EU will wieder Zölle fĂŒr bestimmte Agrarprodukte aus der Ukraine
20.03.2024 - 13:55:01 | dpa.de(Aktualisierung: 6. Absatz, Statement Caspary ergÀnzt.)
BRĂSSEL (dpa-AFX) - Die EU will zur UnterstĂŒtzung europĂ€ischer Landwirte wieder Zölle auf hohe Mengen bestimmter Lebensmittel aus der Ukraine einfĂŒhren. Darauf einigten sich UnterhĂ€ndler der EU-Staaten und des Europaparlaments in am frĂŒhen Mittwochmorgen in BrĂŒssel. Konkret geht dabei um Eier, GeflĂŒgel und Zucker sowie Mais, Hafer, GrĂŒtze und Honig, wie beide Institutionen mitteilten. FĂŒr diese Waren soll es kĂŒnftig ein gewisses Kontingent geben, das zollfrei in die EU verkauft werden darf. Wenn diese Menge erreicht ist, werden wieder Zölle fĂ€llig. Die Kontingente richten sich danach, wie hoch der Import der Waren im Schnitt in den Jahren 2022 und 2023 war.
Die Regeln sollen nach der vorlĂ€ufigen Einigung bis Juni 2025 gelten und mĂŒssen noch formell von den EU-Staaten und dem Parlament bestĂ€tigt werden. Kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges war beschlossen worden, der Ukraine zollfreien Zugang zum EU-Markt zu gewĂ€hren. Die MaĂnahmen galten jeweils fĂŒr ein Jahr. Nach Angaben des fĂŒr Handel zustĂ€ndigen EU-Kommissars Valdis Dombrovskis hat die EU nie zuvor derartige MaĂnahmen zur Handelserleichterung ergriffen.
Keine harte Grenze fĂŒr Weizen
FĂŒr die Einfuhr von Weizen sollen zunĂ€chst weiter keine Zölle gelten, allerdings sollen unter bestimmten Bedingungen MaĂnahmen ergriffen werden können. FĂŒr den GeneralsekretĂ€r des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard KrĂŒsken, ist das nicht nachvollziehbar. Auch Weizen hĂ€tte stĂ€rker einbezogen werden sollen, so der Bauernvertreter.
Die Ukraine ist ein weltweit wichtiger Produzent von Weizen, vor allem Menschen in Ă€rmeren LĂ€ndern sind auf gĂŒnstiges Getreide aus dem osteuropĂ€ischen Staat angewiesen. Wegen des russischen Angriffs auf das EU-Nachbarland konnte zeitweise kein Weizen auf dem fĂŒr den Handel wichtigen Seeweg aus dem Land gebracht werden. Die Preise fĂŒr Weizen waren zeitweise deutlich gestiegen.
Mit der Aussetzung der Zölle wollte die EU die Wirtschaft des angegriffenen Landes stĂ€rken. Nach Angaben des Vorsitzenden des Handelsausschusses des EU-Parlaments, Bernd Lange, werden der Ukraine dadurch rund 2,1 Milliarden Euro an Zöllen pro Jahr erlassen, nun könnten es rund 500 Millionen weniger werden. Das Parlament garantiere der Ukraine trotzdem einen umfassenden zollfreien Zugang fĂŒr ein weiteres Jahr.
"Das ist ein gutes Ergebnis der SolidaritĂ€t und der wirtschaftlichen UnterstĂŒtzung der Ukraine", sagte der SPD-Politiker. Es berĂŒcksichtige auch Absicherung gegen Verwerfungen in einigen Regionen. Der handelspolitische Sprecher der Linken im Europaparlament, Helmut Scholz, begrĂŒĂte das Ergebnis ebenfalls und sprach von einem gelungenen Drahtseilakt. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament, Daniel Caspary, sagte, es sei nie angedacht gewesen, dass Agrarprodukte den europĂ€ischen Markt fluteten und heimische Landwirtschaft vor Probleme stellten. Der gefundene Kompromiss bekomme die Interessen europĂ€ischer Landwirte sowie ukrainischer Bauern unter einen Hut.
Bauern im Osten der EU auf den Barrikaden
Mit der geplanten WiedereinfĂŒhrung von HandelsbeschrĂ€nkungen fĂŒr bestimmte Agrarwaren aus der Ukraine ab einer bestimmten Menge geht die EU ein weiteres Mal auf BĂ€uerinnen und Bauern zu. Nach auch gewaltsamen Protesten der Landwirte hatte etwa die EU-Kommission bereits temporĂ€r weniger strenge Umweltauflagen ermöglicht.
Im Zuge der andauernden Bauernproteste in der EU hatten etwa besonders Landwirte aus Polen Ănderungen der ukrainisch-europĂ€ischen Handelspolitik gefordert. Seit Monaten kritisieren polnische Bauern die Einfuhr gĂŒnstigerer Agrarprodukte aus der Ukraine. Sie wollen etwa verhindern, dass billigeres ukrainisches Getreide auf den heimischen Markt gelangt.
Landwirte aus vier weiteren östlichen EU-LĂ€ndern sahen sich durch gestiegene Importe von Waren aus der Ukraine einer unverhĂ€ltnismĂ€Ăigen Konkurrenz ausgesetzt. JĂŒngst wuchs aber auch der Druck aus Frankreich. Getreideerzeuger seien durch einen Preisverfall und explodierende Kosten geschwĂ€cht, sie wĂŒrden seit Monaten unter erheblichen Marktverzerrungen leiden, die durch den Zustrom von ukrainischem Getreide in die EU verursacht worden seien, teilten die französischen AgrarverbĂ€nde AGPB und AGPM Mitte Februar mit.
Der Druck der Bauern auf der StraĂe scheint damit weitere Wirkung zu zeigen. Noch im September hatte Handelskommissar Dombrovskis mit Blick auf östliche EU-Staaten gesagt: "Wir sehen derzeit keine Marktverzerrungen in diesen fĂŒnf Mitgliedsstaaten." Ungarn, Polen, Slowakei, RumĂ€nien und Bulgarien hatten die Einfuhren bestimmter Agrarprodukte zeitweise eigenstĂ€ndig beschrĂ€nkt. Eigentlich ist fĂŒr EU-Handelspolitik die EU-Kommission zustĂ€ndig. EU-Staaten dĂŒrfen in der Regel etwa nicht eigenstĂ€ndig bestimmte Importe verbieten.
Aus Deutschland gab es bislang keine groĂe Kritik an den Handelserleichterungen fĂŒr die Ukraine. Staatsministerin Anna LĂŒhrmann (GrĂŒne) hatte am Dienstagmorgen in BrĂŒssel gesagt die Bundesregierung setze sich dafĂŒr ein, dass die Ukraine weiterhin Agrarprodukte exportieren könne.
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