Automobilindustrie: 100.000 Beschäftigte warnen Kanzler vor Sozialabbau
Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 03:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die deutsche Automobilindustrie steckt in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten. Während Vorstände auf Sparkurse und Mehrarbeit setzen, wächst der Widerstand der Belegschaften. Der Vorwurf: Die Krise ist hausgemacht.
„Die Rechnung zahlen die Beschäftigten“
Die Umweltschutzorganisation Transport & Environment (T&E) macht die Konzernspitzen direkt verantwortlich. Deutschland-Chef Sebastian Bock sagt: Die Belegschaften müssten nun für zu teure Modelle und versäumte Investitionen geradestehen. Dabei seien die Kassen prall gefüllt gewesen: 2023 erwirtschafteten europäische Hersteller Gewinne von fast 100 Milliarden Euro – mehr als 40 Prozent aller Autogewinne weltweit.
Ein zentraler Kritikpunkt: die hohen Dividenden. Mercedes-Benz zahlte 2024 die höchste Ausschüttung im DAX. Volkswagen überwies zwischen 2021 und 2023 rund 22 Milliarden Euro an seine Aktionäre. Währenddessen explodierten die Neuwagenpreise. Am Beispiel Frankreichs zeigt sich das Ausmaß: Zwischen 2020 und 2024 stieg der Durchschnittspreis um rund 6.800 Euro – drei Viertel davon gehen auf die Premiumstrategie zurück. Kostete ein Neuwagen 1974 noch fünf Monatsgehälter, sind es heute zehn bis zwölf.
Mercedes: offener Brief an den Kanzler
Bei Mercedes-Benz eskalierte der Konflikt zuletzt. Vorstandschef Ola Källenius fordert längere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn – begründet mit hohen Arbeitskosten und strengen EU-CO2-Grenzwerten. Die IG-Metall-Bezirksleiterin Barbara Resch kontert: „Mehrarbeit ohne Lohnausgleich ist kein Mittel gegen die Krise.“ Sie spricht von einer strukturellen, nicht konjunkturellen Krise.
Die Arbeitnehmervertreter gehen in die Offensive: In einem offenen Brief an Bundeskanzler Merz warnen sie im Namen von über 100.000 Beschäftigten vor Sozialabbau und industriepolitischer Orientierungslosigkeit. Gefordert werden wettbewerbsfähige Strompreise, Infrastrukturausbau und eine abgestimmte europäische Handelspolitik.
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Porsche und VW: radikale Einschnitte
Porsche-Chef Michael Leiters kündigt im Strategieplan „Sportwagenschmiede 2035“ den Abbau von weiteren 5.000 Stellen an – insgesamt fallen damit rund 8.900 Arbeitsplätze. Zusätzlich sollen Tariferhöhungen teilweise einbehalten und das Weihnachtsgeld gekürzt werden. Gleichzeitig investiert der Sportwagenbauer 2,1 Milliarden Euro in deutsche Standorte und plant neue Verbrennermodelle für das Ende des Jahrzehnts.
Noch drastischer ist die Lage bei Volkswagen. Der Konzern erwägt den Abbau von bis zu 100.000 Stellen und die Schließung von vier deutschen Werken. Branchenweit wurden 2025 bereits fast 50.000 Arbeitsplätze gestrichen – die Beschäftigtenzahl sank auf rund 725.000, den tiefsten Stand seit 14 Jahren. Der Zuliefererverband CLEPA meldet für 2024 bis 2025 insgesamt 104.000 angekündigte Streichungen.
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Markt dreht sich: China schrumpft, SUV wachsen
Doch die Krise hat auch strukturelle Ursachen jenseits der Kosten. Der SUV-Anteil an den Neuzulassungen stieg von 24 Prozent (2016) auf voraussichtlich 59 Prozent (2025). Gleichzeitig bricht der chinesische Markt weg: Die Exporte deutscher Hersteller nach China fielen von 270.000 Fahrzeugen (2021) auf knapp über 98.000 (2025). In China sind bereits 55 Prozent der Neuwagen elektrisch – und heimische Hersteller kontrollieren rund 60 Prozent des Weltmarkts für E-Autos.
Die Lage ist paradox: Deutsche Premiummarken erzielen teils geringere Margen als Volumenhersteller. BMW, Mercedes und VW zählen zu den Verlierern des Börsenjahres. Dabei zeigt die Nachfrage klar in eine andere Richtung: Über 50 Prozent der Befragten wollen ein Auto für weniger als 30.000 Euro – ein Segment, das die deutsche Industrie derzeit kaum bedient.
