Altersvorsorge: Obligatorische Versicherung fĂŒr 2,15 Millionen SelbststĂ€ndige
01.07.2026 - 15:06:57 | boerse-global.de
Kernpunkt: die EinfĂŒhrung einer obligatorischen Altersvorsorge fĂŒr SelbststĂ€ndige. Die Verhandlungen basieren auf den Empfehlungen der Rentenkommission, die insgesamt 33 VorschlĂ€ge zur langfristigen Sicherung des Rentensystems vorgelegt hat. Auch VorstĂ€nde und Abgeordnete sollen kĂŒnftig in die Versicherungspflicht einbezogen werden.
Schweden als Vorbild
Die Expertenkommission setzt auf strukturelle Modernisierung. Ein zentraler Vorschlag: eine gesetzliche Kapitalrente nach schwedischem Vorbild. Der Beitragssatz liegt bei 2 Prozent, den Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur HĂ€lfte tragen. Kanzler Merz rechnet durch diese neue SĂ€ule mit jĂ€hrlichen Zuflusses von mindestens 30 Milliarden Euro fĂŒr den Kapitalmarkt.
ZusĂ€tzlich empfiehlt die Kommission, das Renteneintrittsalter kĂŒnftig an die Lebenserwartung zu koppeln â nach einer sogenannten 2:1-Regel. Weitere MaĂnahmen: die Wiedereinsetzung des Nachhaltigkeitsfaktors ab 2032 und die vollstĂ€ndige Rentenversicherungspflicht fĂŒr Minijobs. Das angestrebte Gesamtversorgungsniveau liegt bei 70 Prozent.
Millionen SelbststÀndige ohne Absicherung
Die Dringlichkeit der Reform belegen aktuelle Zahlen. Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage waren 2021 rund 2,15 Millionen SelbststĂ€ndige im Haupterwerb nicht obligatorisch fĂŒr das Alter abgesichert. Nur etwa 890.000 verfĂŒgten ĂŒber eine Pflichtabsicherung. Eine Befragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) von 2025 ergab: 37 Prozent der SoloselbststĂ€ndigen erwarten eine unzureichende Altersvorsorge.
Die Bevölkerung steht einer einheitlichen Absicherung positiv gegenĂŒber. Laut dem Sozialstaatsradar 2026 befĂŒrworten 77 Prozent der Befragten eine gemeinsame Rentenversicherung fĂŒr alle ErwerbstĂ€tigen. Unter den SelbststĂ€ndigen liegt die Zustimmung sogar bei 80 Prozent.
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Altersvorsorgedepot löst Riester ab
Ab 1. Januar 2027 soll das neue Altersvorsorgedepot das bisherige Riester-Modell ersetzen. Das staatlich zertifizierte Wertpapierdepot erlaubt Investitionen in ETFs, Fonds und Anleihen â ohne die bisherigen Beitragsgarantien. Das verspricht höhere Renditechancen.
Die staatliche Förderung sieht eine Grundzulage von bis zu 540 Euro pro Jahr vor. EigenbeitrĂ€ge bis 360 Euro werden mit 50 Cent pro Euro bezuschusst, BetrĂ€ge bis 1.800 Euro mit 25 Cent. Hinzu kommt eine Kinderzulage von 300 Euro. FĂŒr Standardprodukte gilt ein Kostendeckel von 1 Prozent pro Jahr. VerbraucherschĂŒtzer erwarten angesichts der neuen Konditionen eine verstĂ€rkte Vertriebswelle zum Jahreswechsel.
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Kritik von allen Seiten
Trotz grundsĂ€tzlicher Zustimmung zur Reform gibt es deutliche Kritik an der Umsetzung. Matthias GraĂmann, PrĂ€sident der Handwerkskammer fĂŒr Oberfranken, kritisierte Ende Juni, das Paket biete keine ausreichende Entlastung fĂŒr Betriebe. Die Finanzierung der Kapitalrente sei ungeklĂ€rt. Er fordert zudem spezielle Regelungen fĂŒr körperlich anstrengende Berufe.
Der Verband VOTUM betonte am heutigen Mittwoch die Bedeutung der Wahlfreiheit. Eine Vorsorgepflicht fĂŒr SelbststĂ€ndige mĂŒsse die option offenlassen, zwischen gesetzlicher Rente und privaten Lösungen zu wĂ€hlen. Der Verband warnte vor einem rein staatlich verwalteten Fonds und plĂ€dierte fĂŒr die Einbindung privater Anbieter.
Auch die Gewerkschaften ĂŒben Kritik. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi warf der Regierung realitĂ€tsferne Annahmen vor. Der DGB fordert ein höheres Rentenniveau, finanziert durch Steuerreformen wie eine höhere Spitzen- oder Vermögenssteuer. Ein Kabinettsbeschluss zum Rentenreform-Paket wird noch vor der Sommerpause erwartet.
