Amazon-Beschäftigte, Gesundheitsproblemen

Amazon-Beschäftigte: 51 Prozent berichten von körperlichen Gesundheitsproblemen

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 22:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nach Besuchen in drei Logistikzentren verlangt die Ausschussvorsitzende EU-Regeln für algorithmische Steuerung am Arbeitsplatz.
Leere, industriell genutzte Lagerhalle mit hohen Regalen und Betonboden in einer sachlichen Architekturaufnahme. Illustration mit AI erstellt.

Eine siebenköpfige Delegation des Ausschusses für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten des EU-Parlaments hat am 27. Oktober 2026 eine zweitägige Visite an mehreren Logistikstandorten des Online-Händlers Amazon beendet.

Die Reise vom 26. bis zum 27. Oktober 2026 führte die Parlamentsmitglieder in deutsche Logistikzentren in Mönchengladbach und Dortmund sowie an einen polnischen Standort in Sosnowiec mit insgesamt rund 5.000 Beschäftigten. Im Mittelpunkt der Begutachtung standen die betriebliche Sicherheit, Arbeitsbedingungen sowie der Einsatz von Überwachungstechnik und algorithmischen Managementsystemen.

Massive Kritik an Überwachungssystemen und Leistungszielen

Die Ausschussvorsitzende Li Andersson von der finnischen Linken zog im Anschluss an die Werksbesuche eine kritische Bilanz. Sie konstatierte, dass Amazon die Rechte der Arbeitnehmer nicht ausreichend schütze. Die Arbeit vor Ort sei von hohem Druck, repetitiven Aufgaben und sehr hohen Leistungszielen geprägt.

Zudem hätten Automatisierung und Robotik das Arbeitstempo spürbar forciert. Andersson verglich die Situation mit einem digitalen Kontrollapparat, bei dem schnelleres Arbeiten lediglich dazu führe, dass Beschäftigte ihr Tempo noch weiter steigern müssten.

Besonderes Augenmerk richtete die Delegation auf die Transparenz betrieblicher Steuerungssysteme. Laut Andersson sei es praktisch unmöglich gewesen, vor Ort fundierte Informationen über die eingesetzten Überwachungs- und Effizienzsysteme zu erhalten.

Die Beschäftigten wüssten oft weder, welche Daten genau erhoben würden, noch auf welcher Grundlage Produktivitätsziele festgesetzt werden. Die fortlaufend steigenden Effizienzanforderungen führten nach Einschätzung der Ausschussvorsitzenden zu erheblichen Belastungen und Gefahren.

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Auch Estelle Ceulemans, Sprecherin der sozialdemokratischen S&D-Fraktion für Beschäftigung, betonte, dass Amazon-Beschäftigte unter Druck stünden, überzogene Produktivitätsziele zu erfüllen, und Disziplinarmaßnahmen befürchten müssten. Die lückenlose Überwachung stütze sich dabei auf künstliche Intelligenz und algorithmische Systeme.

Belastung der Gesundheit und Vorwürfe der Gewerkschaftsbehinderung

Die gesundheitlichen Folgen der Arbeitsorganisation spiegeln sich in Branchenerhebungen wider. Oliver Roethig von der Gewerkschaftsallianz UNI Europa erklärte am Rande der parlamentarischen Visite, dass Amazon-Beschäftigte deutlich häufiger erkrankten als der Durchschnitt in der Branche.

Bei kollektivem Handeln der Belegschaft reagiere das Unternehmen zudem mit Einschüchterung und Sanktionen. Eine umfrage von UNI Europa aus dem Jahr 2023 ergab, dass rund die Hälfte der befragten Amazon-Kräfte von negativen Auswirkungen der Arbeit auf ihre psychische und körperliche Gesundheit berichtete.

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Die Kontrolle erfolge dabei über Kameras, Scangeräte und Badges an Zugangspunkten. Eine internationale Studie vom Januar 2023 verzeichnete ähnliche Befunde: Demnach meldeten 51 Prozent der befragten Beschäftigten körperliche und 57 Prozent psychische Gesundheitsprobleme infolge von Kontrollsystemen.

Zusätzlich erhob Andersson Vorwürfe der Gewerkschaftsbehinderung. Gewerkschaftsmitglieder sowie streikende Angestellte würden unter Druck gesetzt oder entlassen. Amazon verfolge wie auch Tesla das Prinzip, Verhandlungen mit Gewerkschaften zu meiden.

Ein Amazon-Sprecher wies die Vorwürfe bezüglich einer Behinderung von Gewerkschaften zurück und bezeichnete diese Darlegung als gängiges Missverständnis. Das Unternehmen verwies auf seine rund 150.000 Beschäftigten innerhalb der Europäischen Union sowie auf den bestehenden Dialog mit den Betriebsräten.

Regulatorische Konsequenzen auf europäischer Ebene

Die parlamentarische Untersuchung baut auf früheren Spannungen zwischen dem Online-Konzern und dem EU-Parlament auf. Bereits im Januar 2026 hatte der Ausschuss eine Anhörung zu dem Konzern durchgeführt. Nachdem Führungskräfte des Unternehmens im Jahr 2024 mehreren Parlamentsanhörungen ferngeblieben waren, waren deren Zugangsausweise vorübergehend entzogen und erst im Mai 2026 wieder erteilt worden.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Vor-Ort-Eindrücke forderte Andersson die EU-Kommission auf, einen branchenübergreifenden Regulierungsvorschlag zu algorithmischem Management und künstlicher Intelligenz am Arbeitsplatz vorzulegen.

Die bestehende Richtlinie über Plattformarbeit decke das Problem wegen ihres begrenzten Anwendungsbereichs nicht ausreichend ab. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen in die Beratungen über den von der Kommission angekündigten Quality Jobs Act einfließen, dessen Entwurf für Dezember 2026 erwartet wird.

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