Andreas MĂ€nnicke im EMFIS Experten-Interview
Veröffentlicht: 12.05.2009 um 09:07 Uhr, Redaktion AD HOC NEWS, Redaktionelle Verantwortung: Rafael MĂŒller (Chefredaktion)Der in Hamburg beheimatete Diplom-Kaufmann Andreas MĂ€nnicke hat sich seit 20 Jahren auf die KapitalmĂ€rkte in Mittel- und Osteuropa spezialisiert. Er ist seit 1995 GeschĂ€ftsfĂŒhrer der ESI East Stock Informationsdienste GmbH, Herausgeber des monatlich erscheinenden Börsenbriefes EAST STOCK TRENDS (EST), Veranstalter von Ostbörsen-Seminaren, Berater von Vermögensverwaltungen und GrĂŒndungsmitglied von Beteiligungsgesellschaften mit dem Investmentschwerpunkt in Osteuropa. 
EMFIS: Herr MÀnnicke, Sie sind ein viel gefragter Interviewpartner bei TV-Sendern wie N-TV, Bloomberg, 3SATBörse und ARD zu den osteuropÀischen MÀrkten. Mit dem EST haben Sie den Deutschlandweit einzigen Osteuropa-Börsenbrief mit einem Schwerpunkt in Russland. Wie schÀtzen Sie aktuell die Stimmung der politischen und volkswirtschaftlichen Verfassung Osteuropa ein?
Andreas MĂ€nnicke: Wie fast ĂŒberall auf der Welt hat sich die Stimmung aufgrund der KonjunktureinbrĂŒche gravierend verschlechtert. Wir mĂŒssen uns auch in Osteuropa bei den meisten LĂ€ndern auf eine mehr oder weniger stark ausfallende Rezession, zunehmende Arbeitslosenzahlen, Umsatz- und GewinneinbrĂŒche und eine gereizte Stimmung bei der Bevölkerung einstellen. Insbesondere in Russland, Ukraine, Kasachstan und den baltischen LĂ€ndern fĂ€llt der Konjunkturabschwung besonders dramatisch aus (BSP minus 5-8%, Industrieproduktion minus 10-15%). Allerdings hellte sich das Stimmungsbild zumindest unter den Anlegern auch in Osteuropa in den letzten Wochen auch schon wieder ein wenig auf. Antizyklische Investoren sehen gerade in der schlechten Stimmungslage, die sich auch in diversen Stimmungsindikatoren manifestiert, auch wieder eine Chance, denn die Börse wird einen wirtschaftlichen turn around schneller antizipieren als es die realen Konjunkturdaten zum Ausdruck bringen. So befindet sich die Moskauer Börse mit einem Plus von ĂŒber 30% seit Jahresbeginn schon wieder unter den Top-Perfomern unter den Weltbörsen. Noch herrscht dabei aber ĂŒberwiegend das Prinzip âHoffnungâ vor. Erst wenn der Banksektor wieder gesundet und sich die Spreads bei Unternehmensanleihen wieder abbauen, ist eine Trendwende möglich. Wir sind zwar noch nicht ĂŒber den Berg, aber in der zweiten JahreshĂ€lfte könnte sich das miserable Konjunkturbild schon wieder ein wenig aufhellen.
EMFIS: Osteuropa ist eng an die RohstoffmĂ€rkte gekoppelt. Wie sehen Sie nach der jĂŒngsten Erholung an den RohstoffmĂ€rkten die kĂŒnftige Entwicklung Russlands und der Ukraine?
