Arbeitsmedizin, Millionen

Arbeitsmedizin: 46 Millionen ErwerbstÀtige, nur 9.000 BetriebsÀrzte

Veröffentlicht am: 30.08.2026 um 07:19 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die TU Braunschweig bildet 15 mentale Ersthelfende aus, wÀhrend steigende Krankheitskosten und psychische AusfÀlle den PrÀventionsbedarf verdeutlichen.

TU Braunschweig stÀrkt mentale Gesundheit im Pharmaziestudium
Ein leerer, modern gestalteter Hörsaal mit ordentlichen Schreibtischen und LehrbĂŒchern in einer ruhigen Lernumgebung. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

Die Technische UniversitĂ€t Braunschweig begegnet der psychischen Belastung in anspruchsvollen StudiengĂ€ngen mit einem neuen PrĂ€ventionskonzept. Im Fachbereich Pharmazie wurden Ende August 2026 insgesamt 15 Ersthelfende fĂŒr mentale Gesundheit ausgebildet.

Diese Initiative reagiert auf eine bereits im Jahr 2020 durchgefĂŒhrte Befragung unter Pharmaziestudierenden, nach der 94 Prozent der Teilnehmenden ihr Studium als stressig empfanden. Ein Achtel der Befragten litt zudem unter einer studienbedingten psychischen Erkrankung.

Wirtschaftliche Belastung durch steigende KrankenstÀnde

Die Notwendigkeit prĂ€ventiver Maßnahmen wird durch aktuelle volkswirtschaftliche Daten unterstrichen. Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge belaufen sich die Kosten fĂŒr die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall im Jahr 2025 voraussichtlich auf 85,6 Milliarden Euro. Dies stellt eine Steigerung gegenĂŒber dem Vorjahr dar, in dem die Kosten bei 81,2 Milliarden Euro lagen.

Die Summe fĂŒr 2025 setzt sich aus 72,5 Milliarden Euro an Bruttoentgelten sowie 13,1 Milliarden Euro an ArbeitgeberbeitrĂ€gen zur Sozialversicherung zusammen.

Als Ursachen fĂŒr diese Entwicklung nannten die Experten des IW neben höheren Löhnen und einer gestiegenen BeschĂ€ftigungszahl auch den Anstieg des Krankenstandes seit EinfĂŒhrung der elektronischen ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung (eAU) im Jahr 2022.

Statistiken der AOK verdeutlichen zudem die Relevanz psychischer Diagnosen. Im Jahr 2024 verzeichnete die Krankenkasse durchschnittlich 2,3 ArbeitsunfÀhigkeitsfÀlle pro BeschÀftigtem.

WÀhrend Atemwegserkrankungen mit 82,2 FÀllen je 100 Mitglieder die hÀufigste Ursache darstellten, nahmen die Ausfalltage aufgrund psychischer Erkrankungen innerhalb von zehn Jahren um 43 Prozent zu. Mit durchschnittlich 28,5 Tagen pro Fall weisen psychische Diagnosen eine besonders lange Dauer auf.

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PrĂ€sentismus als Risiko fĂŒr die betriebliche Gesundheit

Ein weiteres Problem fĂŒr die PrĂ€vention ist das PhĂ€nomen des PrĂ€sentismus. Laut dem DGB-Index 2025 arbeiteten zwei Drittel der BeschĂ€ftigten trotz einer bestehenden Erkrankung, 44 Prozent von ihnen taten dies ĂŒber eine Woche oder lĂ€nger. Eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse (TK) stĂŒtzt diesen Befund; mehr als ein Viertel der Befragten gab an, hĂ€ufig krank zur Arbeit zu erscheinen.

Daten der Bundesanstalt fĂŒr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) aus dem Jahr 2023 zeigen hierbei spezifische demografische Unterschiede auf: Unter den Befragten bis 29 Jahre arbeiteten 30 Prozent trotz Krankheit, wobei Frauen mit 60 Prozent deutlich hĂ€ufiger betroffen waren als MĂ€nner mit 48 Prozent.

Auch die Arbeitsform spielt eine Rolle; im Homeoffice arbeiteten laut BAuA 46 Prozent der BeschÀftigten hÀufiger trotz gesundheitlicher EinschrÀnkungen.

Politische Neuausrichtung und fachliche Forderungen

In der Bundespolitik gab es Ende Juli 2026 personelle VerĂ€nderungen mit Relevanz fĂŒr das Gesundheitswesen. Dr. Carsten Linnemann ĂŒbernahm das Amt des Gesundheitsministers, wĂ€hrend Nina Warken in das Kanzleramt wechselte.

In diesem politischen Kontext fordert die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) eine stĂ€rkere Einbindung der Arbeitsmedizin in die allgemeine PrĂ€vention. Angesichts von 46 Millionen ErwerbstĂ€tigen und lediglich 9.000 verfĂŒgbaren BetriebsĂ€rzten fand dazu bereits Mitte Juli 2026 ein AuftaktgesprĂ€ch im Bundesministerium fĂŒr Gesundheit statt.

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Parallel dazu unterstĂŒtzen Organisationen wie der Verband deutscher Betriebs- und Arbeitsmediziner (VDBW) gezielte Kampagnen wie die Nationale KrebsprĂ€ventionswoche im September 2026. Unter dem Motto „Lass mal checken“ soll auf die jĂ€hrlich etwa 520.000 Neuerkrankungen und 230.000 TodesfĂ€lle aufmerksam gemacht werden.

Strategien fĂŒr eine verbesserte Arbeitsplatzgestaltung

Experten betonen, dass technische und organisatorische Anpassungen die psychische und physische Gesundheit stabilisieren können. Unternehmen wie Rochholz setzen auf ergonomische Assistenzsysteme fĂŒr eine menschzentrierte Arbeitsplatzgestaltung.

Psychologen und Sportwissenschaftler weisen zudem darauf hin, dass FĂŒhrungskrĂ€fte eine entscheidende Rolle fĂŒr den Teamerfolg spielen, viele jedoch noch Defizite in der praktischen Umsetzung aufweisen.

Empfohlen werden AnsÀtze aus dem Leistungssport, bei denen Erholungsphasen und Schlaf ebenso konsequent geplant werden wie die eigentliche Belastung, um chronischem Stress und dem laut ICD-11 als BerufsphÀnomen klassifizierten Burnout-Syndrom vorzubeugen.

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