre Bretter zum Strand von Canggu. Zwei Stunden spĂ€ter klappern in den CafĂ©s des balinesischen KĂŒstenortes die ersten Tastaturen. Auf den Tischen stehen Flat White und Smoothie Bowls, daneben Laptops und Tablets - mit freiem Blick aufs blaue Meer. Programmierer schreiben Code, Designer entwerfen Logos, Influencer schneiden ihre neuesten Videos.Â
Canggu liegt an der SĂŒdwestkĂŒste Balis - und ist der wohl beliebteste Hotspot fĂŒr digitale Nomaden auf der indonesischen Insel. Zwischen hippen Lokalen, Yogastudios und Coworking Spaces ist aber vom einstigen Fischerdorf heute kaum noch etwas zu erkennen. Ăberall wird gebaut: KrĂ€ne ragen in den Himmel, Bagger fressen sich durch die Erde - und mit jedem neuen Bauprojekt verschwinden weitere Reisfelder.
Die zunehmende Zahl von LangzeitgĂ€sten vor allem aus Europa, Russland und Australien sorgt inzwischen fĂŒr immer mehr Unmut bei den Einheimischen. «Alles hat sich in den letzten Jahren verĂ€ndert, und das macht uns manchmal sehr traurig», sagt die Hotelangestellte Giri. «Unsere Natur, die typischen Landschaften verschwinden, weil fast alles Land an reiche Investoren verkauft wird.» Dann beginnt sie zu weinen.
 Wem gehört Bali?
Wer heute durch Canggu spaziert, kann sich zwischen all dem Beton kaum noch vorstellen, wie der Ort frĂŒher einmal aussah. Der Wandel begann schleichend und nahm dann vor gut zehn Jahren rasant an Fahrt auf. Aus dem charmanten Fischerdorf mit seinen schmalen Wegen wurde innerhalb weniger Jahre einer der bekanntesten Hotspots fĂŒr digitale Nomaden weltweit - samt Verkehrschaos, LĂ€rmbelĂ€stigung, MĂŒllmassen und Bauboom.Â
Leicht bekleidete AuslĂ€nder auf gemieteten Rollern, ohne Helm, dafĂŒr aber mit Surfbrett unter dem Arm oder Hund auf dem SchoĂ - solche Szenen gehören mittlerweile zum typischen StraĂenbild. Und haben den Ărger vieler Balinesen weiter angeheizt. Schon 2023 sah sich Gouverneur Wayan Koster gezwungen, einen offiziellen Verhaltenskodex fĂŒr internationale GĂ€ste zu veröffentlichen - vom respektvollen Verhalten in Tempeln bis zur Helmpflicht auf dem Motorroller.
Die Frage, wem Bali eigentlich gehört, wird auf der Insel seit einiger Zeit lauter. Immer hĂ€ufiger entsteht der Eindruck, dass Expats - dauerhaft auf der Insel lebende AuslĂ€nder - eigene Netzwerke, Treffpunkte und GeschĂ€ftsmodelle aufbauen, in denen Balinesen mitunter nur noch eine Nebenrolle spielen. Erst im Juli brach ein Sturm der EntrĂŒstung ĂŒber zwei NiederlĂ€nder herein - so heftig, dass die Behörden kurzerhand die ReiĂleine zogen.
Was war passiert?
Die beiden MĂ€nner hatten in Canggu eine internationale Laufgruppe namens Entourage Bali gegrĂŒndet, die ĂŒber soziale Medien schnell zahlreiche Mitglieder anzog. Unter anderem wurden «Silent Disco Runs» organisiert, bei denen Teilnehmer mit Kopfhörern durch die StraĂen joggten.
Dann aber berichtete eine Indonesierin, sie habe sich in der Gruppe nicht anmelden können, wĂ€hrend ihr auslĂ€ndischer Ehemann problemlos akzeptiert worden sei. Das traf bei der Bevölkerung einen empfindlichen Nerv. Es entzĂŒndete sich eine heftige Debatte, die auch international Schlagzeilen machte.
