Bau-Turbo: 13 Monate Zeitgewinn, aber hohe Kosten bremsen den Wohnungsbau
Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 13:03 Uhr | Redaktion boerse-global.deEin Jahr nach dem Inkrafttreten des sogenannten Bau-Turbos haben Kommunen und Branchenverbände eine erste Zwischenbilanz gezogen. Bundesweit wurden über das Beschleunigungsinstrument knapp 8.000 neue Wohnungen genehmigt. Regionale Schwerpunkte bilden dabei insbesondere größere Städte: Rund 2.000 dieser Genehmigungen entfallen auf München, etwa 350 auf Stuttgart und rund 250 auf Frankfurt.
Nach Einschätzung der Wohnungswirtschaft bringt das Verfahren spürbare Erleichterungen. Der durchschnittliche Zeitgewinn durch den Bau-Turbo wird auf 13 Monate beziffert. Auch auf lokaler Ebene zeigen sich punktuelle Erfolge.
Im nordrhein-westfälischen Bornheim-Roisdorf soll das Instrument in Kombination mit einem Investorenwechsel dazu führen, dass nach jahrelangem Stillstand im kommenden Jahr die Bauarbeiten in einem örtlichen Neubaugebiet beginnen können.
Hemmnisse abseits der Genehmigungsverfahren
Trotz der Verfahrensbeschleunigung bleibt die Gesamtwirkung des Instruments begrenzt. Da die Anwendung des Bau-Turbos für Kommunen freiwillig ist, bleibt eine flächendeckende Beschleunigung im gesamten Bundesgebiet bislang aus. Zudem erschweren anhaltend hohe Baukosten, ein hohes Zinsniveau sowie steigende Energiepreise die praktische Umsetzung von Bauvorhaben.
Der Bauindustrieverband Ost (BIVO) zog nach dem ersten Jahr eine gemischte Bilanz. Die knapp 8.000 Zustimmungen zeigten zwar, dass das Instrument von den Kommunen angenommen werde.
Allerdings sieht BIVO-Hauptgeschäftsführer Dr. Robert Momberg darin lediglich einen Schritt in die richtige Richtung und noch keinen Durchbruch. Zügigere Genehmigungsverfahren könnten weder die gestiegenen Baukosten senken noch die Finanzierungsbedingungen verbessern.
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Während in Ballungsräumen wie Berlin, Leipzig und Dresden vor allem geeignetes Bauland fehle, stellten in den ländlichen Regionen Brandenburgs, Sachsens und Sachsen-Anhalts die teuren Baustoffe und schwierige Finanzierungen die zentralen Hürden dar. Der Verband fordert daher weniger kostenintensive Vorschriften, einfachere Baustandards sowie verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen.
Jörg Utecht, Vorstand der Interhyp AG, bewertete den Bau-Turbo ebenfalls als richtigen Schritt, mahnte jedoch eine konsequentere Nutzung durch die Kommunen an. Zudem seien ergänzende Hebel notwendig, darunter der sogenannte Gebäudetyp E, der sich auf der Zielgeraden befinde.
Wohnungsbau verharrt im Tief
Die Debatte um den Bau-Turbo fällt in eine anhaltende Krise des Wohnungsneubaus. Nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts sinkt die Zahl der fertiggestellten Wohnungen 2026 voraussichtlich erstmals seit langem unter die Marke von 200.000 Einheiten.
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Erwartet werden lediglich 185.000 Neubauwohnungen, was einem Rückgang von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr mit 205.000 Einheiten und dem niedrigsten Stand seit 15 Jahren entspricht. Für die Jahre 2027 und 2028 prognostiziert das Institut jeweils 195.000 Fertigstellungen.
Ifo-Experte Dorffmeister verweist auf einen Preisschock bei Bauleistungen, einen Zinsschock bei der Finanzierung – die Bauzinsen stiegen seit 2021 von rund einem auf zuletzt über vier Prozent – sowie den Rückgang der Bauförderung.
Laut Euroconstruct belegt Deutschland mit weniger als 2,5 neuen Wohnungen pro 1000 Einwohner den drittletzten Platz unter allen Staaten der Europäischen Union. Wie GdW-Präsident Gedaschko erklärte, drohen die Neubauinvestitionen sozial orientierter Wohnungsunternehmen 2026 um fast 26 Prozent einzubrechen, während die Baupreise seit Ende 2019 um über 50 Prozent zugelegt haben.
Zwar stieg die Zahl der bundesweiten Baugenehmigungen bis August auf rund 170.000 Wohnungen – ein Zuwachs von 12,1 Prozent im Vorjahresvergleich –, doch viele Projekte bleiben unvollendet. Nach Angaben des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie wuchs der Bauüberhang genehmigter, aber noch nicht realisierter Wohnungen binnen zehn Jahren von 522.700 auf 760.700 Einheiten an.
Ende 2025 lagen 450.000 genehmigte Wohnungen auf Eis, während Hochbau-Betriebe zu gerade einmal 45 Prozent ausgelastet waren. Zusätzliche Impulse soll eine kurzfristige Aufstockung der Bundesmittel für das EH-55-Förderprogramm setzen, dessen Beantragung allerdings nur noch bis Ende 2026 möglich ist.
