Selenskyj: Gegenangriff soll Russlands Reserven verbrauchen
17.08.2024 - 11:25:03Die Verluste Russlands seien "sehr nĂŒtzlich" fĂŒr die Verteidigung der Ukraine, sagte er in seiner abendlichen Videoansprache. "Es geht um die Zerstörung der Logistik der russischen Armee und um den Verbrauch ihrer Reserven", erklĂ€rte Selenskyj. "Wir mĂŒssen allen russischen Stellungen maximalen Schaden zufĂŒgen, und das tun wir auch."
Die "Washington Post" berichtete von einem weiteren VorstoĂ der Ukraine auf russisches Gebiet, und zwar in Richtung Belgorod. Dort seien die russischen Einheiten jedoch nach den Ereignissen in der Region Kursk schon in Bereitschaft gewesen, der ukrainische Angriff habe sich bereits im Grenzgebiet festgefahren.
Oberkommandeur Olexander Syrskyj erklĂ€rte, die ukrainischen Truppen seien bei Kursk weitere ein bis drei Kilometer vorgerĂŒckt. "Die KĂ€mpfe gehen entlang der gesamten Frontlinie weiter", sagte er in einem am Abend verbreiteten Videoausschnitt. "Im Allgemeinen ist die Lage unter Kontrolle."
Syrskyj habe ihm auch Bericht ĂŒber die Lage an anderen Frontabschnitten erstattet, sagte Selenskyj. Dabei sei es vor allem um die Abschnitte bei Pokrowsk und Torezk am Rande des von Russland besetzten Donbass im Osten der Ukraine gegangen. Details nannte Selenskyj nicht.
Der Generalstab in Kiew berichtete von 23 Angriffen russischer Truppen bei Pokrowsk. "Die Verteidiger haben 17 Angriffe abgewehrt, weitere sechs Gefechte dauern noch an", hieĂ es am Abend. Bei Torezk seien acht russische Angriffe abgeschlagen worden. WĂ€hrend der KĂ€mpfe habe die russische Luftwaffe sowohl Torezk als auch die kleineren Orte Nju Jork (New York) und Nelipiwka bombardiert. Die Angaben konnten nicht unabhĂ€ngig geprĂŒft werden.
Russland fĂŒhrt seit zweieinhalb Jahren einen unerbittlichen Angriffskrieg gegen die Ukraine und hat gröĂere Gebiete im Osten des Nachbarlandes erobert. Um weitere Eroberungen möglichst zu verhindern, hat das ukrainische MilitĂ€r eine Gegenoffensive in die westrussische Region Kursk hinein gestartet. Damit soll möglicherweise auch die Verhandlungsposition bei eventuellen GesprĂ€chen zwischen Moskau und Kiew verbessert werden.
Botschafter Lambsdorff: Moskau nicht verhandlungsbereit
Der deutsche Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, sieht derzeit keine Chancen auf Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg. "Im Moment lĂ€sst die russische Seite keine Verhandlungsbereitschaft erkennen, sondern pocht auf weit ĂŒberzogene Vorbedingungen", sagte Lambsdorff, der seit rund einem Jahr Botschafter ist, in einem Interview des "Bonner General-Anzeigers".
Wenn der russische PrĂ€sident Wladimir Putin erklĂ€re, er sei nur zu GesprĂ€chen mit der ukrainischen Seite bereit, wenn diese sich zuvor vollstĂ€ndig aus allen Gebieten zurĂŒckziehe, die Russland seiner Meinung nach bereits annektiert habe - also auch aus den Teilen, die Russland gar nicht militĂ€risch kontrolliere -, "dann ist ja klar, dass da keine Ernsthaftigkeit hinter steht", sagte Lambsdorff.
Die Arbeit der deutschen Botschaft in Moskau sei darauf ausgerichtet, prĂ€sent zu sein, um tĂ€tig werden zu können, falls sich die Haltung Moskaus Ă€ndern sollte. "Denn eines Tages muss auch Russland erkennen, dass es mit diesem Krieg deutlich weniger erreicht, als es sich zu Beginn vorgenommen hat, dass es sich international schweren Schaden zufĂŒgt und dass es sich in einer Kriegswirtschaft befindet, die völlig ĂŒberhitzt ist und nicht durchzuhalten sein wird."
Ukrainischer VorstoĂ nach Kursk "böse Ăberraschung" fĂŒr Russland
Der ukrainische VorstoĂ in das russische Gebiet Kursk mit Bodentruppen habe Russland nervös gemacht, sagte Lambsdorff. FĂŒr die Grenzschutztruppen, den Geheimdienst, das MilitĂ€r, die Zivilverteidigung und auch die Bevölkerung sei es eine böse Ăberraschung gewesen, dass den ukrainischen Truppen eine derartige Aktion gelingen konnte.
Leiter von Rekrutierungszentren festgesetzt
In der Ukraine sind indes die Leiter von zwei Rekrutierungszentren in der NĂ€he von Kiew wegen Annahme von Schmiergeldern fĂŒr die Freistellung von Wehrpflichtigen festgesetzt worden. Die "Ukrajinska Prawda" berichtete, bei der Durchsuchung von BĂŒros und Wohnungen in den Vororten Butscha und Boryspil seien Geldpakete entdeckt und beschlagnahmt worden. Die Leiter der Rekrutierungszentren und ihre Komplizen sollen insgesamt rund eine Million Dollar (umgerechnet etwa 900.000 Euro) fĂŒr ihre Dienste kassiert haben.
Nach den bisherigen Ermittlungen sorgten die Leiter fĂŒr gefĂ€lschte medizinische Gutachten, mit denen junge MĂ€nner fĂŒr wehrunfĂ€hig erklĂ€rt und von der weiteren Registrierung ausgeschlossen wurden. ZunĂ€chst seien 20 Personen identifiziert worden, die versucht hĂ€tten, sich auf diese Weise vom Kriegsdienst befreien zu lassen.
Junge Ukrainer versuchen aus verschiedensten GrĂŒnden und auf verschiedenste Weise, sich dem Wehrdienst zu entziehen. Vielfach versuchen sie einfach, sich ĂŒber die grĂŒne Grenze in NachbarlĂ€nder abzusetzen. Wegen der verschĂ€rften Kontrollen suchen inzwischen Schleuserbanden immer neue Wege, flĂŒchtige Wehrpflichtige fĂŒr hohe Summen ins Ausland - meist nach RumĂ€nien - zu bringen.
Auch viele Russen entziehen sich dem Wehrdienst durch Flucht ins Ausland. Seit Kriegsbeginn haben bereits zehntausende MĂ€nner Russland verlassen und sich unter anderem in benachbarten Ex-Sowjetrepubliken niedergelassen.

