Signal an Putin: Scholz verspricht Selenskyj weitere Hilfe
11.10.2024 - 17:36:40(Neu: mehr Details)
BERLIN (dpa-AFX) - Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat der Ukraine beim Besuch von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj in Berlin anhaltende militĂ€rische UnterstĂŒtzung zugesichert, sich aber gleichzeitig fĂŒr FriedensbemĂŒhungen stark gemacht. Er verwies unter anderem darauf, dass bis Ende des Jahres ein Waffenpaket mit weiteren Luftverteidigungssystemen, Artillerie und Drohnen im Wert von 1,4 Milliarden Euro zusammen mit Belgien, Norwegen und DĂ€nemark geliefert werden soll. Er warb aber auch fĂŒr eine neue Friedenskonferenz mit Russland, um einem Ende des Krieges nĂ€her zu kommen.
Waffen liefern und gleichzeitig die BemĂŒhungen um eine Friedenslösung vorantreiben - das ist die Doppelstrategie, die Scholz seit Monaten im Ukraine-Krieg verfolgt. Deutschland ist weiterhin der zweitwichtigste Waffenlieferant der Ukraine nach den USA. Das werde auch so bleiben, versicherte Scholz Selenskyj. "Deutschland steht weiter fest an der Seite der Ukraine."
MilitÀrhilfe: "Die Ukraine kann sich auf uns verlassen"
Die Hilfe zeige zum einen: "Die Ukraine kann sich auf uns verlassen." Zweitens sei es ein Signal an den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin, dass dessen Spiel auf Zeit nicht funktionieren werde. Laut Scholz erhĂ€lt die Ukraine unter anderem weitere Luftverteidigungssysteme vom Typ Iris-T und Skynex, Flakpanzer Gepard, Panzer- und Radhaubitzen, Kampfpanzer, geschĂŒtzte Fahrzeuge, Kampfdrohnen, Radare und Artilleriemunition.
Selenskyj bedankte sich fĂŒr die Hilfe: "Deutschland hat uns mehr als andere mit Flugabwehr geholfen. Das ist eine Tatsache. Und das rettete tausende Leben von Ukrainern und gibt unseren StĂ€dten und Dörfern Schutz vor dem russischen Terror", sagte er. Er dankte ebenso fĂŒr die politische und wirtschaftliche Hilfe. "Ich danke fĂŒr die gesamte Menge an Hilfen. FĂŒr uns ist es sehr wichtig, dass im nĂ€chsten Jahr die Hilfe nicht geringer wird."
Scholz' Nein zu "Taurus" bleibt
Die beiden Ă€uĂerten sich unmittelbar nach der Landung Selenskyjs mit einem Hubschrauber am Kanzleramt vor ihren GesprĂ€chen. Der Wunsch der Ukraine nach weitreichenden Waffen und deren Einsatz bis tief in russisches Territorium war dabei kein Thema. Scholz hat immer wieder klargemacht, dass er die deutschen Marschflugkörper vom Typ "Taurus" mit einer Reichweite von 500 Kilometern nicht liefern wird. Er sieht die Gefahr, dass Deutschland und die Nato so in den Krieg hineingezogen werden könnten
Die USA, GroĂbritannien und Frankreich haben dagegen Raketen mit einer Reichweite bis 300 Kilometern geliefert. Ihr Einsatz gegen Ziele in Russland wird noch diskutiert. Scholz zĂ€hlt zu den Skeptikern.
Scholz wirbt fĂŒr Friedenslösung - Selenskyj: Krieg könnte 2025 enden
Scholz nutzte das Treffen, um fĂŒr verstĂ€rkte diplomatischen BemĂŒhungen um eine Friedenslösung zu werben. Er und Selenskyj seien sich einig, dass es eine weitere Friedenskonferenz geben mĂŒsse, an der auch Russland teilnehmen solle, sagte der Kanzler und fĂŒgte hinzu: "Klar ist, eine Verwirklichung des Friedens kann nur auf Basis des Völkerrechts geschehen. Das wird noch enorme Anstrengung erfordern." Richtschnur des gemeinsamen Handelns bleibe das BemĂŒhen um einen gerechten und dauerhaften Frieden fĂŒr die Ukraine. "Wir werden keinen Diktatfrieden Russlands akzeptieren", betonte Scholz.
Selenskyj sagte, er wolle in Berlin "realistische Schritte" fĂŒr einen Weg zum Frieden vorstellen. Russland mĂŒsse zum Frieden gezwungen werden, dann könnte der Krieg auch schon 2025 vorbei sein. Auch in London, Paris und Rom hatte er zuvor diese PlĂ€ne vorgestellt.
