Bodycams im ÖPNV: Frankfurt startet Pilotprojekt mit 70% Deeskalationsquote
Veröffentlicht am: 03.09.2026 um 11:51 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main (VGF) hat am 1. September 2026 mit einem Pilotprojekt zur Nutzung von Bodycams begonnen. Im Rahmen dieses Tests setzt das Unternehmen Kameras bei den Mitarbeitern des Ordnungsdienstes ein, um die Sicherheit im öffentlichen Personennahverkehr zu erhöhen. Bisher wurden 30 Mitarbeiter für den Umgang mit der Technik geschult, wobei aktuell 18 Kameras im Einsatz sind.
Testphase und präventive Wirkung der Kameratechnik
Der probeweise Einsatz der Geräte in den Frankfurter U-Bahnen verfolgt primär zwei Ziele: die Deeskalation potenziell gewalttätiger Situationen sowie die Beweissicherung bei Straftaten.
Die verwendeten Bodycams verfügen über eine Spiegelfunktion, die es dem Gegenüber ermöglicht, das eigene Verhalten auf einem Monitor wahrzunehmen. Branchenerfahrungen zeigen, dass diese Funktion in bis zu 70 % der Fälle deeskalierend wirkt. Die Aufzeichnungen erfolgen in Frankfurt derzeit ohne Ton.
Die Akzeptanz für solche Maßnahmen in der Bevölkerung scheint hoch zu sein. Laut einer Umfrage des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sprachen sich 77 % der Befragten für eine Videoüberwachung im öffentlichen Raum aus. 74 % der Teilnehmer befürworteten zudem die Videoüberwachung speziell bei Ticketkontrollen.
Frankfurt setzt bereits seit einem Jahr auf eine verstärkte Ordnungspartnerschaft zwischen der Verkehrsgesellschaft, der Bahn und der Polizei. In diesem Zeitraum wurden unter anderem ein Alkoholverbot im Hauptbahnhof ab dem 1. Mai sowie die Installation von insgesamt 260 Kameras umgesetzt, was laut Berichten zu einem Rückgang von Diebstählen führte.
Ermittlungserfolge durch Videoaufzeichnungen
Wie wichtig Videoaufnahmen für die Strafverfolgung sein können, zeigt ein aktueller Fall der Staatsanwaltschaft. Seit dem 2. September 2026 befindet sich ein 29-jähriger Mann in Untersuchungshaft.
Ihm wird räuberische Erpressung vorgeworfen. Er soll am 3. August 2026 in einer Regionalbahn bei Bensheim einen 53-jährigen Zugbegleiter mit einem Teppichmesser bedroht haben. Die Identifizierung und die anschließende Festnahme des Tatverdächtigen am vergangenen Montag wurden maßgeblich durch Bodycam-Aufnahmen des betroffenen Zugbegleiters ermöglicht.
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Bundesweite Expansion von Überwachungssystemen
Nicht nur in Frankfurt wird die Technik erprobt. Die Üstra-Tochter Protec hat am 3. September 2026 einen Testlauf für Bodycams in Hannover gestartet. Dort sollen die Geräte in Tunnelstationen und Fahrzeugen der Üstra zum Einsatz kommen.
In Berlin wird seit Ende August 2026 am Kottbusser Tor ein KI-gestütztes Videoüberwachungssystem kalibriert. Das Projekt umfasst 30 Kameras und eine Analyse-Software des Unternehmens Adesso. Die Kosten für die Infrastruktur, die von einer privaten Firma betrieben wird, belaufen sich auf rund 4 Millionen Euro.
Berlin ist damit die dritte deutsche Stadt, die auf Verhaltensanalyse durch Algorithmen setzt, wobei Kritiker auf die bisher fehlende Evaluation der Wirksamkeit und mögliche Fehlalarme hinweisen.
Auch im Saarland wird in die Sicherheit investiert. Das Land stattet Gerichtsvollzieher mit dezenter Schutzausrüstung aus. Geplant ist eine Testphase mit einem GPS-Alarmsystem für fünf Beamte, wobei die Gesamtkosten mit 35.000 Euro beziffert werden.
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Politische Forderungen und rechtliche Anpassungen
Angesichts zunehmender Bedrohungen forderte NRW-Innenminister Reul eine Ausweitung der Videoüberwachung auf kritische Infrastrukturen, beispielsweise Stromnetze. Derzeit ist den Betreibern eine solche Überwachung rechtlich nicht gestattet. Der Minister konstatierte in diesem Zusammenhang eine extreme Sensibilität beim Datenschutz in Deutschland.
Parallel dazu befasst sich die Politik mit neuen Regularien für mobile Kameratechnik. Die Hamburger Bürgerschaft stimmte am 2. September 2026 über ein Verbot von Kamerabrillen in öffentlichen Bädern und im Nahverkehr ab. Da bei diesen Geräten die Aufnahme für Dritte oft nicht erkennbar ist, soll das Verbot über das Hausrecht durchgesetzt werden.
In der Schweiz plant der Bundesrat ebenfalls eine Ausweitung der Befugnisse. Bis zum 16. November 2026 läuft eine Vernehmlassung, um der Transportpolizei in Bussen und Bahnen den Einsatz von Tasern und Bodycams zu erlauben. Der Einsatz der Elektroimpulswaffen soll dabei zunächst auf fünf Jahre befristet werden. Eine Live-Videoübertragung durch Bodycams soll nur bei expliziten Hilferufen oder überwiegendem öffentlichem Interesse erfolgen.