Andreas MĂ€nnicke: Osteuropa muss man sehr differenziert betrachten; es gibt LĂ€nder in Osteuropa, die von steigenden Rohstoffpreisen profitieren und es gibt LĂ€nder, die mehr Rohstoffe importieren als exportieren und daher bei fallenden Rohstoffpreisen einen Vorteil haben. Stark abhĂ€ngig von steigenden Rohstoffpreisen sind in der Tat Russland, Ukraine und auch Kasachstan. Und auch hier muss man differenzieren, bei Russland dominieren nach wie vor der Ăl/Gasexport das BIP, die Handelsbilanz und auch die Haushaltseinnahmen. Ich rechne hier tendenziell mit moderat steigenden Ălpreisen im Bereich 50-65 USD/Barrel. Bei der Ukraine ist Gas einer der wichtigsten âKostenfaktorenâ fĂŒr die Volkswirtschaft (stark abhĂ€ngig von den von Gazprom diktierten Gaspreisen), wĂ€hrend Stahl/Kohleexporte wichtig auf der Einnahmenseite fĂŒr die Unternehmen und die Volkswirtschaft sind. 25% des BSP macht die Stahl-/Kohleindustrie in der Ukraine aus, die im Moment brach liegt. Seit MĂ€rz gab es aber bei einigen Rohstoffen wie vor allem bei Kupfer und Nickel schon wieder Kurserholungen von ĂŒber 20% in einem Monat, weil auch die Nachfrage Chinas wieder zunahm. Es wird auch in Zukunft stark davon abhĂ€ngen, wie die Rohstoffnachfrage in China in den nĂ€chsten Monaten sein wird. China ist jetzt ĂŒbrigens auch bei der Finanzierung ein gefragter Partner in Russland und in Kasachstan. Ich erwarte dort auch in Zukunft einige Mega-Deals und auch das Thema âInfrastrukturinvestitionenâ könnte in Zukunft helfen, das Tal der TrĂ€nen schneller zu durchschreiten. Einige Rohstoffpreise sind bis Ende letzen Jahres so stark gesunken, dass die Produktion nicht mehr profitabel wird. Bei Ăl liegt der Mindestpreis zum Beispiel bei 35-50 USD/Barrel. Darunter fĂŒhrt die Produktion zu Verlusten und dadurch kommt es zu ProduktionskĂŒrzungen, Abbau von ĂberkapazitĂ€ten und Massenentlassung, neudeutsch einem âDownsizingâ auf marktadĂ€quate BetriebsgröĂen.
Nach der starken Kursrallye in den letzten Wochen wird es wohl auch wieder zu Gewinnmitnahmen an den Börsen in Russland, Ukraine und Kasachstan kommen. An der Moskauer und Kiewer Börse stiegen die Aktienkurse in den letzten 6 Wochen um 40-50%; einzelne Werte konnten sich sogar verdoppeln. Im letzten Jahr waren die Kursverluste in Moskau und Kiew aber auch mit einem Minus von ĂŒber 70% besonders stark, weil das Kapital vor allem aus Ăbersee abfloss. Oft genug sind bei Emerging Markets aber die Verlierer der Vergangenheit die Gewinner der Zukunft. Zuletzt wurden aber âBRICâ-LĂ€nder (und damit auch Russland) vor allem von amerikanischen Investoren wieder gesucht. Insgesamt glaube ich aber noch wie vor an groĂe Erholungs- und vor allen Trading-Chancen an diesen volatilen Börsen. Die globalen Verwerfungen sind aber so stark und so komplex, dass eine Prognose aus fundamentalen GrĂŒnden immer noch sehr schwierig ist.
EMFIS: Die Gefahren einer WÀhrungskrise in den Oststaaten Polen, Tschechien, Ungarn und RumÀnien haben die Börsen im Februar zu Crash-Àhnlichen Kursverlusten getrieben. Es scheint Ruhe eingekehrt zu sein. Wie schÀtzen Sie die Situation ein und wo sollten Anleger Chancen nutzen oder Risiken begrenzen?
