Attestpflicht, Krankheitstag

Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag: Koalitionsplan ist noch kein Gesetz

Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 14:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Beschluss ist noch nicht gesetzlich umgesetzt; VerbÀnde warnen vor Belastungen, wÀhrend Krankenkassendaten steigende Fehlzeiten zeigen.
Leerer Wartebereich einer Arztpraxis mit hölzernen StĂŒhlen und natĂŒrlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Der Koalitionsausschuss aus CDU/CSU und SPD hat am 2. Juli 2026 politisch beschlossen, die Attestpflicht bei ArbeitsunfÀhigkeit auf den ersten Krankheitstag vorzuziehen und die telefonische Krankschreibung zu beenden.

Bislang liegt dazu noch kein Gesetz vor, sodass weiterhin die Nachweispflicht ab mehr als drei Kalendertagen gilt. Koalitionsabgeordnete diskutieren diesen Schritt mit dem Ziel, Fehlzeiten im Berufsleben zu verringern und die ProduktivitÀt zu steigern.

Widerstand von VerbÀnden und Medizinern

Die politischen PlĂ€ne stoßen auf deutliche Kritik. Medizinische Gruppen lehnen die Verpflichtung zur Vorlage einer Ă€rztlichen Bescheinigung ab dem ersten Krankheitstag ab. Als Argumente fĂŒhren sie ĂŒberlastete Arztpraxen, ein erhöhtes Infektionsrisiko in vollen Wartezimmern sowie eine unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸige Belastung chronisch Kranker und psychisch erkrankter BeschĂ€ftigter an. Unter Fachleuten besteht in der Frage keine Einigkeit.

Auch von Gewerkschaftsseite regt sich Widerstand: Der Chef des Beamtenbundes dbb, Volker Geyer, sprach sich gegen die Nachweispflicht ab dem ersten Krankheitstag sowie gegen ein Aus fĂŒr die telefonische Krankschreibung aus.

UnabhĂ€ngig von einer gesetzlichen Neuregelung haben Arbeitgeber allerdings bereits nach der geltenden Rechtslage die Möglichkeit, eine ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung frĂŒher als nach drei Tagen einzufordern. Legen BeschĂ€ftigte das Attest dann nicht vor, drohen Gehaltsverweigerung, Abmahnung oder KĂŒndigung.

Zahlen zu Fehlzeiten und unberechtigten AusfÀllen

Die Debatte wird vor dem Hintergrund gestiegener Ausfalltage und Umfrageergebnissen zum Meldeverhalten gefĂŒhrt. Daten der Techniker Krankenkasse zeigen, dass TK-Versicherte in Deutschland im Jahr 2025 von Januar bis November im Durchschnitt rund 18,6 Fehltage hatten, nachdem es 2021 rund 13 Tage gewesen waren.

FĂŒr TK-Versicherte in Bayern lag der Krankenstand 2025 bei 4,3 Prozent beziehungsweise 15,7 Fehltagen. BKK-Versicherte im Freistaat kamen 2025 auf durchschnittlich 19,2 Kalendertage ArbeitsunfĂ€higkeit, nach 19,5 Tagen im Jahr 2024 und im Vergleich zu einem Bundesschnitt von 22,1 Tagen. Bei der AOK Bayern lag der Krankenstand 2025 bei 5,8 Prozent oder 21,1 Fehltagen.

Parallel weisen Untersuchungen auf unberechtigte Krankschreibungen hin. In einer Yougov-Umfrage gab mehr als jeder Vierte an, schon einmal unter falschen Angaben bei der Arbeit gefehlt zu haben. Einer Studie der Pronova BKK zufolge meldeten sich 60 Prozent der Befragten schon einmal krank, obwohl sie fit waren; sieben Prozent taten dies laut Erhebung hÀufig.

Anzeige

Wer sich mit den rechtlichen Folgen von ArbeitsausfĂ€llen und den Pflichten im Betrieb auseinandersetzt, sollte die aktuellen Compliance-Regeln genau kennen. Dieser kostenlose PDF-Guide zeigt Arbeitgebern, worauf sie bei neuen Arbeitsrecht-Regeln und AU-Vorgaben jetzt achten mĂŒssen. Neue Arbeitsrecht-Regeln 2026: So bereiten Sie Ihre HR-Prozesse rechtzeitig vor

Dauer und Ursachen von Erkrankungen

Gleichzeitig belegen Kassendaten, dass Kurzzeiterkrankungen zwar den Großteil der FĂ€lle ausmachen, die Ausfalltage jedoch stark von langen Krankheitsphasen geprĂ€gt sind. Laut AOK endeten 2024 rund 72,9 Prozent der Krankmeldungen nach maximal einer Woche, worauf nur 24,1 Prozent der Ausfalltage entfielen. Bei der AOK Bayern machten Langzeiterkrankungen ĂŒber sechs Wochen im Jahr 2025 gut 3 Prozent der FĂ€lle, aber rund 40 Prozent aller Fehltage aus.

Bei den Krankheitsursachen der BKK-Versicherten entfielen 2025 rund 22 Prozent der Fehltage auf Muskel-Skelett-Erkrankungen, 19 Prozent auf Atemwegserkrankungen, 17 Prozent auf die Psyche mit durchschnittlich 38 Tagen je Fall sowie 11 Prozent auf Verletzungen.

Auswertungen zeigen eine deutliche Zunahme psychischer Erkrankungen: Bei der AOK stiegen die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen mit einer Dauer von ĂŒber sechs Wochen zwischen 2016 und 2025 um fast 50 Prozent.

Anzeige

Wenn Fehlzeiten im Betrieb durch psychische Belastungen zunehmen, ist eine rechtssichere Dokumentation und PrĂ€vention fĂŒr alle Beteiligten entscheidend. Erfahrene Arbeitsschutz-Verantwortliche nutzen diese kostenlose Excel-Vorlage zur GefĂ€hrdungsbeurteilung, um Belastungen frĂŒhzeitig zu erkennen. Sifa-Profis setzen auf diese Excel-Vorlage zur GefĂ€hrdungsbeurteilung

Laut AOK-Fehlzeiten-Report nahmen ArbeitsausfĂ€lle wegen psychischer Beschwerden unter Versicherten in den vergangenen zehn Jahren um 42 Prozent zu, wobei Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen gefolgt von depressiven Episoden fĂŒr die lĂ€ngsten AusfĂ€lle sorgten.

Einem Bericht der DAK zufolge waren psychische Leiden im Jahr 2026 neben Atemwegs- und Muskel-Skelett-Erkrankungen erstmals die hĂ€ufigste Ursache fĂŒr AusfĂ€lle; 2024 fĂŒhrten Depressionen dort im zweiten Jahr in Folge zu den meisten Fehltagen.

Disclaimer...
de | wirtschaft | 70347586 |