Arbeitszeitforderung: Stihl und Mercedes fordern 40-Stunden-Woche
Veröffentlicht am: 17.08.2026 um 06:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In einer koordinierten Initiative haben die baden-württembergischen Traditionsunternehmen Stihl und Mercedes-Benz am 15. August 2026 eine tiefgreifende Änderung der Arbeitszeitmodelle in der deutschen Industrie gefordert.
Angesichts wachsender wirtschaftlicher Herausforderungen plädieren die Konzerne für eine Abkehr von der derzeit in vielen Tarifbereichen üblichen 35-Stunden-Woche. Stattdessen solle eine Erhöhung auf die 40-Stunden-Woche erfolgen – bei gleichbleibendem Lohnniveau.
Forderungen aus den Führungsetagen
Die Initiative wird maßgeblich von den Aufsichtsratsvorsitzenden der beiden Unternehmen getragen. Nikolaus Stihl, Aufsichtsratschef des Motorsägenherstellers Stihl, sprach sich Mitte August dezidiert für die Einführung der 40-Stunden-Woche aus. Er betonte, dass dieser Schritt notwendig sei, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu sichern. Dabei unterstrich er die Bedingung, dass diese Mehrarbeit ohne Lohnausgleich erfolgen müsse.
Parallel dazu äußerte sich Martin Brudermüller in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender von Mercedes-Benz. Er schloss sich der Forderung an und regte ebenfalls den Übergang zur 40-Stunden-Woche bei gleichbleibenden Bezügen an.
Beide Industrievertreter signalisieren damit eine Abkehr von jahrzehntelangen tarifpolitischen Errungenschaften der Gewerkschaften, die insbesondere in der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württembergs die 35-Stunden-Woche als Standard etabliert hatten.
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Ökonomische Bewertung der Arbeitskosten
Wirtschaftsforscher bewerten den Vorstoß differenziert. Ein Ökonom des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Schiersch, analysierte die möglichen Auswirkungen einer solchen Maßnahme. Seiner Einschätzung nach würde eine Erhöhung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn die Arbeitskosten pro produziertes Gut spürbar senken. Dies könne grundsätzlich die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen auf den Weltmärkten stärken.
Allerdings knüpft das DIW diese positive Erwartung an eine wesentliche Bedingung: Der Effekt trete nur dann ein, wenn die Unternehmen für die zusätzlich produzierten Waren auch tatsächlich entsprechende Abnehmer finden. Ohne eine ausreichende Nachfrage würde die reine Ausweitung der Kapäzitäten verpuffen.
Auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) äußerte sich skeptisch bezüglich der Erfolgsaussichten. Laut den Experten des ZEW sei derzeit unklar, ob die geforderte Maßnahme tatsächlich den gewünschten wirtschaftlichen Erfolg erzielen könne.
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Kritik an Fokus auf Arbeitszeit
Widerspruch kommt zudem aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Der Ökonom Weber wies darauf hin, dass die aktuelle wirtschaftliche Schwächephase weniger auf die Länge der Arbeitszeit als vielmehr auf eine tiefgreifende Erneuerungskrise der deutschen Industrie zurückzuführen sei.
Aus Sicht des IAB wäre eine Arbeitszeiterhöhung ohne Lohnausgleich faktisch eine Lohnsenkung, was als falsches Signal gewertet wird. Die Lösung der strukturellen Probleme liege nach Einschätzung der Arbeitsmarktexperten nicht in der Ausweitung der Stundenkontingente, sondern in der Bewältigung der technologischen und strukturellen Transformation.
Die Debatte verdeutlicht den zunehmenden Druck auf das deutsche Industriemodell. Während die Arbeitgeberseite auf eine Senkung der Stückkosten durch Mehrarbeit drängt, warnen Forschungsinstitute vor einer einseitigen Fokusierung auf die Arbeitszeit und verweisen auf die Notwendigkeit von Innovationen und Absatzsicherung.