Andreas MĂ€nnicke: Nach den starken Kursverlusten haben sich die meisten OstwĂ€hrungen seit MĂ€rz in der Tat wieder stabilisiert, wobei der IWF bei einigen LĂ€ndern wie Ungarn, Lettland, Ukraine und jetzt wohl auch Polen der letzte Rettungsanker war. Zuvor verloren die WĂ€hrungen aber seit August 2008 30-50% an Wert, soweit sie ĂŒberhaupt flexibel handelbar waren, was im Baltikum und in Bulgarien nicht der Fall ist, da sie an einen WĂ€hrungskorb gekoppelt sind. LĂ€nder mit zu hohen Leistungsbilanzdefiziten und relativ geringen WĂ€hrungsreserven werden auch in Zukunft Probleme haben. Ich rechne mit einer stabileren Entwicklung auch bei den WĂ€hrungen in Polen, Ungarn Tschechien und RumĂ€nien; die Inflation ist dort unter Kontrolle, ganz im Gegensatz zur Ukraine und in Russland, wo die Inflationsraten im zweistelligen Prozentbereich liegen. In Ungarn sind die Zinsen mit 9,5% immer noch sehr hoch. Anleger können auf der WĂ€hrungsseite durch Zertifikate schon vereinzelt auf fallende und steigende Kurse gehen. Im Aktienbereich können auch alle MĂ€rkte ĂŒber Zertifikate gehandelt werden. Wie stark sich die Ostbörsen wieder erholen können, hĂ€ngt in hohem Grad auch von der Anlageneigung und Risikobereitschaft der westlichen institutionellen Anleger ab. Anleger sollten aufgrund der hohen VolatilitĂ€t Gewinn mit Stopp-loss-Marken absichern. Eine Buy and Hold-Strategie ist noch zu frĂŒh.
EMFIS: Als Berater mehrerer Vermögensverwaltungen und Beteiligungsgesellschaften, die in Osteuropa investieren, wĂŒrde uns an dieser Stelle vor allem Ihre EinschĂ€tzung interessieren. Wo positionieren Sie sich. Wo gewichten Sie ĂŒber oder unter? â Haben Sie einen konkreten Tipp?
Andreas MĂ€nnicke: Den liquidesten Markt mit den gröĂten Auswahlmöglichkeiten gibt es nach wie vor in Russland. Da ich im Moment noch mehr einen trading-orientierten Ansatz fahre, empfehle ich auch eine Ăbergewichtung in Russland. Die weiteren Schwerpunkte bilden Polen; Tschechien, und Ungarn, wobei ich hier Polen und Tschechien ĂŒbergewichte und Ungarn untergewichtet. Die Exotenbörsen aus Osteuropa haben auch hohe Erholungschancen, sie sind aber sehr illiquide und schlecht zum Trading geeignet. Ich wĂŒrde sie daher noch untergewichten. RumĂ€nien und die Ukraine gehören nach den herben Kursverlusten weiterhin auf die Watchlist. Aber hier auch kann der Anleger ĂŒber Zertifikate Trading-Chancen wahrnehmen. FĂŒr die nĂ€chsten Sommermonate kann es nach der fulminanten FrĂŒhjahrsrallye wieder zu Gewinnmitnahmen kommen. Eine Aktie, die unter Trading- und auch langfristigen Gesichtspunkten interessant ist und wohl auch jedem Investor bekannt ist, ist der russische Energiegigant Gazprom (nicht nur) aufgrund der niedrigen Bewertung (geschĂ€tztes KGV09 von 5). Kurse unter 10 ⏠sind fĂŒr mich nach wie vor Kaufkurse. Zuletzt stieg der gröĂte Wert im Osteuropa-Universum im MĂ€rz/Anfang April schon ĂŒber 30%. Man sollte aber nie das gesamte Kapital auf eine Karte setzen, sondern streuen. Meine Favoriten sind im EAST STOCK TRENDS unter den Rubriken âAktie des Monatsâ und âOptimale Anlagestrategien in unsicheren Zeitenâ nachzulesen. Einige âAktien des Monatsâ wie CTC Media konnten sich zuletzt in wenigen Wochen im Kurs schon weit mehr verdoppeln. Im MĂ€rz stieg die vorgeschlagen Aktien sowohl im konservativen als auch im spekulativen Portfolio im Durchschnitt um 32-35%.
Das nĂ€chste ESI-Ostbörsen-Seminar ist am 27. Mai um 17.30 Uhr in Frankfurt/M., wo auch Afrika ein Thema sein wird. Infos und Anmeldung unter ESI GmbH, JĂŒthornstr. 88,22043 Hamburg, Tel: 040/6570883; Fax: 040/6570884, E-Mail info@eaststock.de, web: www.eaststock.de, www.andreas-maennicke.de. Seine MarkteinschĂ€tzungen sind auch auf der tĂ€glich aktualisierten Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 âŹ/Min) abrufbar.
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