AufrÀumen nach Flutkatastrophe - Aussicht auf EU-Hilfe
19.09.2024 - 20:45:04 | dpa.de(neu: Details)
BRESLAU/DRESDEN (dpa-AFX) - Vorsichtiges Aufatmen an der Elbe in Sachsen, banger Blick auf die Deiche der Oder im polnischen Breslau: Der Hochwasserscheitel der Elbe ist nach Angaben des Landeshochwasserzentrums am sÀchsischen Flussabschnitt angekommen. Am ersten Pegel Schöna an der Grenze zu Tschechien lag der Wert am Nachmittag bei etwa 6,50 Metern, bei langsam fallender Tendenz. Normal sind dort 1,58 Meter.
Auch in Dresden geht der Wasserstand Zentimeter fĂŒr Zentimeter zurĂŒck. Die Hydrologen rechneten damit, dass er nach Mitternacht unter die Sechs-Meter-Marke sinkt - also unter den Wert fĂŒr die zweithöchste Alarmstufe. Am Nachmittag waren es 6,07 Meter, der Normalwert fĂŒr Dresden liegt bei 1,42 Meter.
Gebannt ist die Gefahr in Deutschland jedoch nicht. Derweil laufen in Hochwassergebieten der NachbarlÀnder die AufrÀumarbeiten - und der Ruf nach EU-Mitteln zur Beseitigung der SchÀden wird lauter.
Hochwasser hierzulande nicht ĂŒberstanden
In Brandenburg ist ab kommender Woche bis zur Wochenmitte mit einer ernsteren Hochwasserlage an der Oder zu rechnen. Das Landesumweltamt schlieĂt die höchste Alarmstufe vier nicht aus. Die Stadt Frankfurt (Oder) hat SchutzwĂ€nde an der Uferpromenade aufgebaut. Auch SandsĂ€cke liegen bereit. Wachdienste fĂŒr die Deiche sind organisiert - sie gehen die Schutzanlagen ab, wenn sich die Lage verschĂ€rft.
In Brandenburg wird am Sonntag der Landtag neu gewÀhlt, so dass sich die Politik wohl auch beim Umgang mit der Hochwasser-Situation keine Fehler erlauben will.
In Sachsen-Anhalt steigen die PegelstÀnde an der Elbe weiter an - bleiben aber unter den Alarmstufen. In Bayern gab es bereits am Mittwoch Entwarnung.
So ist die Lage in Mittel- und SĂŒdosteuropa
In den meisten vom Hochwasser betroffenen Regionen in Mittel- und SĂŒdosteuropa lĂ€uft das groĂe AufrĂ€umen: Schutt und Schlamm werden von den StraĂen geschoben oder aus HĂ€usern entfernt. Andere retten, was noch zu retten ist. Auch das MilitĂ€r ist mit im Einsatz.
Noch ist das AusmaĂ der SchĂ€den unklar. Das Europaparlament drĂ€ngt deshalb auf mehr EU-UnterstĂŒtzung. Es sei notwendig, das EU-Katastrophenschutzverfahren mit mehr Ressourcen auszustatten, fordert eine Mehrheit des Parlaments. Der tschechische Finanzminister Zbynek Stanjura rechnet dieses Jahr mit staatlichen Mehrausgaben wegen der Katastrophe von bis zu 1,2 Milliarden Euro.
Milliarden aus BrĂŒssel
"Die dringlichste Frage ist natĂŒrlich, ob wir mit finanziellen Mitteln fĂŒr die Reparatur und den Wiederaufbau helfen können", sagte EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen am Abend in Polen. Und sie versichert: "Europa ist an Eurer Seite." DafĂŒr sollen etwa Mittel aus bestehenden EU-Fonds genutzt werden. So soll es möglich sein, zunĂ€chst zehn Milliarden Euro aus sogenannten KohĂ€sionsmitteln zur VerfĂŒgung zu stellen, sagte die Deutsche bei ihrem Besuch in Breslau (Wroclaw).
Diese sind einer der gröĂten Posten im Gemeinschaftsetat der EU. Mit den KohĂ€sionsgeldern wird eigentlich wirtschaftlich schwach entwickelten Regionen beim Wachstum geholfen, um ökonomische und soziale Unterschiede auszugleichen.
Mindestens 23 Tote
Inzwischen stieg die Zahl der Todesopfer auf insgesamt mindestens 23. In Tschechien werden noch mindestens acht Menschen vermisst. Der britische König Charles III. zeigte sich erschĂŒttert: "Meine Frau und ich sind zutiefst schockiert und traurig ĂŒber die Zerstörung und VerwĂŒstung, die von den katastrophalen Ăberschwemmungen in Mitteleuropa hervorgerufen wurden", hieĂ es in einer Mitteilung des Palasts in London.
