Attestpflicht, Tag

Attestpflicht ab Tag 1: AOK prognostiziert 10% mehr KrankenstÀnde

Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 12:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine Bescheinigung ab dem ersten Krankheitstag könnte Fehlzeiten in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern um rund 10 Prozent erhöhen.

AOK Nordost warnt vor mehr KrankenstÀnden durch Attestpflicht
Ein leerer, ruhiger Wartebereich in einer modernen Arztpraxis mit ordentlich aufgereihten StĂŒhlen. Illustration mit AI erstellt.

Die EinfĂŒhrung einer verpflichtenden Ă€rztlichen Bescheinigung ab dem ersten Tag der ArbeitsunfĂ€higkeit könnte die KrankenstĂ€nde in Nordostdeutschland massiv ansteigen lassen.

Einer aktuellen Modellrechnung der AOK Nordost zufolge wird fĂŒr die BundeslĂ€nder Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin ein Zuwachs der Fehlzeiten um rund 10 Prozent prognostiziert. Damit rĂŒckt eine zentrale Maßnahme des im Sommer beschlossenen Reformpakets der Bundesregierung zur Senkung hoher KrankenstĂ€nde in die Kritik.

Erhebliche Mehrbelastung in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg

FĂŒr Mecklenburg-Vorpommern zeigen die Daten der Krankenkasse fĂŒr das erste Halbjahr 2026 einen Krankenstand von 7,5 Prozent. Sollte die Attestpflicht ab dem ersten Tag eingefĂŒhrt werden, prognostiziert das berechnete Szenario einen Anstieg auf 8,2 Prozent.

Eine Auswertung von rund 100.000 Fehltagen im Land ergab, dass etwa 8.700 Tage auf KurzausfĂ€lle entfielen, fĂŒr die bisher kein Attest erforderlich war. Rund 40 Prozent der gesamten Fehltage in Mecklenburg-Vorpommern entfallen zudem auf Langzeiterkrankungen von mehr als 42 Tagen Dauer.

In Brandenburg zeichnet sich ein Àhnliches Bild ab. Auch hier rechnet die AOK Nordost mit einer Steigerung des Krankenstands um etwa 10 Prozent durch die Neuregelung. Die Analyse zeigt, dass statistisch auf gut neun Fehltage mit Àrztlichem Attest lediglich ein Fehltag ohne entsprechende Bescheinigung kommt. Wie in Mecklenburg-Vorpommern sind auch in Brandenburg rund 40 Prozent der ErkrankungsfÀlle dem Langzeitbereich zuzuordnen.

Auswirkungen auf die Bundeshauptstadt

FĂŒr Berlin ergibt die Modellrechnung eine potenzielle Erhöhung des Krankenstands von 5,8 Prozent auf 6,4 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 lag der Krankenstand bei den AOK-versicherten BeschĂ€ftigten in der Hauptstadt bei 5,8 Prozent, was einen leichten RĂŒckgang gegenĂŒber dem Vorjahreszeitraum (5,9 Prozent) darstellte.

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Die Auswertung fĂŒr Berlin verdeutlicht zudem die Struktur der Fehlzeiten: Von etwa 100.000 Fehltagen waren rund 8.700 Tage KurzausfĂ€lle ohne Attestpflicht. Bemerkenswert ist, dass rund 75 Prozent der ArbeitsunfĂ€higkeitstage Berliner BeschĂ€ftigter im ersten Halbjahr 2026 auf Erkrankungen mit einer Dauer von mindestens acht Tagen entfielen.

Kritik aus Ärzteschaft und Politik

Die KassenĂ€rztliche Vereinigung Brandenburg warnte vor den Folgen einer solchen Regelung. Nach EinschĂ€tzung der Standesvertretung wĂŒrde eine Attestpflicht ab dem ersten Tag keinen Missbrauch verhindern, sondern primĂ€r zusĂ€tzliche BĂŒrokratie schaffen und zu ĂŒberlaufenen Wartezimmern fĂŒhren.

Innerhalb der Bundesregierung mehren sich ebenfalls Zweifel. Bundesarbeitsministerin Bas (SPD) stellte das Vorhaben öffentlich infrage und warnte vor einem sogenannten Boomerang-Effekt.

Demnach bestehe die Gefahr, dass aus einem kurzen Infekt durch den notwendigen Arztbesuch eine Krankschreibung fĂŒr eine komplette Woche werde. Bas verwies zudem auf das fehlende PrimĂ€rarzt-System und erklĂ€rte, keinen entsprechenden Gesetzentwurf einbringen zu wollen.

DemgegenĂŒber betonte Regierungssprecher Kornelius, dass die im Juli 2026 im Koalitionsausschuss getroffene Vereinbarung weiterhin die Grundlage fĂŒr die Erarbeitung eines Gesetzentwurfs bilde. Auch OppositionsfĂŒhrer Merz (CDU) verwies in der Debatte auf die Einhaltung des Koalitionsvertrags.

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Wirtschaftlicher Hintergrund der Debatte

Hintergrund der politischen BemĂŒhungen sind die stark gestiegenen Kosten fĂŒr die Unternehmen. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zahlten Arbeitgeber im Jahr 2025 rund 85,6 Milliarden Euro fĂŒr die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Im Vergleich dazu lagen diese Kosten im Jahr 2015 noch bei 54 Milliarden Euro.

Gleichzeitig stehen die Sozialkassen unter erheblichem finanziellem Druck. Die gesetzliche Pflegeversicherung weist fĂŒr das Jahr 2026 ein Defizit von 4,4 Milliarden Euro auf, wobei bis zum Jahresende schĂ€tzungsweise 500 Millionen Euro fehlen werden. FĂŒr das Jahr 2027 wird bereits mit einem ungedeckten Bedarf von rund 10 Milliarden Euro gerechnet.

Vor diesem Hintergrund werden Einsparungen diskutiert, wobei etwa die Union auf KĂŒrzungen bei den RentenbeitrĂ€gen fĂŒr pflegende Angehörige verzichten will, was eine FinanzlĂŒcke von etwa 1,9 Milliarden Euro bedeutet. Die Stiftung Patientenschutz verwies in diesem Zusammenhang auf RĂŒcklagen der privaten Pflegeversicherung in Höhe von ĂŒber 40 Milliarden Euro.

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