Betriebliches, Gesundheitsmanagement

Betriebliches Gesundheitsmanagement: Industrie stellt 9.000er-Experten ein

Veröffentlicht am: 31.07.2026 um 22:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Unternehmen bauen BGM-Stellen aus und setzen auf PrÀventionstage. Krankenstand steigt auf 18,6 Tage, Politik plant Teil-Krankschreibung ab 2028.

Deutsche Industrie forciert Betriebliches Gesundheitsmanagement: Neue Stellen und PrÀventionsstrategien
Moderner, heller BĂŒroarbeitsplatz in einem Industrieunternehmen mit ergonomischer Ausstattung und Fokus auf Gesundheit. Illustration mit AI erstellt.

Angesichts steigender KrankenstĂ€nde und eines wachsenden Bewusstseins fĂŒr PrĂ€vention strukturieren deutsche Industrieunternehmen ihre Personalabteilungen um. Im Zentrum dieser Entwicklung steht die gezielte Ausschreibung von Experten fĂŒr das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM), um die ArbeitsfĂ€higkeit langfristig zu sichern und die medizinische Versorgung der BeschĂ€ftigten zu verbessern.

Die personelle Aufstockung im Bereich der Gesundheitsvorsorge betrifft sowohl den öffentlichen Sektor als auch die Privatwirtschaft. Ende Juli 2026 veröffentlichte die Deutsche Rentenversicherung Bund eine Ausschreibung fĂŒr Gesundheits- und Krankenpfleger am Standort Berlin, die explizit im Betrieblichen Gesundheitsmanagement eingesetzt werden sollen. Die Aufgaben umfassen dort die Schnittstellen zwischen Arbeitssicherheit, sozialem Dienst und dem Ă€rztlichen Dienst. Auch in der Privatwirtschaft zeigt sich dieser Trend: Unternehmen wie die ulrich GmbH & Co. KG suchen verstĂ€rkt HR-Spezialisten fĂŒr das Schulungsmanagement, wĂ€hrend PwC Deutschland Positionen besetzt, die Gesundheitsangebote als festen Bestandteil der Mitarbeiter-Benefits koordinieren.

Praktische Umsetzung und Kooperationen in der Industrie

Wie die konkrete Ausgestaltung solcher Gesundheitsstrategien aussehen kann, demonstrierte das Unternehmen Gelita an seinem Hauptsitz in Eberbach. Ende Juli veranstaltete der Betrieb einen Aktionstag fĂŒr Gesundheit und Arbeitssicherheit. Unter dem Dach der Initiativen „Gesund mit Gelita“ und „Go-Safe“ wurden in Zusammenarbeit mit Partnern wie der AOK Rhein-Neckar-Kreis, dem DRK und der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BGRCI) medizinische Checks durchgefĂŒhrt.

Anzeige

Neben PrĂ€ventionstagen rĂŒckt auch die rechtliche Absicherung am Arbeitsplatz immer stĂ€rker in den Fokus von Unternehmen. Dieser kostenlose Ratgeber unterstĂŒtzt Verantwortliche dabei, GefĂ€hrdungsbeurteilungen rechtssicher zu erstellen und behördliche Anforderungen souverĂ€n zu erfĂŒllen. GefĂ€hrdungsbeurteilung: Jetzt kostenlose Vorlagen und Checklisten sichern

Das Programm umfasste unter anderem Messungen der HerzfrequenzvariabilitĂ€t, Stoffwechselanalysen sowie einen speziellen Mental-Health-Parcours. Solche Maßnahmen dienen nicht nur der FrĂŒherkennung, sondern sollen die BeschĂ€ftigten auch fĂŒr psychische Belastungen und ergonomische Risiken sensibilisieren.

Strategischer Wandel: Von der Finanzierung zur Aktivierung

Branchenexperten beobachten derzeit eine fundamentale Verschiebung in der Ausrichtung des BGM. WĂ€hrend in der Vergangenheit oft die Finanzierung von Zusatzleistungen im Vordergrund stand, verlagert sich der Fokus nun auf den konkreten Zugang zur medizinischen Versorgung. Fachleute des Dienstleisters MRH Trowe, der rund 20.000 Unternehmen betreut, betonten jĂŒngst, dass ĂŒber reine Versicherungsleistungen hinaus eine aktive UnterstĂŒtzung im Versorgungsalltag gefragt sei.

Anzeige

Wenn Mitarbeiter trotz prĂ€ventiver Maßnahmen langfristig erkranken, ist ein strukturiertes Wiedereingliederungsverfahren gesetzlich vorgeschrieben. Ein praxisnaher Leitfaden zeigt, wie Betriebe das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) rechtssicher umsetzen und betroffene ArbeitsplĂ€tze erhalten können. BEM-Anleitung inkl. Muster-Betriebsvereinbarung kostenlos herunterladen

Dieser Bedarf wird durch aktuelle Daten unterstrichen. Laut Erhebungen halten zwar 84 Prozent der Deutschen Vorsorgeuntersuchungen fĂŒr wichtig, doch weniger als die HĂ€lfte nimmt diese regelmĂ€ĂŸig wahr. Jeder vierte BĂŒrger verzichtet sogar vollstĂ€ndig darauf. Gleichzeitig verdeutlichen Statistiken des Robert Koch-Instituts die Notwendigkeit: JĂ€hrlich werden ĂŒber 500.000 Krebsneuerkrankungen registriert, wobei jede sechste Frau und jeder siebte Mann bereits vor dem 65. Lebensjahr betroffen ist. Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen Dauer machen zudem einen erheblichen Anteil der betrieblichen Fehltage aus.

Rechtlicher Rahmen und politische Weichenstellungen

Auch der Gesetzgeber reagiert auf die verĂ€nderten Anforderungen in der Arbeitswelt. Die Bundesregierung plant zum 1. Januar 2028 die EinfĂŒhrung einer sogenannten Teil-Krankschreibung. Dieses Modell sieht vor, dass Ärzte die ArbeitsunfĂ€higkeit in vier Stufen von 100 bis 25 Prozent einschĂ€tzen können. Ziel ist es, nach skandinavischem Vorbild eine flexiblere RĂŒckkehr in den Arbeitsprozess zu ermöglichen, wobei die Zustimmung des Arbeitgebers erforderlich bleibt.

Flankiert wird diese Entwicklung von einer Debatte ĂŒber die Rolle der BetriebsĂ€rzte. FachverbĂ€nde wie der Verband Deutscher Betriebs- und WerksĂ€rzte (VDBW) wiesen zuletzt Bedenken zurĂŒck, wonach der Zugriff auf die elektronische Patientenakte den Datenschutz gefĂ€hrde. Die rund 9.000 BetriebsĂ€rzte in Deutschland unterlĂ€gen der gesetzlichen Schweigepflicht und seien in ihrer medizinischen Beurteilung weisungsfrei.

Die Dringlichkeit dieser Maßnahmen spiegelt sich im allgemeinen Krankenstand wider. WĂ€hrend die Ausfalltage im Jahr 2021 im Schnitt noch bei 13 Tagen lagen, stieg dieser Wert im Zeitraum von Januar bis November 2025 auf 18,6 Tage an. Unternehmen reagieren darauf zunehmend mit einer Professionalisierung ihrer HR-Strukturen, um die Gesundheit als wettbewerbskritischen Faktor zu sichern.

Disclaimer...

de | wirtschaft | 69906486 |