Merz beim Gedenken im Ahrtal: Keinen allein lassen
Veröffentlicht: 14.07.2026 um 20:45 Uhr, dpa.deEs ist ein Tag der Trauer, des Mutmachens, des Zuhörens, aber auch der Versprechen: Am fĂŒnften Jahrestag der tödlichen Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Ahrtal der Opfer der Flutnacht vom Juli 2021 gedacht und die Konsequenzen daraus hervorgehoben.
Der rheinland-pfĂ€lzische MinisterprĂ€sident Gordon Schnieder (CDU) bat im Beisein von Merz bei der zentralen Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz von Bad Neuenahr-Ahrweiler die Menschen fĂŒr das Versagen des Staates um Entschuldigung und erntete dafĂŒr Applaus.
Merz spricht von Pflicht staatlicher OrganisationenÂ
Kanzler Merz sicherte in seiner Rede vor rund 1.000 Menschen allen von Natur- und Klimakatastrophen bedrohten oder betroffenen Menschen UnterstĂŒtzung zu. «Ich möchte es mit Nachdruck sagen: Kein Mensch, keine Stadt, keine Region darf und soll in unserem Land alleine bleiben mit der Furcht vor Katastrophen und Naturgewalten, mit der Furcht vor den Folgen des Klimawandels, den wir erleben», sagte er.
Steinmeier, der zuvor in der Kapelle des Friedhofs in Ahrweiler einen Kranz niederlegte, sagte: «Dieser Tag ist auch ein Auftrag an uns alle, mit unseren Möglichkeiten dafĂŒr zu sorgen, dass Hochwasserkatastrophen mit den Folgen, wie wir sie hier erlebt haben, sich möglichst nicht wiederholen.»
Mindestens 136 Tote alleine in Rheinland-PfalzÂ
Die Flut in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen war eine der verheerendsten Naturkatastrophen in der jĂŒngeren deutschen Geschichte. Nach tagelangem Starkregen verwandelte sich vor allem die Ahr in ihrem engen Tal in eine verheerende Sturzflut.
Mindestens 136 Menschen kamen in Rheinland-Pfalz ums Leben, 49 in Nordrhein-Westfalen. Mehrere Hundert wurden verletzt. Eine Person aus der Ahr-Region gilt bis heute als vermisst. Viele Ăberlebende kĂ€mpfen noch immer mit psychischen Folgen.Â
Der Staat habe damals sein Versprechen nicht eingehalten, seine BĂŒrgerinnen und BĂŒrger zu schĂŒtzen, sagte MinisterprĂ€sident Schnieder. «Der Staat hat in dieser Frage und in dieser Nacht versagt.» Fehlbarkeit habe dazu gefĂŒhrt, dass das Ahrtal nicht auf diese Katastrophe vorbereitet gewesen sei. Schnieder war zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe CDU-Landtagsabgeordneter.
Ausstellung zeigt PortrĂ€ts von Menschen aus der RegionÂ
Sowohl Schnieder als auch der BundesprĂ€sident waren am Vormittag bei der Eröffnung der Fotoausstellung «We Ahr Strong. FĂŒnf Jahre, ein neuer Blick» in Altenahr im Kreis Ahrweiler. Sie zeigt PortrĂ€ts von Menschen aus der Region und erzĂ€hlt unter anderem, was ihnen in der schweren Zeit geholfen hat, worauf sie stolz oder welche Zukunftsvisionen sie haben.Â
Der 89-jĂ€hrige Eberhard Schimanski aus Ahrweiler erzĂ€hlte: «Alles, was ich geliebt habe, ging in dieser einen schrecklichen Nacht verloren.» Seine Frau sei ihm in einer Flutwelle aus den Armen gerissen worden. Mittlerweile blickt er mit Zuversicht in die Zukunft. «Mir ist das Leben noch mal geschenkt worden, nach fĂŒnf Jahren nach dieser Flut.»
«FĂŒnf Jahre spĂ€ter ist der Schmerz und das Leid nicht vergessen», sagte Steinmeier. «Aber wenn wir hier sind, dann erinnern wir nicht nur an den Ort einer Katastrophe, sondern auch an einen Ort, der ein beeindruckendes MaĂ an SolidaritĂ€t erfahren hat.»
Die Flut miterlebt hat die parteilose LandrĂ€tin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand. Damals war sie noch BĂŒrgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr. Die Ausstellung zeige, dass von der Flut mehr geblieben sei als Zerstörung. Und doch: «Manche Verluste sind unersetzlich.» Sie bat den Bund um Ăffnung der Aufbauhilfefonds fĂŒr HochwasserrĂŒckhaltebecken.
Schnieder bei Lebenshilfe in Sinzig
Allein zwölf Menschen waren in der Flutnacht in der Lebenshilfe in Sinzig ums Leben gekommen. Am spĂ€ten Nachmittag besuchte Schnieder das neu renovierte Haus der Einrichtung fĂŒr Menschen mit geistiger Behinderung am Unterlauf der Ahr. «Das war die schlimmste Nacht, die ich je in meinem Leben erlebt habe», berichtete Carola Körbel, die damals in der Einrichtung wohnte. «Einer der gestorben ist, ist mein bester Freund gewesen.» Das Wasser sei so hoch gewesen, sagte sie und zeigt mit ihrer Hand eine Höhe ĂŒber ihrem Kopf.
Katastrophenschutz besser aufgestellt
Nach der Flut wurden Reformen im Katastrophenschutz angestoĂen, darunter ein Sirenen-Förderprogramm und die EinfĂŒhrung von Cell Broadcast als Warnsystem. Damit können Warnmeldungen direkt an alle Mobiltelefone gesendet werden, die zu einem Zeitpunkt in einem bestimmten Gebiet im Netz sind. In Rheinland-Pfalz entstand in der Folge unter anderem auch ein neues Landesamt fĂŒr Brand- und Katastrophenschutz.
Merz betonte, es sei Pflicht staatlicher Organisationen, Vorsorge zu treffen, wo Gefahren die Vorsorgekraft des Einzelnen ĂŒbersteigen wĂŒrden. In den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten erwarte man zu Recht, dass die Bundespolitik ĂŒber die Aufbauhilfefonds hinaus ihren Anteil an der UnterstĂŒtzung der Betroffenen leiste.