Tschechien
In Tschechien erreichte die Elbe in Usti (Aussig) unweit der Grenze zu Sachsen ihren Höchststand bei knapp ĂŒber 6,8 Metern - normal sind rund 2 Meter. Die SchutzwĂ€nde hielten den Wassermassen stand. In den Katastrophengebieten im Osten des Landes halfen Feuerwehrleute, Soldaten und GefĂ€ngnis-Insassen bei den AufrĂ€umarbeiten. Die Beseitigung der SchĂ€den könnte nach EinschĂ€tzung von PrĂ€sident Petr Pavel Jahre dauern. Eine wichtige StaatsstraĂe wurde wegen UnterspĂŒlung selbst fĂŒr die RettungskrĂ€fte gesperrt. Die Polizei sprach von weiteren FĂ€llen von PlĂŒnderungen.
Polen
In Polen hatte die Hochwasserwelle in der Nacht zu Donnerstag die niederschlesische Stadt Breslau erreicht. Der Wasserstand betrage 6,38 Meter, sagte BĂŒrgermeister Jacek Sutryk dem Sender TVN24. Ein Pegelstand von 6,30 bis 6,40 Meter werde sich lĂ€nger halten. Normal ist ein Wasserstand von etwas mehr als 3 Metern. Die jetzige Flutwelle ist deutlich niedriger als beim Oder-Hochwasser 1997, als der Wasserstand 7,24 Meter erreichte.
Regierungschef Tusk warnte bei einer Sitzung des Krisenstabs davor, die Situation zu unterschĂ€tzen. "Es ist zu frĂŒh, um den Sieg ĂŒber das Hochwasser bei Breslau zu verkĂŒnden." Man mĂŒsse die Lage weiter im Auge behalten. Das Hochwasser bei Breslau könnte laut Prognosen bis Montag anhalten - die Hoffnung ist, dass die Deiche halten. Deutschland bot Polen einen Hilfseinsatz von Soldaten in den Hochwassergebieten an. Details dazu seien aber noch nicht vereinbart, teilte das Verteidigungsministerium mit.
Ăsterreich
Auch in Ăsterreich wird der Reparatur der SchĂ€den nach dem Hochwasser wohl sehr lange Zeit in Anspruch nehmen. Die MinisterprĂ€sidentin des besonders betroffenen Bundeslands Niederösterreich, Johanna Mikl-Leitner, geht inzwischen davon aus, dass der Wiederaufbau der zerstörten Regionen "nicht Tage, Wochen oder Monate, sondern Jahre dauern" werde. Sie halte dafĂŒr einen "nationalen Schulterschluss" fĂŒr notwendig, sagte sie.
Inzwischen entspannt sich die Situation weiter, allerorts gehen die PegelstĂ€nde zurĂŒck. Rund 300 GebĂ€ude können im besonders betroffenen Niederösterreich weiter nicht betreten werden. Die Zahl lag vor wenigen Tagen noch bei 1400.
Slowakei
In der Slowakei entspannt sich die Hochwasser-Situation im Westen des Landes um die Hauptstadt Bratislava, wĂ€hrend der Pegel der Donau weiter sĂŒdöstlich noch steigt. In Komarno an der ungarischen Grenze wurde die Scheitelwelle fĂŒr Freitag erwartet. Dort verstĂ€rken auch NebenflĂŒsse aus dem Norden der Slowakei die Wassermassen der Donau.
Im Stadtzentrum von Bratislava hat die Donau am Mittwochabend ihren Höchststand mit ĂŒber 9,8 Metern erreicht und fĂ€llt seitdem stetig. Am Donnerstagvormittag wurden noch 9,3 Meter gemessen. Der normale Wasserstand liegt im Durchschnitt bei 3 Metern.
Italien
In Italien hatte vor allem die Region Emilia-Romagna im Norden des Landes unter heftigem Regen zu leiden. In mehreren StĂ€dten wie Ravenna, ForlĂŹ oder Castel Bolognese stand Wasser in den StraĂen, weil FlĂŒsse ĂŒber die Ufer traten. Mehrere Hundert Menschen wurden aus ihren HĂ€usern evakuiert und in Aufnahmezentren gebracht.
Aus SicherheitsgrĂŒnden blieben in der Regionalhauptstadt Bologna und anderswo viele Schulen geschlossen. Zudem riefen die dortigen Behörden die Menschen auf, besser zu Hause zu bleiben.
In der Lagunenstadt Venedig wurde erstmals nach den Sommerferien das System "Mose" aus stÀhlernen Barrieren zum Schutz vor Hochwasser in Betrieb genommen.
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