Tarifflucht, Massive

Tarifflucht: Massive Folgen fĂŒr Staat und BeschĂ€ftigte

06.11.2023 - 12:47:31

Bezahlen Arbeitgeber nicht ihrem Tarif gemĂ€ĂŸ Löhne aus, schadet das nicht nur den betroffenen BeschĂ€ftigten. Auch der Staat leidet - und das in Milliardenhöhe.

Durch Tarifflucht von Arbeitgebern verliert der Staat nach einer DGB-Analyse Milliardeneinnahmen. Insgesamt entgingen den Sozialversicherungen in Deutschland jÀhrlich rund 43 Milliarden Euro an BeitrÀgen, Bund, LÀnder und Kommunen nÀhmen rund 27 Milliarden Euro weniger Steuern ein. Das geht aus Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes hervor.

Die sogenannte Tarifflucht, ist der Versuch eines Arbeitgebers, einen Tarifvertrag zu unterlaufen und so Löhne und GehÀlter zu bezahlen, die niedriger als die tariflich vereinbarten sind. Das bedeutet laut DGB auch weniger Einzahlungen in die Sozialversicherungen - also geringere Einnahmen bei der Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung. Auch die Steuereinnahmen durch die Einkommensteuer fielen geringer aus.

Kaufkraft leidet

Die mangelnde Tarifbindung wirkt sich laut DGB auch auf die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung aus: Mit einer flĂ€chendeckenden Tarifbindung hĂ€tten die BeschĂ€ftigten insgesamt rund 60 Milliarden Euro mehr pro Jahr im Portemonnaie. Betrachte man dies ĂŒber ganz Deutschland und ĂŒber alle Branchen hinweg, bedeute das unter dem Strich, dass BeschĂ€ftigte, die keinen Tarifvertrag haben, jĂ€hrlich 3022 Euro netto weniger hĂ€tten als TarifbeschĂ€ftigte.

WĂ€hrend sich also viele BeschĂ€ftigte ĂŒber nicht ordnungsgemĂ€ĂŸ ausgezahlte GehĂ€lter trotz Tarifs Ă€rgern, können andere nur von der Sicherheit eines solchen Tarifvertrages trĂ€umen. Der DGB kritisierte, dass aktuell nur noch rund die HĂ€lfte aller BeschĂ€ftigten von tarifvertraglichen Regelungen und ihrem Schutz profitierten.

Forderungen des DGB

«Dieser Trend gefĂ€hrdet unseren Wohlstand, schwĂ€cht die Demokratie und kommt uns teuer zu stehen», sagte DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi. «Wir werden weiter Druck machen auf die politischen Akteure in den LĂ€ndern und im Bund, damit sie sich fĂŒr mehr Tarifbindung einsetzen - auch durch neue gesetzliche Regelungen. Denn der volkswirtschaftliche Schaden durch die Tarifflucht der Arbeitgeber ĂŒber drei Jahrzehnte hinweg ist enorm. Das darf die Politik nicht lĂ€nger ignorieren.»

Die Gewerkschaft fordert, dass öffentliche AuftrĂ€ge und Fördergelder generell nur an Unternehmen vergeben werden, die TarifvertrĂ€ge anwenden. Außerdem mĂŒsse es auch in der Privatwirtschaft bessere Gesetze geben, um die Tarifbindung zu stĂ€rken.

Die Bundesvereinigung der ArbeitgeberverbĂ€nde (BDA) kritisierte die Kampagne des DGB. «Die Gewerkschaften suchen immer die Schuld und Verantwortung bei anderen», sagte BDA-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Steffen Kampeter der «SĂŒddeutschen Zeitung». TarifvertrĂ€ge und Tarifbindung seien aber in erster Linie eine Gemeinschaftsaufgabe der Sozialpartner. «Der DGB verzwergt sich selbst mit seinen dauernden Hilferufen in Richtung Politik.» Nach Worten Kampeters ist «eher eine Flucht aus den Gewerkschaften als aus den ArbeitgeberverbĂ€nden» festzustellen. «Der Gesetzgeber soll dieses Defizit fĂŒr die Gewerkschaften ausgleichen», warf er dem DGB vor.

@ dpa.de