Mörder auf der Flucht - Fragen zu einem spektakulÀren Fall
18.06.2026 - 20:50:45 | dpa.deDie Flucht eines verurteilten Mörders in Niedersachsen wirft viele Fragen auf. Der HĂ€ftling aus der Justizvollzugsanstalt Celle entkam wĂ€hrend eines begleiteten Ausgangs auf seinem eigenen Motorrad. Er gelangte ĂŒber die Grenze nach Italien. Erst ein Unfall wurde dem Mann zum VerhĂ€ngnis. Er wurde bei einem Sturz so schwer verletzt, dass er in einem Krankenhaus behandelt und dort festgenommen wurde. Der 42-JĂ€hrige ist seit 2010 in Haft.
Warum durfte der Mann das GefÀngnis verlassen?
Gefangene sollen lernen, ein Leben ohne Straftaten zu fĂŒhren. Mit AusgĂ€ngen sollen sie auf die Zeit nach der VerbĂŒĂung ihrer Haftstrafe vorbereitet werden. Sie sollen langsam wieder Verantwortung ĂŒbernehmen. Um HĂ€ftlinge schrittweise auf ihren spĂ€teren Alltag in Freiheit vorzubereiten, werden sogenannte Vollzugslockerungen gewĂ€hrt.Â
Vorab wird geprĂŒft, ob die Lockerungen verantwortet werden können. Wenn eine erhebliche Fluchtgefahr besteht oder es wahrscheinlich ist, dass der Gefangene, die Lockerungen fĂŒr Straftaten missbraucht, darf der Gefangene nicht raus.
Welche Möglichkeiten haben HĂ€ftlinge, das GefĂ€ngnis zu verlassen?Â
Nach dem niedersĂ€chsischen Justizvollzugsgesetz sind verschiedene Vollzugslockerungen möglich - jeweils unter bestimmten Voraussetzungen. So kann ein HĂ€ftling auĂerhalb des GefĂ€ngnisses arbeiten - entweder unter Aufsicht oder ohne Aufsicht. Möglich ist auch, dass er die Justizvollzugsanstalt fĂŒr eine bestimmte Tageszeit verlassen darf - mit oder ohne Aufsichtsperson. Selbst Urlaub ist unter bestimmten Bedingungen denkbar.Â
Der gesuchte StraftÀter floh bei einem begleiteten Ausgang - was genau ist das?
Bei einem begleiteten Ausgang darf der Gefangene das GefĂ€ngnis gemeinsam mit einem Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) vorĂŒbergehend verlassen. Dem geflohenen 42-JĂ€hrigen war am 16. Juni von 9.00 bis 17.00 Uhr in Begleitung eines JVA-Bediensteten Ausgang gewĂ€hrt worden, wie das Justizministerium in Hannover mitteilte. Ziel des Ausflugs an diesem Tag war die Wohnung der Mutter des Gefangenen.Â
Was ist ĂŒber die Flucht bekannt?
Gemeinsam mit dem GefĂ€ngnis-Mitarbeiter kam der HĂ€ftling am 16. Juni gegen 10.30 Uhr bei der Wohnung seiner Mutter an. Laut Justizministerium hatte er die Erlaubnis, an seinem Motorrad in der Garage zu schrauben. «WĂ€hrend der Arbeiten an dem Motorrad war der Bediensteten durchgĂ€ngig zugegen», betonte eine Sprecherin des Ministeriums.Â
Etwas spĂ€ter - gegen 14.30 Uhr - kehrte er nach Absprache allein in die Garage zurĂŒck, um die Arbeiten abzuschlieĂen. Warum ihn der JVA-Mitarbeiter diesmal nicht begleitete, ist laut Ministerium unklar. Diesen Moment nutzte der Mann, um mit dem Motorrad abzuhauen. Er gelangte ĂŒber Bayern in die italienische Region Venetien, sĂŒdlich von Verona verlor er die Kontrolle ĂŒber seine Maschine und stĂŒrzte.
Was ist ĂŒber die AusgĂ€nge des geflohenen StraftĂ€ters bekannt?Â
Der Gefangene durfte das GefĂ€ngnis schon viele Male vorĂŒbergehend verlassen. Dem Ministerium zufolge geschah die Flucht beim 38. Begleitausgang seit September 2023. An den vorherigen AusgĂ€ngen gab es demnach keine Beanstandungen.Â
Der Geflohene ist ein verurteilter Mörder. Gibt es nach solch schweren Straftaten besondere Regeln?Â
Menschen, die zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurden, mĂŒssen laut Gesetz in der Regel mindestens acht Jahre im Vollzug sein, bevor sie Ausgang oder Freigang erhalten. AuĂerdem gilt, dass Lockerungen erst angeordnet werden dĂŒrfen, wenn nicht zu befĂŒrchten ist, dass der Gefangene flieht oder Straftaten begeht. Der Geflohene sitzt seit Oktober 2010 in Haft.Â
Warum saà der Mann im GefÀngnis?
Der Deutsche verbĂŒĂt eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes und versuchter schwerer Vergewaltigung. Er hatte im Jahr 2010 die damals 23-jĂ€hrige Melanie aus Peine mit etlichen Messerstichen getötet, weil sie keinen Sex mit ihm haben wollte. Der Fall hatte weit ĂŒber die Grenzen des Landkreises fĂŒr Fassungslosigkeit und Entsetzen gesorgt.Â
FĂŒr den Mord an der Internet-Bekanntschaft verurteilte das Landgericht Hildesheim den damals 27-JĂ€hrigen 2011 zu lebenslanger Haft und stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest. Eine vorzeitige Entlassung des TĂ€ters aus der Haft nach 15 Jahren war damit nahezu ausgeschlossen. Der Mann hatte die Tat vor Gericht gestanden. Dem Ministerium zufolge muss der Mann mindestens 19 Jahre im GefĂ€ngnis bleiben.Â
Welche Konsequenzen gibt es nach der Flucht?
Die Behörden stellten die Fahndung nach der Festnahme ein. Das Justizministerium prĂŒft nun, ob bei dem Ausgang des Mannes Fehler passiert sind. Der Fall werde umfassend aufgeklĂ€rt, verspricht die Sprecherin der Behörde. Wenn nötig, sollen entsprechende Konsequenzen gezogen werden.
