Arbeitszeit, Attestpflicht

Arbeitszeit: 65 Prozent arbeiten krank – Attestpflicht geplant

Veröffentlicht: 18.07.2026 um 10:41 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Bundesregierung startet Präventionsoffensive mit Fokus auf Betriebe und Digitalisierung. Experten warnen vor Social Jetlag und Präsentismus.

Präventionsoffensive: Neue Strategien gegen Social Jetlag und Präsentismus
Mitarbeiter in einem modernen BĂĽro nehmen an einem betrieblichen Gesundheitsprogramm teil, das Stress und Schlafmangel entgegenwirkt. Illustration mit AI erstellt ĂĽbermittelt durch boerse-global.de

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat gemeinsam mit der Bundesärztekammer und dem GKV-Spitzenverband eine umfassende Präventionsoffensive gestartet. Die Initiative zielt darauf ab, Krankheiten frühzeitig zu vermeiden und die Lebenserwartung durch gezielte Vorsorge zu steigern. Das bestehende Präventionsgesetz aus dem Jahr 2015 soll dafür substanziell weiterentwickelt werden.

Gezielte Hilfe fĂĽr den Mittelstand

Ein Kernpunkt der Offensive ist die verstärkte Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen bei der betrieblichen Gesundheitsförderung. Diese Betriebe verfügen oft über geringere Ressourcen für professionelles Gesundheitsmanagement als Großkonzerne. Gezielte staatliche und kassenärztliche Hilfen sollen die Resilienz der Beschäftigten stärken. Laut GKV-Spitzenverband werden aktuell rund 734 Millionen Euro für Präventionsleistungen aufgewendet.

Die Maßnahmen umfassen zudem eine Digitalisierung des Einladungswesens für Gesundheitsuntersuchungen. Grundschüler und Jugendliche sollen künftig digital zu Checks eingeladen werden. Für Menschen über 60 Jahre sieht das Programm erweiterte Vorsorgeuntersuchungen vor. Parallel dazu ist eine engere Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Kommunen geplant.

Wenn die innere Uhr gegen den Job arbeitet

Flankiert wird die politische Initiative durch neue Erkenntnisse aus der Chronobiologie. Experten wie der Chronobiologe Till Roenneberg weisen darauf hin, dass ein Großteil der Bevölkerung gegen die eigene innere Uhr arbeitet. Lediglich etwa 20 Prozent der Menschen gehören demnach zum Frühtyp, den sogenannten Lerchen.

Die Diskrepanz zwischen biologischem Rhythmus und starren Arbeitszeiten – bekannt als Social Jetlag – korreliert Studien zufolge mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hinzu kommen klimatische Belastungen: Daten der Organisation Climate Central belegen, dass Menschen weltweit durchschnittlich 56 Stunden Schlaf pro Jahr durch Hitze verlieren. In Deutschland leidet rund ein Drittel der Befragten bei extremer Hitze unter gesundheitlichen Problemen, so eine DAK-Umfrage.

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Fachleute empfehlen Unternehmen daher flexiblere Arbeitszeiten, die den individuellen Chronotypen der Mitarbeiter Rechnung tragen. Das soll Kreativität und Entscheidungsfähigkeit erhalten.

Präsentismus: Das unterschätzte Problem

Trotz der Bemühungen um Prävention bleibt Präsentismus – das Arbeiten trotz Krankheit – ein gravierendes Problem. In Österreich berichtete die ÖGB-Expertin Claudia Neumayer-Stumler, dass etwa 65 Prozent der Beschäftigten krank zur Arbeit erscheinen. Schätzungen der Arbeiterkammer Oberösterreich gehen sogar von bis zu 75 Prozent aus. Gewerkschaftsvertreter fordern daher bessere Arbeitsbedingungen und warnen vor Verschlechterungen bei der Entgeltfortzahlung.

Gleichzeitig sorgt eine geplante Arbeitsrechtsreform für Diskussionen. Der Entwurf sieht eine gesetzliche Attestpflicht ab dem ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit vor. Arbeitgeber können zwar bereits heute in Einzelfällen eine Krankmeldung ab Tag eins verlangen. Eine generelle Regelung bringe jedoch logistische Herausforderungen mit sich, so Arbeitsrechtsexperten. Besonders bei eingeschränkter Terminverfügbarkeit in Arztpraxen oder im Schichtdienst. Zudem sieht die Reform vor, sachgrundlose Befristungen auf bis zu 48 Monate bei maximal sechs Verlängerungen auszuweiten.

Digitale Helfer fĂĽr die Gesundheit

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Im Bereich der Vorsorgetools zeichnet sich ein Trend zu digitalen Medizinprodukten ab. Die SBK Siemens-Betriebskrankenkasse und die Versicherung BIG direkt gesund stellten einen neuen digitalen Gesundheitscheck bereit. Das CE-gekennzeichnete System erfasst Lebensstilfaktoren, Vorerkrankungen sowie die Familiengeschichte. Daraus erstellt es personalisierte Handlungsempfehlungen fĂĽr mentale Gesundheit, Herz-Kreislauf-System und den Bewegungsapparat.

International gewinnt zudem KI-gestütztes Energiemanagement an Bedeutung. In China sicherte sich das Startup Jinri Yixiu eine neue Finanzierungsrunde durch namhafte Investoren wie CMC Capital und den Honghui Fund. Das Unternehmen entwickelt unter der Leitung des ehemaligen Xiaomi-Managers Wang Teng ein System mit Multi-Modal-Sensoren. Der KI-Energie-Assistent soll rund um die Uhr die Regenerationsfähigkeit der Nutzer optimieren. Der chinesische Markt für Schlafgesundheit wird laut Branchenprognosen bis 2030 ein Volumen von über einer Billion Yuan erreichen.

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