Gauck: EU-AsylverschĂ€rfungen hĂ€tten wohl frĂŒher kommen mĂŒssen
07.01.2024 - 16:47:14"Das hĂ€tte wahrlich frĂŒher passieren mĂŒssen", sagte Gauck der "Bild"-Zeitung (Montag). "Allerdings wĂ€re das vor einem halben Jahr in Teilen der GrĂŒnen Partei oder der Sozialdemokratie ĂŒberhaupt nicht zu vermitteln gewesen."
Beim Thema Migration gebe es "so etwas wie ein Wunschdenken von anstĂ€ndigen und guten Menschen", sagte Gauck. Im Grunde sei Aufnahmebereitschaft etwas Gutes, deshalb fĂŒrchte sich die Politik trotz RĂŒckhalts dafĂŒr in der Bevölkerung vor solchen Entscheidungen.
Durch den "Druck der RealitĂ€t" habe sich dies geĂ€ndert. "Durch die Wahrnehmung der wirklichen Wirklichkeit auch bei grĂŒnen und sozialdemokratischen OberbĂŒrgermeistern, die die Arbeit haben." Dort sei das Bewusstsein gewachsen, dass nicht alles WĂŒnschbare umsetzbar sei, sagte Gauck. Es bedĂŒrfe mitunter "auch der HĂ€rte". Sonst drohten zunehmende Wahlerfolge rechter Parteien. "Und so entsteht dann ein politischer Druck, der unsere hehren moralischen Ziele durch Anerkennen der Wirklichkeit verĂ€ndert."
Einwanderung brauche auch Integration, betonte Gauck. "Sonst stehen wir vor den Parallelgesellschaften, in denen Denk- und Verhaltensweisen aus autoritĂ€ren, patriarchalischen Staaten weiterleben." Er verwies auf jĂŒngste israelfeindliche Demonstrationen. "Ăber viele Jahre wollte man im politisch korrekten Milieu darĂŒber nicht sprechen; Antisemiten, das waren nur die Rechtsradikalen. Doch ein Antisemitismus, der in den arabischen LĂ€ndern systematisch im Kindergarten und in den Schulen vermittelt und in Familien verstĂ€rkt wird, muss genannt werden, was es ist: ein Ăbel. Und das können und wollen wir nicht einfach hinnehmen."
Gauck warnte, es sei ein Trugschluss zu glauben, man könne Debatten stoppen. "Die werden nicht gestoppt, sondern die gehen dann in die RĂ€ume, in denen die Nationalpopulisten absahnen." Nötig seien Diskussionen in der Mitte der Gesellschaft. "Aber tolerant zu sein gegenĂŒber anderen Kulturen, gegenĂŒber Fremden, anderen Religionen, das bedeutet nicht, jede Art von Andersartigkeit automatisch mit Anerkennung und Respekt zu begleiten. Manches muss kritisiert, unter UmstĂ€nden sogar bestraft werden." Es habe lange gedauert, bis die ersten islamistischen Organisationen verboten worden seien.

