Apothekenreform: Impfungen und Blutabnahmen ab sofort erlaubt
27.05.2026 - 03:30:38 | boerse-global.deAb sofort dürfen Apotheker deutlich mehr medizinische Leistungen anbieten – darunter Impfungen und Blutabnahmen. Die von CDU/CSU und SPD getragene Gesetzesnovelle stößt jedoch auf heftige Kritik von Ärzteverbänden.
Neue Aufgaben für die Apotheken vor Ort
Die Reform erweitert das Leistungsspektrum der Apotheken erheblich. Konkret dürfen Apotheker künftig Tetanus- und FSME-Impfungen (Frühsommer-Meningoenzephalitis) verabreichen. Zudem sind Blutabnahmen bei Erwachsenen über 18 Jahren sowie die Durchführung von Schnelltests erlaubt.
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Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg begrüßte die Neuerungen. Die Apotheker seien für diese klinischen Aufgaben qualifiziert, hieß es in einer Stellungnahme. Auch chronisch Kranke profitieren: In bestimmten Fällen können sie verschreibungspflichtige Medikamente ohne erneutes Rezept erhalten. Befürworter sehen darin einen wichtigen Schritt zur Stärkung der Prävention – weg von der „Reparaturmedizin", hin zu einer echten Vorsorgekultur.
Doch der Widerstand ist massiv. Der Thüringer Hausärzteverband bezeichnete die Reform als gefährlich. Die Verlagerung ärztlicher Aufgaben in den Apotheken-Alltag berge medizinische Risiken. Auch die Grünen zeigten sich unzufrieden – einige Abgeordnete sprechen von einem unzureichenden Gesetzeswerk.
Finanzielle Neuerungen: Mehr Geld, aber reicht das?
Ein Kernpunkt der Reform ist die Anpassung der Apothekenvergütung. Das Apothekenfixum steigt von bisher 8,35 Euro auf 9,50 Euro pro Packung. Die vollständige Umsetzung ist bis 2027 geplant – die erste nennenswerte Erhöhung seit 13 Jahren.
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Doch Branchenvertreter aus Remscheid und Solingen zeigen sich skeptisch. Die aktuellen Zusagen seien eher Absichtserklärungen. Vorgesehen ist ein zweistufiges Modell: zunächst die Erhöhung auf 9,50 Euro, später ein möglicher zweiter Schritt um weitere 9,00 Euro. Der Landesapothekerverband warnt: Die neuen Leistungen bräuchten eine echte wirtschaftliche Stabilisierung, sonst sei das Modell nicht tragfähig.
Die gesetzlichen Krankenkassen rechnen mit Mehrkosten von rund 875 Millionen Euro jährlich. Das kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Für 2027 zeichnet sich eine Finanzierungslücke von 15 Milliarden Euro im GKV-System ab.
Strukturwandel und digitale Konkurrenz
Die Reform trifft auf eine Apothekenlandschaft im Umbruch. Allein in Baden-Württemberg hat sich die Zahl der Apotheken in den letzten 15 Jahren um fast 25 Prozent verringert. Der Druck durch Versandapotheken wächst. Einige Betreiber setzen daher auf digitale Lösungen: Im Mai startete in Leonberg das Pilotprojekt „MediCheck" – ein Terminal, an dem Kunden E-Rezepte einlösen und Medikamente für die lokale Lieferung bestellen können.
Auch arbeitsrechtlich tut sich etwas. Das Bundesarbeitsgericht entschied Ende Januar, dass „Remote Cities" von Plattform-Lieferdiensten keine eigenständigen Betriebseinheiten sind, wenn ihnen die lokale Leitung fehlt. Das erschwert die Bildung von Betriebsräten in diesen digitalen Strukturen.
International gibt es interessante Entwicklungen: In den Niederlanden sammelt die Stiftung „Apotheek van de Toekomst" seit zwei Jahren ungenutzte Medikamente, um Verschwendung zu vermeiden. Eine EU-Rechtsänderung könnte solche Praktiken künftig auch in Deutschland ermöglichen.
Grundsatzdebatte um die Krankenversicherung
Die Apothekenreform ist Teil einer größeren Diskussion über die Zukunft des Gesundheitssystems. Achim Truger vom Sachverständigenrat Wirtschaft schlug vor, Beamte in die gesetzliche Krankenversicherung zu integrieren. Derzeit sind die meisten Beamten privat versichert. Truger argumentiert, dass die Einbeziehung dieser gut verdienenden Gruppe die Finanzbasis der GKV stärken würde.
Unterstützung kommt von Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und BSW-Chef Fabio De Masi. Der Vorschlag zielt auf ein grundlegendes Problem: Die Versorgung von Bürgergeld-Empfängern kostet jährlich rund 12 Milliarden Euro, die größtenteils aus GKV-Beiträgen finanziert werden. Privatversicherte tragen dazu nicht bei.
Der Bund der Steuerzahler fordert zudem eine drastische Reduzierung der Beamtenzahl – von aktuell rund zwei Millionen auf deutlich unter eine Million.
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Das Reformpaket geht nun an den Bundesrat. Bei Zustimmung könnten die erweiterten Apothekenleistungen in den kommenden Monaten anlaufen. Ob die wirtschaftliche Basis für die inhabergeführten Apotheken reicht, bleibt fraglich.
Parallel arbeitet eine Rentenkommission an neuen Vorschlägen, die bis Ende Juni vorliegen sollen. Möglicherweise geht es auch um die Integration der Beamtenversorgung in das allgemeine Rentensystem. Die Apotheken stehen vor einem Spagat: Sie sollen mehr medizinische Verantwortung übernehmen – in einem zunehmend angespannten finanziellen Umfeld.
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