Arbeitszeit-Reform: Acht-Stunden-Tag soll durch 48-Stunden-Woche ersetzt werden
02.06.2026 - 05:23:12 | boerse-global.de
Statt der täglichen Höchstarbeitszeit soll künftig eine wöchentliche Grenze gelten. Arbeitgeber jubeln, Gewerkschaften und Forscher schlagen Alarm.
Wochenarbeitszeit statt Tagessoll
Das Vorhaben sieht vor, die seit 1918 geltende tägliche Begrenzung aufzuweichen. Statt des Acht-Stunden-Tags soll künftig die EU-weit zulässige Wochenarbeitszeit von 48 Stunden als Maßstab dienen. Einen entsprechenden Gesetzentwurf will die Koalition aus Union und SPD im Juni 2026 vorlegen.
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Bundeskanzler Friedrich Merz unterstützt die Pläne, die im Koalitionsvertrag verankert sind. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas distanzierte sich persönlich von dem Vorhaben, verwies aber auf die Koalitionsvereinbarung.
IW-Direktor Michael Hüther betonte Mitte Mai im ARD-Morgenmagazin: „Es geht nicht um eine generelle Ausweitung der Arbeitszeit, sondern um eine flexiblere Verteilung über die Woche." Industriearbeiter seien von den Plänen weniger betroffen als Büro- und Dienstleistungsberufe.
Forscher warnen vor Gesundheitsrisiken
Wissenschaftler sehen die Reform kritisch. IAB-Direktor Bernd Fitzenberger warnte Anfang Juni vor einer Aufweichung des Acht-Stunden-Tags: Lange Schichten könnten zu Erschöpfung führen, die gesundheitliche Belastung erhöhen und die Produktivität senken. Besonders bei sicherheitsrelevanten Tätigkeiten wie bei Fluglotsen forderte er strikte Schutzregelungen.
Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung untermauern die Skepsis. Rund 75 Prozent der Beschäftigten befürchten negative Folgen, wenn Arbeitstage regelmäßig die Zehn-Stunden-Marke überschreiten. Mathematisch wären durch die Reform Arbeitstage von bis zu 12 Stunden und 15 Minuten möglich.
Die Zahlen sind alarmierend: Nach zwölf Arbeitsstunden verdoppelt sich das Unfallrisiko. Auch das Risiko für Burnout und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt bei dauerhaft überlangen Arbeitstagen deutlich an.
Frauen drohen Nachteile
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Experten warnen, dass eine Flexibilisierung ohne gleichzeitigen Ausbau der Kinderbetreuung besonders Frauen benachteiligen könnte. 2022 lag die Erwerbsquote von Frauen bei 73 Prozent, fast die Hälfte arbeitete in Teilzeit.
Eine DGB-Umfrage Ende Mai zeigt: Die Pläne gehen an der Lebensrealität vieler Beschäftigter vorbei. Jeder zweite Arbeitnehmer wünscht sich eher kürzere Arbeitszeiten. Besonders Väter mit Kindern sprachen sich mit 63 Prozent für eine Reduzierung aus.
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Gewerkschaften kündigen Widerstand an
Ver.di-Chef Frank Werneke stellte klare Bedingungen: Eine Verlängerung der täglichen Höchstarbeitszeit per Direktionsrecht durch den Arbeitgeber sei nicht akzeptabel. Für den 10. Juni ist ein Spitzentreffen von Gewerkschaften und Arbeitgebern mit Kanzler Merz geplant.
Flankiert wird die Debatte durch eine neue Überstundenregelung. Zuschläge für Mehrarbeit über die Vollzeitgrenze hinaus sollen bis zu 25 Prozent des Grundlohns steuerfrei bleiben. Kritiker der Hans-Böckler-Stiftung rechnen vor: Nur 1,4 Prozent der Beschäftigten würden nennenswert profitieren. Der wissenschaftliche Beirat des Bundesfinanzministeriums bezifferte den Vorteil pro Überstunde auf gerade einmal 3,50 Euro netto.
Während Arbeitgeberverbände betonen, dass flexible Verteilung keine automatische Mehrarbeit bedeutet, sieht die Opposition einen Rückschritt im Arbeitnehmerschutz. Linken-Chefin Ines Schwerdtner rief zu bundesweiten Demonstrationen gegen die geplante Reform auf.
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