Wenn die letzte Kneipe schlieĂt: Neue Studie zeigt gesellschaftliche Kosten inkohĂ€renter Steuerpolitik
12.06.2026 - 11:00:10 | presseportal.de
Orte der Begegnung und des Diskurses verschwinden
Die Studie zeigt, dass Bars, Kneipen und Clubs wichtige "Dritte Orte" neben Zuhause und Arbeitsplatz sind. Sie schaffen niedrigschwellige RĂ€ume fĂŒr Begegnung, Austausch und Teilhabe und leisten damit einen Beitrag zu Gemeinschaft, sozialem Vertrauen und lokaler Demokratie. Gerade in Zeiten, in denen öffentliche BegegnungsrĂ€ume vielerorts seltener werden, sind sie soziale Ankerpunkte in StĂ€dten, Gemeinden und Quartieren. "Die vorliegende Studie legt offen, was in der steuerpolitischen Debatte bislang systematisch ĂŒbersehen wird, und macht deutlich, wie unverzichtbar Bars und Clubs fĂŒr das soziale Miteinander in Deutschland sind", kommentiert Dr. Marcel Klinge, Vorstandssprecher, Denkfabrik Zukunft der Gastwelt, die Studienergebnisse. Auch politisch findet diese Bedeutung zunehmend Anerkennung. So hat sich die neue Regierungskoalition aus CDU und SPD in Rheinland-Pfalz vorgenommen, ein "Dorfkneipenprogramm" auf den Weg zu bringen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stĂ€rken und Orte der Begegnung zu erhalten.
ArbeitsplÀtze und Betriebe unter zusÀtzlichem Druck
Gleichzeitig ist die GetrĂ€nkegastronomie ein relevanter Wirtschaftsfaktor in Deutschland: Im Jahr 2024 erzielte die Branche ĂŒber 9,6 Milliarden Euro Umsatz. Bundesweit gibt es mehr als 32.400 Betriebe, in denen rund 225.000 Menschen beschĂ€ftigt sind. Zwischen 44 und 51 Prozent der Bevölkerung besuchen regelmĂ€Ăig Gastronomiebetriebe zum Zweck des GetrĂ€nkekonsums. Die Branche steht jedoch massiv unter Druck. Steigende Personal-, Energie- und Mietkosten und rĂŒcklĂ€ufige Besucherfrequenzen belasten viele Betriebe. Die Zahl der getrĂ€nkegeprĂ€gten Gastronomiebetriebe sank von 40.794 im Jahr 2015 auf 32.610 im Jahr 2024, was einem RĂŒckgang von ca. 20 Prozent entspricht. Zugleich steigen die Insolvenzen seit 2023 wieder deutlich an. "Die Studie liefert das, was wir als DBU seit Jahren fordern: belastbare Zahlen, klare Fakten und eine fundierte Grundlage fĂŒr eine sachliche, konstruktive Debatte ĂŒber die Zukunft der Barbranche in Deutschland", kommentiert Maren Meyer, Vorstandsvorsitzende, Deutsche Barkeeper-Union e.V., die Ergebnisse der Studie.
Neue Perspektive auf die Debatte um Steuererhöhungen
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass Steuerpolitik nicht allein fiskalisch gedacht werden darf. Wer Bars, Kneipen und Clubs zusĂ€tzlich belastet, trifft Orte, die fĂŒr Begegnung, Vertrauen und gesellschaftlichen Austausch unverzichtbar sind. Dass solche SchlieĂungen auch unbeabsichtigte gesellschaftliche Folgen haben, zeigt eine aktuelle Studie von Hugo Subtil (UniversitĂ€t ZĂŒrich, Cepremap): In Frankreich verschwanden in zwanzig Jahren 18.000 Bars. Das betrifft vor allem Regionen, die heute Hochburgen populistischer Parteien sind.[1] Parallelen zu Deutschland sind hier durchaus erkennbar. Gerade dort, wo soziale RĂ€ume ohnehin weniger werden, kann der Verlust getrĂ€nkegeprĂ€gter Gastronomie weit ĂŒber wirtschaftliche SchĂ€den hinausgehen und den Zusammenhalt vor Ort spĂŒrbar schwĂ€chen. Hinzu kommt ein steuerpolitischer Widerspruch: Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie war richtig - eine gleichzeitige Erhöhung der Spirituosensteuer wĂ€re das genaue Gegenteil einer kohĂ€renten Steuerpolitik.
Eine zusĂ€tzliche Belastung wĂŒrde daher die beschriebene Lage weiter verschĂ€rfen. Wo höhere Kosten nicht vollstĂ€ndig aufgefangen oder weitergegeben werden können, gerĂ€t die wirtschaftliche TragfĂ€higkeit unter Druck. Eine Steuererhöhung wĂ€re also keine abstrakte Mehrbelastung, sondern kann fĂŒr Betriebe zur konkreten Existenzfrage werden.
Hier finden Sie die gesamte Studie als E-BroschĂŒre.
Zur Studie
Die Studie "Der gesellschaftliche Wert von Bars, Clubs und Kneipen - Kurzanalyse der sozialen und volkswirtschaftlichen Bedeutung der GetrÀnkegastronomie in Deutschland" wurde von EY-Parthenon im Auftrag der Cocktail.Kultur.Gesellschaft. erstellt. Die Autoren sind Dr. Ferdinand Pavel und Dr. Veit Böckers. Die Analyse basiert auf amtlichen Statistiken, wissenschaftlicher Literatur, Branchendaten sowie einer ergÀnzenden Befragung von Gastronomiebetrieben durch die Cocktail.Kultur.Gesellschaft.
Ăber die Cocktail.Kultur.Gesellschaft.
Bei der Initiative Cocktail.Kultur.Gesellschaft. handelt es sich um einen Zusammenschluss von Unternehmen und Organisationen, die die lebendige und kreative Cocktailkultur in Deutschland reprĂ€sentieren und mitgestalten wollen. Ihr Ziel ist, den gemeinsamen Interessen der deutschen Cocktailkultur ein Forum zu eröffnen und in den aktiven Dialog einzutreten. Gemeinsam wollen sie die Entwicklung eines genussvollen, verantwortungsvollen Konsums unterstĂŒtzen und zu einem offenen, transparenten und fairen Dialog ĂŒber seine gegenwĂ€rtige und zukĂŒnftige Bedeutung beitragen.
Mehr Informationen dazu finden Sie auf der Webseite: www.cocktail-kultur.de
[1] siehe Cabras und Reggiani (2010, S.955-957) sowie Cabras und Mount (2017, S.72) fĂŒr GroĂbritannien und Subtil (2026, S.3) fĂŒr Frankreich.
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