Deutschland und Brasilien dringen auf Freihandelsabkommen
04.12.2023 - 19:02:51 | dpa.de(neu: Zitate und Hintergrund)
BERLIN (dpa-AFX) - Deutschland und Brasilien dringen auf einen raschen Abschluss des geplanten Freihandelsabkommens zwischen der EuropĂ€ischen Union und der sĂŒdamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur. "Wir setzen uns nachdrĂŒcklich dafĂŒr ein, dass das Abkommen nun zĂŒgig finalisiert wird", sagte Scholz am Montag in Berlin nach den deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen. Der brasilianische PrĂ€sident Luiz InĂĄcio Lula da Silva sagte, er werde trotz aller Schwierigkeiten nicht aufgeben, zu einem Erfolg der mehr als 20-jĂ€hrigen Verhandlungen beizutragen. "Ich hoffe, dass die EuropĂ€ische Union zeigt, dass sie an dem Abschluss des Vertrags interessiert ist."
Deutlich Differenzen beim Nahost-Konflikt
Deutliche Differenzen zeigten sich bei dem ersten Regierungstreffen der beiden LĂ€nder seit acht Jahren in der Sicherheitspolitik - vor allem beim Gaza- und beim Ukraine-Krieg. WĂ€hrend sich Deutschland lediglich fĂŒr Feuerpausen zwischen Israel und der islamistischen Hamas einsetzt, um humanitĂ€re Hilfe zu ermöglichen, fordert Brasilien eine sofortige und dauerhafte Waffenruhe. Lula hatte Israel mit Blick auf die bei Bombardements getöteten Kinder und Frauen im Gaza-Streifen sogar "terroristische Akte" vorgeworfen.
Diese Formulierung wiederholte er bei der Pressekonferenz mit Scholz zwar nicht, ĂŒbte aber scharfe Kritik an den israelischen Bombardements. Einig zeigten sich der Kanzler und der PrĂ€sident darin, dass es eine Zwei-Staaten-Lösung des Konflikts geben mĂŒsse, also neben dem israelischen Staat auch einen palĂ€stinensischen.
Lula lÀdt Putin zu G20-Gipfel ein - Haftbefehl Sache der Justiz
Was den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine angeht, setzt sich Brasilien seit langem fĂŒr Friedensverhandlungen ein, wĂ€hrend Deutschland die Entscheidung darĂŒber der Ukraine ĂŒberlĂ€sst. Lula sagte, er werde seine G20-PrĂ€sidentschaft, die Anfang Dezember begonnen hat, fĂŒr FriedensbemĂŒhungen nutzen und PrĂ€sident Wladimir Putin zum G20-Gipfel nach Rio de Janeiro im November einladen.
In der Frage des internationalen Haftbefehls gegen Putin wollte Lula sich nicht positionieren. "Ob er verhaftet wird, wenn er kommt? Kann sein, kann nicht sein. Das wird die Justiz entscheiden." Im Gegensatz zu Russland und den USA gehört Brasilien zu den Vertragsparteien des Rom-Statuts zum Internationalen Strafgerichtshof, der den Haftbefehl erlassen hat.
EinwÀnde vor allem aus Frankreich gegen Freihandelsabkommen
Im Mittelpunkt der Konsultationen stand aber die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Lula wollte die Verhandlungen ĂŒber das EU-Mercosur-Abkommen, mit dem eine der gröĂten Freihandelszonen der Welt mit mehr als 700 Millionen Einwohnern entstehen soll, eigentlich bei einem Gipfeltreffen der sĂŒdamerikanischen Staatengemeinschaft am Donnerstag abschlieĂen. Das ist inzwischen aber vor allem wegen des Widerstands Frankreichs und der gerade noch amtierenden Regierung Argentiniens mehr als fraglich. Am Sonntag tritt der neue argentinische PrĂ€sident Javier Milei sein Amt an, der als BefĂŒrworter des Abkommens gilt.
Die GesprĂ€che der EU mit den vier Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay ĂŒber die Freihandelszone laufen bereits seit 23 Jahren. Eine Grundsatzeinigung aus dem Jahr 2019 wird wegen anhaltender Bedenken - etwa beim Regenwaldschutz - nicht umgesetzt.
Scholz mahnt "gröĂtmöglichen Pragmatismus" an
Scholz sagte, Brasilien und Deutschland unterstĂŒtzten den Abschluss, um die enormen Potenziale in den Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu nutzen. Es sei nötig, die Verhandlungen jetzt abzuschlieĂen. "Es spricht sehr viel dafĂŒr, dass wir die Beziehungen zwischen der EuropĂ€ischen Union und Mercosur verbessern, indem wir ein solches Handelsabkommen zustande bringen." Er sei ĂŒberzeugt, dass es eine Mehrheit im EuropĂ€ischen Rat und im Europaparlament dafĂŒr geben werde, wenn das Abkommen ausverhandelt sei. "Da bitte ich alle Beteiligten um gröĂtmöglichen Pragmatismus und um gröĂtmögliche Kompromissbereitschaft."
Bei der Weltklimakonferenz COP28 in Dubai hatte sich der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron gegen das Abkommen ausgesprochen. Dieses berĂŒcksichtige nicht die BiodiversitĂ€t und das Klima, sagte er am Samstag.
Konsultationen nun alle zwei Jahre
An dem Regierungstreffen nahmen auf deutscher Seite neun Minister und Ministerinnen teil, auf brasilianischer waren es zwölf. Es wurden mehrere Vereinbarungen zur Vertiefung der Zusammenarbeit unterzeichnet. Die Bundesregierung verabredet sich regelmĂ€Ăig mit LĂ€ndern zu Regierungskonsultationen, mit denen es eine besonders enge Partnerschaft gibt oder die fĂŒr Deutschland von besonders groĂer strategischer Bedeutung sind.
Die Kabinette Deutschlands und Brasiliens hatten sich 2015 erstmals in BrasĂlia getroffen, um ihre Beziehungen breiter aufzustellen. Unter dem rechtspopulistischen PrĂ€sidenten Jair Bolsonaro, der sich den Spitznamen "Tropen-Trump" einhandelte, lagen die Konsultationen aber jahrelang auf Eis. Nach der RĂŒckkehr von Lula an die brasilianische Staatsspitze wurde die Idee wiederbelebt. Nun sollen die Konsultationen alle zwei Jahre abwechselnd in Deutschland und Brasilien stattfinden.
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