«Zehntausende Tode gestorben»: Lufthansa Àndert Geigen-Regel
Veröffentlicht am: 04.03.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS«Es war gespenstisch und ich bin zehntausende Tode gestorben». So schildert die Musikerin Carolin Widmann ihr Erlebnis bei einem Flug von Helsinki nach Leipzig. Am Check-in-Schalter der Lufthansa wird ihr nicht erlaubt, ihre 244 Jahre alte Geige samt Geigenkasten und Bögen als HandgepĂ€ck in den Flieger mitzunehmen. Sie packt das wertvolle Instrument von Giovanni Battista Guadagnini aus dem Jahr 1782 aus und hegt es auf dem Flug wie ein Baby auf ihrem SchoĂ.Â
Aus Angst wertvolle Geige unter Pullover gestecktÂ
Immer wieder hat die 49 Jahre alte Professorin fĂŒr Violine an der Hochschule fĂŒr Musik und Theater «Felix Mendelssohn Bartholdy» Leipzig Angst, dass das gute StĂŒck beschĂ€digt wird, traut sich nicht mal auf die Toilette. Bei der Essensausgabe schwitzt sie und verbirgt das Instrument unter ihrem Pullover. Es wĂ€re fĂŒr sie ein Alptraum, sollte Tomatensaft, Rotwein oder KartoffelpĂŒree auf die Geige spritzen oder Turbulenzen wĂ€hrend des Fluges auftreten.Â
Die Geige gehört ihr nicht, wird ihr von einer Londoner Stiftung zur VerfĂŒgung gestellt. «Die Versicherung verlangt von mir, dass ich die Geige niemals aus den Augen oder gar in fremde HĂ€nde ĂŒberlasse. Schon gar nicht, dass sie wie herkömmliche Koffer in den GepĂ€ckraum eines Fliegers geworfen wird», erlĂ€utert Widmann. Der Marktwert liegt ihren Angaben zufolge bei zwei Millionen Euro, als Kulturschatz sei sie jedoch unbezahlbar.Â
Musikerin: Einige Male gab auch der Pilot seine ZustimmungÂ
Hunderte Male sei sie auf ihren unzĂ€hligen Konzertreisen mit dem Geigenkasten als HandgepĂ€ck geflogen. «Es gab zwar ab und zu Diskussionen am Schalter und einige Male hat dann auch der FlugkapitĂ€n sein O.K. gegeben. Aber dieses eine Mal hat es nicht geklappt.»Â
Offener Brief an Lufthansa-Chef brachte ErfolgÂ
Nach dem Flug beschwert sie sich, bekommt aber nur eine unzureichende Antwort. Sie schildert ihr Problem in den sozialen Medien und schreibt schlieĂlich einen offenen Brief an Carsten Spohr, den Vorstandsvorsitzenden der Lufthansa. «Ich erhielt dann einen Anruf von einer sehr verstĂ€ndnisvollen Managerin der Lufthansa. Sie sagte, dass das Problem bisher nicht so bewusst war und sie dankbar fĂŒr den Hinweis sei», so Widmann. Und sie hat Erfolg.Â
Seit diesem MĂ€rz gibt es eine Ausnahme der strengen HandgepĂ€ckregeln bei der Lufthansa. Nach Angaben einer Sprecherin gilt fĂŒr Geigen, Ukulelen, Trompeten und Co. nun eine Summenregel: Höhe, Breite und Tiefe des Kastens addiert dĂŒrfen maximal 125 Zentimeter betragen. Damit können kĂŒnftig auch lĂ€ngere InstrumentenkĂ€sten mit in die Kabinen von Lufthansa, Eurowings, Austrian und Swiss. Das Instrument ersetzt dann ein sonstiges HandgepĂ€ckstĂŒck. Ansonsten bleibt es bei der LĂ€nge von Maximum 55 Zentimetern fĂŒr GepĂ€ck, das bei der Lufthansa Group mit in die Kabine darf.Â
Musikerin: Höflicher Ton öffnete TĂŒrenÂ
«Die Managerin sagte mir, dass sie vor allem der höfliche Ton des Briefes beeindruckt habe und sie wirklich helfen wollte», sagt die 49 Jahre alte Geigerin. Als die Ănderungen bekanntwerden, erhĂ€lt Widmann Dankesworte von Musikern aus der ganzen Welt. «Wir zittern alle beim Einchecken. Nun haben wir etwas VerlĂ€ssliches». Und auch bei der Lufthansa ist sie mittlerweile bekannt: «Immer wieder kommt es seitdem vor, dass mich Crewmitglieder erkennen und auf den Vorfall ansprechen.»Â
Anfangs hatte sie wenig Hoffnung, mit ihrer Beschwerde durchzukommen. «Viele sagten mir, dass ich keine Chance hĂ€tte, wenn ich es mit einem so groĂen Konzern aufnehme.» Aber der Erfolg habe ihr zweierlei gezeigt. «Man muss nicht immer eskalieren, um etwas zu erreichen. Eine gute Kinderstube und Höflichkeit sind auch hilfreich, um sich Gehör zu verschaffen. Zudem sitzen in den FĂŒhrungspositionen auch Menschen, die einem zuhören und Probleme lösen wollen.»Â
So sind die neuen Regeln fĂŒr gröĂere InstrumenteÂ
Seit dem 1. MĂ€rz gilt bei der Lufthansa fĂŒr gröĂere Instrumente:
- Man muss entweder einen eigenen Sitz buchen, falls die Tuba mit in der Kabine reisen soll.
- Oder das Instrument muss im Frachtraum mitfliegen.
- «Eine angemessene Transportverpackung liegt in der Verantwortung der FluggĂ€ste», schreibt die Lufthansa.Â
Jenseits von Kranich und Co. gibt es in der EU keine einheitlichen Regeln fĂŒr den Transport von Musikinstrumenten an Bord von Flugzeugen. HĂ€ufig kommen die Airlines Reisenden mit Instrumenten kulant entgegen, an anderer Stelle werden die vorgegebenen MaĂe rigoros umgesetzt. Im Zweifel erkundigt man sich besser vor dem Abflug.Â
Berliner Philharmonie mit speziellen Transportkisten unterwegsÂ
Die Musiker der Berliner Philharmoniker kennen das Problem. «FĂŒr unser Orchester ist das auf Tourneen keine Neuigkeit: GröĂere Instrumente und solche, die nicht sofort nach Ankunft benötigt werden, fliegen mit der Fracht», sagte eine Sprecherin auf Anfrage. DafĂŒr gebe es orchestereigene Transportkisten. Instrumente, die mit ins Flugzeug genommen werden, bekommen entweder einen eigenen Sitz (Celli z.B.) oder sie kommen in die GepĂ€ckanlage ĂŒber den Sitzen.
