Arbeitsmarkt, FachkrÀften

Arbeitsmarkt: Über 60-JĂ€hrige werden systematisch aussortiert

30.06.2026 - 14:54:39 | boerse-global.de

Trotz steigendem Bedarf an FachkrÀften werden Bewerber ab 60 Jahren systematisch benachteiligt. Die Politik plant derweil eine Anhebung des Renteneintrittsalters.

FachkrĂ€ftemangel trifft auf Altersdiskriminierung bei Bewerbern ĂŒber 60
Arbeitsmarkt - Eine erfahrene Person mittleren Alters blickt nachdenklich auf einen unscharfen Hintergrund, der einen modernen Arbeitsplatz darstellt. 30.06.2026 - Bild: ĂŒber boerse-global.de

Personaler sortieren sie systematisch aus – trotz Erfahrung und hoher Kompetenz.

Die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt zeigt ein ambivalentes Bild. Die Zahl der Arbeitslosen sank im Juni um 15.000 auf 2,936 Millionen – eine Quote von 6,2 Prozent. Gleichzeitig ging die Zahl der sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigten im Vorjahresvergleich um 71.000 auf 34,84 Millionen zurĂŒck.

In diesem Umfeld verschÀrft sich die Debatte um Àltere Arbeitnehmer. Denn die Politik plant eine schrittweise Anhebung des Rentenalters. Doch viele Unternehmen sortieren Bewerber ab 60 bereits im Auswahlprozess aus.

Chancenlos trotz Erfahrung

Mathias Möreke, frĂŒherer stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei VW, warnte Ende Juni vor den Folgen dieser Praxis. Auch Matthias Kempf, PrĂ€sident des Bundesverbands der Personalmanager (BPM), fordert mehr Chancengerechtigkeit und transparente Auswahlverfahren.

Dabei bringen Ă€ltere Mitarbeiter besondere StĂ€rken mit. Die IHK Regensburg hebt hervor: Sie verfĂŒgen ĂŒber hohe Risikokompetenz und ausgeprĂ€gte FĂ€higkeiten bei der Lösung komplexer Probleme.

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Eine Studie der Rockwool Foundation unter 15.000 Arbeitsuchenden zeigt: Die Wahrscheinlichkeit, eine neue Stelle zu finden, sinkt mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit rapide. Liegt die Erfolgsquote zu Beginn noch bei 7 Prozent pro Monat, fÀllt sie nach einem Jahr auf 4,5 Prozent.

Rente mit 70? Die PlÀne der Regierung

Um die Sozialsysteme zu sichern, will die Bundesregierung die VorschlĂ€ge der Rentenkommission umsetzen. Die PlĂ€ne sehen eine moderate Anhebung der Regelaltersgrenze nach 2031 vor. Bis 2041 soll das Renteneintrittsalter auf 67,5 Jahre steigen, perspektivisch auf 68 Jahre bis 2050 und schließlich 70 Jahre bis 2090.

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Ein zentraler Baustein: die EinfĂŒhrung einer Kapitalrente. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen jeweils ein Prozent des Bruttolohns in individuelle Kapitalkonten ein. Die Rente mit 63 soll abgeschafft, der Vorruhestand erschwert werden. Das Rentenniveau soll dauerhaft nicht unter 48 Prozent fallen.

Kritik kommt vor allem aus Ostdeutschland. Die MinisterprĂ€sidenten von Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, Michael Kretschmer und Manuela Schwesig, lehnten die Reform Ende Juni ab. Ihr Argument: Rentner in Ostdeutschland beziehen zwar im Schnitt höhere gesetzliche Renten, sind aber zu 73 Prozent ausschließlich darauf angewiesen. Private Vermögen sind deutlich geringer als im Westen.

Minijobs: Das Ende der Beitragsfreiheit

Die ReformplĂ€ne betreffen auch Minijobs. Die Rentenkommission empfiehlt, den Sonderstatus abzuschaffen. KĂŒnftig sollen alle Minijobber – außer SchĂŒler – verpflichtend in die Rentenversicherung einzahlen. Die bisherige Opt-out-Möglichkeit entfĂ€llt.

VerbÀnde wie der HDE und der DEHOGA warnen vor Jobverlusten und einer Zunahme der Schwarzarbeit. Der Arbeitsmarktexperte Enzo Weber vom IAB kritisiert Minijobs dagegen als potenzielle Armutsfalle.

Flankierend tritt am 1. Juli eine Neuregelung der staatlichen UnterstĂŒtzung in Kraft. Das BĂŒrgergeld wird in eine Grundsicherung umgewandelt – mit hĂ€rteren Sanktionen. Bei PflichtverstĂ¶ĂŸen wie fehlenden Bewerbungen oder dem Ablehnen von Qualifizierungsmaßnahmen sind KĂŒrzungen von 30 Prozent ĂŒber drei Monate vorgesehen. Auch ein unangemessenes Auftreten bei Vorstellungsterminen kann sanktioniert werden. FĂŒr Ă€ltere Bezieher gelten höhere VermögensfreibetrĂ€ge von bis zu 20.000 Euro.

Die ökonomische Seite der lÀngeren Lebensarbeitszeit

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Analysen des VFA deuten auf erhebliche Vorteile hin. Bei entsprechender Gesundheit könnten 1,6 Millionen zusÀtzliche ErwerbstÀtige das Bruttoinlandsprodukt um jÀhrlich 106 Milliarden Euro steigern. Staat und Sozialkassen könnten Mehreinnahmen von rund 40 Milliarden Euro erzielen.

Doch die Industrie warnt. Oliver Zander, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer von Gesamtmetall, verweist auf die bereits stark gestiegenen Arbeitskosten. Die Sozialabgaben liegen aktuell bei 43,1 Prozent. Seine BefĂŒrchtung: Bei einer weiteren Belastung der Unternehmen – etwa durch die geplante Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze 2027 – könnten weitere ArbeitsplĂ€tze in der Metall- und Elektroindustrie gefĂ€hrdet sein.

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