Die Folge: Die beiden niederlĂ€ndischen GrĂŒnder dĂŒrfen wegen mutmaĂlicher VerstöĂe gegen Einwanderungsbestimmungen und des Vorwurfs der Diskriminierung nicht mehr nach Indonesien einreisen. Die MĂ€nner hĂ€tten ohne entsprechende Genehmigung Veranstaltungen organisiert, die nach Ansicht der Behörden faktisch nur AuslĂ€ndern offenstanden, hieĂ es. «Es darf aber keinen Staat im Staate geben», betonte der Generaldirektor der Einwanderungsbehörde, Hendarsam Marantoko.
Insel mit einzigartiger Kultur
Aber warum eigentlich Bali? Was lockt so viele Reisende an? Die Antwort liegt in einer Mischung, die weltweit ihresgleichen sucht: tropisches Klima, vergleichsweise niedrige Lebenshaltungskosten, eine groĂe internationale Gemeinschaft und eine Infrastruktur, die wie geschaffen scheint fĂŒr Menschen, die nur einen Laptop und eine Internetverbindung zum Arbeiten brauchen. Hinzu kommen die einzigartige hinduistisch geprĂ€gte Kultur der Insel, bunte Tempelzeremonien und die herzliche Gastfreundschaft vieler Balinesen.Â
Und die wollen die AuslĂ€nder auch gar nicht vertreiben. Der Tourismus ist seit Jahrzehnten eine der wichtigsten Einnahmequellen der Insel. Manche digitale Nomaden engagieren sich auch in Umweltprojekten und lernen Indonesisch. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen diejenigen, die sich dauerhaft niederlassen, ohne sich fĂŒr die Kultur und die Regeln ihres Gastlandes zu interessieren.
Warnung vor AuslÀnder-Enklaven
Die Kontroverse um die Laufgruppe hat deshalb einen Nerv getroffen. FĂŒr viele Balinesen ging es nie nur um eine Laufgruppe, sondern um die grundsĂ€tzliche Frage, ob es eine Parallelgesellschaft auf Bali geben darf - und wie viel VerĂ€nderung die Insel ĂŒberhaupt noch verkraften kann. Das gilt nicht nur fĂŒr Canggu, sondern auch fĂŒr andere beliebte Orte wie Ubud und Uluwatu.
Die Regionalregierung mĂŒsse endlich schĂ€rfer durchgreifen, wenn AuslĂ€nder die Regeln und Traditionen missachteten, fordert die Tourismusanalystin Hilda Ansariah Sabri. Gleichzeitig warnt sie davor, reine Expat-Enklaven entstehen zu lassen, die langfristig Einheimische vom Arbeitsmarkt und aus ihren Wohngebieten verdrĂ€ngen könnten.Â
Explodierende Immobilienpreise
«Es bringt wenig, hohe Deviseneinnahmen zu erzielen, wenn die Menschen vor Ort kein friedliches Leben mehr fĂŒhren können», sagt auch der Tourismusprofessor I Putu Anom von der örtlichen Udayana-UniversitĂ€t. Vor allem die explodierenden GrundstĂŒcks- und Immobilienpreise machen es vielen Balinesen zunehmend unmöglich, in ihrer eigenen Heimat noch ein Haus zu bauen oder zu kaufen.Â
Immer mehr Familien verpachten oder verkaufen deshalb ihr Land an wohlhabende Investoren. Und sie fragen sich gleichzeitig, wie Bali seinen einzigartigen Charakter bewahren soll, wenn ausgerechnet jene Menschen an den Rand gedrÀngt werden, die die Kultur der Insel seit Generationen lebendig halten. Die Hotelangestellte Giri ist lÀngst nicht mehr die Einzige, die um ihre Heimat weint.