Zweiter Deutschland-Besuch innerhalb von fĂŒnf Wochen
Es ist der zweite Deutschland-Besuch des ukrainischen PrĂ€sidenten innerhalb von fĂŒnf Wochen und das dritte persönliche GesprĂ€ch mit Scholz in diesem Zeitraum. In Berlin war auch ein Treffen mit BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier geplant. In der Hauptstadt herrschten wegen Selenskyjs Besuch scharfe Sicherheitsvorkehrungen.
Eigentlich wollte Selenskyj am Samstag an einem Ukraine-Gipfel mit 50 verbĂŒndeten LĂ€ndern auf dem US-LuftwaffenstĂŒtzpunkt im rheinland-pfĂ€lzischen Ramstein teilnehmen. Nach der Absage von US-PrĂ€sident Joe Biden wegen des Hurrikans "Milton" wurde der Gipfel aber verschoben. Stattdessen ging Selenskyj auf Tour zu seinen wichtigsten europĂ€ischen VerbĂŒndeten.
Er wirbt dabei fĂŒr seinen sogenannten Siegesplan, von dem bisher nicht viel bekannt ist. Es gehe darum, Bedingungen "fĂŒr ein gerechtes Ende des Krieges" zu schaffen, hatte er vor seiner Ankunft in Berlin gesagt. Unter einem "gerechten" Kriegsende versteht Selenskyj den RĂŒckzug russischer Truppen aus den besetzten Gebieten. Berichten ĂŒber PlĂ€ne fĂŒr einen Waffenstillstand hatte Selenskyj schon in Paris widersprochen. "Eine Feuereinstellung ist kein Thema unserer Beratungen mit den VerbĂŒndeten, und wir sprechen nicht darĂŒber."
Russische Truppen rĂŒcken in Ostukraine weiter vor
Russische Truppen setzen nach Kiewer MilitĂ€rangaben unterdessen ihre Offensive im Osten der Ukraine mit groĂer Wucht fort. Bis Freitagnachmittag zĂ€hlte der ukrainische Generalstab fast 80 Sturmangriffe des Gegners. Der Schwerpunkt der Angriffe richte sich weiter gegen die StĂ€dte Pokrowsk und Kurachiwe. Die Zahlen des MilitĂ€rs sind nicht im Detail ĂŒberprĂŒfbar, lassen aber einen RĂŒckschluss auf die IntensitĂ€t der Gefechte zu.
Nach ukrainischen Angaben hat die russische Armee auch die ostukrainische Bergarbeiterstadt Torezk im Gebiet Donezk zur HĂ€lfte eingenommen. "Orientierungsweise 40 bis 50 Prozent der Stadt befinden sich unter der Kontrolle der ukrainischen StreitkrĂ€fte. Das ĂŒbrige Stadtgebiet ist vom Feind erobert", sagte der Chef der stĂ€dtischen MilitĂ€rverwaltung, Wassyl Tschyntschyk, im ukrainischen Nachrichtenfernsehen. Am Donnerstag sei ein weiteres russisches Vordringen jedoch verhindert worden.
59 Prozent wĂŒnschen sich Telefonat von Scholz und Putin
Der Kanzler wirbt in den vergangenen Wochen verstĂ€rkt fĂŒr einen Friedensprozess. Er hat immer wieder deutlich gemacht, dass er dafĂŒr nach fast zwei Jahren Funkstille auch grundsĂ€tzlich bereit ist, wieder mit dem russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin zu sprechen. Eine klare Mehrheit der Deutschen hĂ€lt das fĂŒr richtig. Nach einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur wĂŒnschen sich 59 Prozent ein Telefonat der beiden, in Ostdeutschland sind es sogar 68 Prozent.
Gespalten sind die Deutschen in der Frage, ob die Ukraine fĂŒr Frieden mit Russland auf einen Teil ihres Staatsgebiets verzichten sollte. 39 Prozent sagen, sie sollte keinen Zentimeter preisgeben. 22 Prozent meinen dagegen, die Ukraine sollte auf die bereits 2014 von Russland annektierte ukrainische Halbinsel Krim verzichten. Weitere 23 Prozent plĂ€dieren sogar dafĂŒr, dass Kiew neben der Krim auch Gebiete aufgeben sollte, die seit der Invasion im Februar 2022 von Russland besetzt wurden. Zusammen sind also 45 Prozent fĂŒr einen Gebietsverzicht.

