Aufschwung-Programm: 10 Mrd. Euro Steuern sparen, höhere Abgaben für Spitzenverdiener
04.07.2026 - 07:49:56 | boerse-global.de
Das 34 Punkte umfassende Konzept soll die seit über drei Jahren stagnierende deutsche Wirtschaft beleben. Steuerpolitik, Arbeitsmarkt und Bürokratieabbau stehen im Fokus.
Während Regierungsvertreter eine Rückkehr auf den Wachstumspfad erwarten, äußern führende Ökonomen deutliche Zweifel an der Wirksamkeit der Maßnahmen.
Steuerentlastungen und höhere Abgaben für Spitzenverdiener
Ein Kernstück der Reform: steuerliche Entlastungen in Höhe von rund 10 Milliarden Euro jährlich. Ab 2027 steigt der Grundfreibetrag auf 12.900 Euro, das Kindergeld auf 272 Euro. Auch der Arbeitnehmerpauschbetrag erhöht sich auf 1.430 Euro.
Eine Familie mit zwei Kindern und 60.000 Euro Bruttoeinkommen könnte ab 2028 um über 600 Euro jährlich entlastet werden.
Gegenfinanziert wird das Paket durch eine verschärfte Reichensteuer. Für Einkommen ab 250.000 Euro steigt der Satz auf 45 Prozent, ab 280.000 Euro auf 47 Prozent. Die Pauschalsteuer für Minijobs klettert von 2 auf 5 Prozent, während der Handwerkerbonus gekürzt wird.
Arbeitsmarkt wird flexibler – Krankschreibung wird strenger
Die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen wird bis Ende 2030 auf bis zu 48 Monate ausgeweitet. Möglich sind maximal sechs Verlängerungen. Bei schnellen Jobwechseln sinkt die Abfindungssteuer – das soll die Mobilität der Arbeitnehmer erhöhen.
Deutlich strenger wird es bei Krankmeldungen: Die telefonische Krankschreibung fällt weg. Arbeitnehmer müssen ab dem ersten Tag eine ärztliche Bescheinigung vorlegen. Unionspolitiker präzisierten, dass zwar eine Nachweispflicht ab Tag eins besteht, ein physischer Praxisbesuch aber nicht zwingend am ersten Tag erfolgen muss.
Der Hausärzteverband kritisiert die Pläne als hohe Belastung für die Praxen.
Bürokratieabbau und Rentenreform
Die Koalition stoppt pauschal neue Berichtspflichten. Ein Viertel der bestehenden Dokumentationspflichten soll innerhalb eines Jahres gestrichen werden. Genehmigungsverfahren, besonders bei Digitalisierung und Infrastruktur, werden beschleunigt.
In der Rentenpolitik entfällt die „Rente mit 45 Beitragsjahren“. Das Mindestalter für den Renteneintritt wird auf 64 Jahre festgesetzt. Eine Kapitalrente wird eingeführt, Anreize für Erwerbstätigkeit über 67 Jahre sollen geschaffen werden.
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Im Gesundheitssektor ist für 2027 eine Entlastung der Krankenkassen um 16,3 Milliarden Euro vorgesehen.
Wirtschaftsforscher: Paket reicht nicht
Die Reaktionen aus der Wissenschaft fallen verhalten aus. In Stellungnahmen vom 3. Juli bewerteten Institute wie Ifo, DIW, ZEW und IfW das Paket als unzureichend.
Ifo-Präsident Clemens Fuest bemängelt fehlende Ausgabenkürzungen im Staatshaushalt. Die hohe Steuerlast für Spitzenverdiener setze ein negatives Signal für Investitionen. DIW-Präsident Marcel Fratzscher fordert eine großangelegte Investitionsoffensive und eine tiefgreifendere Steuerreform.
Moritz Schularick, Präsident des IfW Kiel, warnte am 4. Juli: Das Paket allein reiche nicht, um den technologischen Rückstand Deutschlands aufzuholen. Experten des IW Köln ergänzen, dass die geplanten Steuerentlastungen durch voraussichtlich steigende Sozialbeiträge neutralisiert werden könnten.
Die Bundesregierung peilt mit dem Paket ein Wirtschaftswachstum von über 1 Prozent für 2027 an – bislang lagen die Prognosen bei 0,9 Prozent. Kanzleramtschef Christian Frei betont, die Summe der Maßnahmen werde die Wirtschaft zurück auf den Wachstumspfad führen.
Das Bundeskabinett befasst sich am Montag mit dem Haushalt für 2027. Die finanzielle Grundlage für die Umsetzung der Reformen soll dann stehen.
