Deutschland rĂŒstet sich
16.09.2024 - 18:27:50 | dpa.de(neu: mehr Details und Hintergrund)
BRESLAU/PRAG/WIEN/DRESDEN (dpa-AFX) - Die Hochwasserlage in gleich mehreren LĂ€ndern bleibt kritisch - und die Opferzahlen steigen: Bei den verheerenden RegenfĂ€llen von Polen bis Ăsterreich sind mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen. In weiten Teilen des riesigen Katastrophengebietes ist auch zu Wochenbeginn noch kilometerweit Land unter. StraĂen und Felder sind ĂŒberschwemmt, Keller und HĂ€user vollgelaufen, DĂ€mme und Deiche teils zerstört.
Entspannung gab es nur vorĂŒbergehend, als der Regen mancherorts fĂŒr einige Stunden nachlieĂ: Die Meteorologen sagten weitere NiederschlĂ€ge voraus, und auch in Deutschland mĂŒssen sich die Menschen an Oder und Elbe auf die Wasserwalze aus ZuflĂŒssen in angrenzenden LĂ€ndern einstellen.
Stundenlang um Hilfe geschrien
Dramatische Szenen spielten sich in Untergrafendorf in Niederösterreich an einem Bach ab, der zu einem reiĂenden Fluss geworden war. Eine Frau rettete sich vor den plötzlich steigenden Wassermassen in den ersten Stock ihres Hauses, aber ihr Mann schaffte es nicht. Sie habe stundenlang um Hilfe geschrien, sei aber nicht gehört worden, schilderte ein Polizeisprecher. Die Leiche ihres Mannes (70) wurde spĂ€ter gefunden, es war das dritte Todesopfer in Ăsterreich. Insgesamt gab es in RumĂ€nien, Polen, Tschechien und Ăsterreich in den vergangenen Tagen mindestens 16 Tote zu beklagen.
Innenstadt sieht aus wie nach Bombenexplosion
In den polnischen Hochwassergebieten sind nach Angaben eines Polizeisprechers vier Menschen ums Leben gekommen. Es handele sich um drei MÀnner und eine Frau aus vier verschiedenen Orten, sagte ein Polizeisprecher bei der Sitzung des Krisenstabs in Breslau (Wroclaw). Unterdessen ordneten örtliche Behörden in zwei StÀdten Evakuierungen an.
In der Kleinstadt Klodzko rund 100 Kilometer sĂŒdlich von Breslau (Wroclaw) sieht ein Teil der FuĂgĂ€ngerzone aus wie nach einer Bombenexplosion. In den LĂ€den im Erdgeschoss sind Schaufenster und TĂŒren herausgerissen. Drinnen sind Regale umgestĂŒrzt, lose Kabel hĂ€ngen herum. ZertrĂŒmmerte Rohre liegen in einer PfĂŒtze aus trĂŒbem Wasser. Dort war die Glatzer NeiĂe, ein Nebenfluss der Oder, ĂŒber die Ufer getreten.
Am selben Fluss liegt die Kleinstadt Nysa, wo das Wasser in die Notaufnahmestation des örtlichen Kreiskrankenhauses eindrang, wie die Nachrichtenagentur PAP berichtete. Insgesamt 33 Patienten wurden mit Schlauchbooten in Sicherheit gebracht, darunter Kinder und Schwangere. Am spĂ€ten Nachmittag kam es in der Stadt zu einer dramatischen Zuspitzung, obwohl die Lage zunĂ€chst unter Kontrolle schien. Die Entwicklung könne "in die schlimmste Richtung gehen", warnte der BĂŒrgermeister vor der Gefahr eines Deichbruchs. Im polnischen Fernsehen waren lange Autoschlangen auf den BrĂŒcken der Stadt zu sehen.
Angesichts der schweren VerwĂŒstungen im SĂŒdwesten Polens hat die Regierung fĂŒr die Hochwassergebiete in Niederschlesien, Schlesien und Oppeln den Katastrophenzustand ausgerufen. Er gibt den Behörden mehr Befugnisse, Anordnungen zu erlassen, da die bĂŒrgerlichen Freiheiten und Rechte vorĂŒbergehend eingeschrĂ€nkt werden. Regierungschef Donald Tusk hat fĂŒr die Hochwasseropfer im SĂŒdwesten des Landes zudem die Bereitstellung von Hilfsgeldern in Höhe von einer Milliarde Zloty (rund 240 Millionen Euro) angekĂŒndigt.
In der Kleinstadt Paczkow im SĂŒdwesten Polens hat der BĂŒrgermeister nach dem Riss in der Staumauer eines Stausees die sofortige Evakuierung der tiefer gelegenen Ortsteile angekĂŒndigt. "Niemand kann garantieren, dass sich der Schaden nicht verschlimmert", warnte er in einem Aufruf in sozialen Medien.
Dresden: Wasserspiegel deutlich zu hoch
In Sachsen richtet sich der bange Blick auf Tschechien und die Elbe. Wassermassen aus dem Nachbarland erreichen mit Zeitverzögerung Deutschland. In Dresden ist der Wasserspiegel der Elbe schon mehr als viermal so hoch wie der dortige Normalstand von 1,42 Metern, im Tagesverlauf wird mit einem Ăberschreiten der Sechs-Meter-Marke gerechnet. Bei der Jahrhundertflut 2002 waren es 9,40 Meter.
Jahrhunderthochwasser in Tschechien
Der tschechische Regierungschef Petr Fiala sprach schon von einem Jahrhunderthochwasser an vielen FlĂŒssen im Osten des Landes. Das ist ein Hochwasser, wie es statistisch gesehen nur einmal in 100 Jahren vorkommt.
In der drittgröĂten Stadt Ostrava, wo Oder und andere FlĂŒsse zusammenflieĂen, ist die Lage kritisch: "In mehreren Stadtteilen ist es offensichtlich zu DeichbrĂŒchen gekommen", sagte Umweltminister Petr Hladik nach einer Krisensitzung. Die Bewohner wurden teilweise mit Schlauchbooten und Hubschraubern in Sicherheit gebracht. Katastrophenhelfer versuchten, die Bruchstellen in den Deichen mit Steinen aufzufĂŒllen. Die Bergbau- und Industriestadt knapp 280 Kilometer östlich von Prag hat rund 285.000 Einwohner. Ein Kraftwerk musste abgeschaltet werden. Strom- und Mobilfunknetze und die Trinkwasserversorgung fielen vielerorts aus.
In Litovel an der March (Morava) waren nach EinschĂ€tzung der Behörden rund 80 Prozent des Stadtgebiets ĂŒberflutet. Die BĂŒrgermeisterin der ebenfalls stark betroffenen Stadt Jesenik, Zdenka Blistanova, sagte im Fernsehen: "Es war eine Apokalypse, ĂŒberall ist Schlamm, alles ist zerstört." Seit Ende vergangener Woche sind in den östlichen Sudeten bis zu 500 Liter pro Quadratmeter Regen gefallen. In Bergen im Norden des Landes sind es 300 bis 400 Liter, in anderen Gebieten Tschechiens bis zu 200 Liter pro Quadratmeter gewesen. Das ist nach Behördenangaben mehr als sonst in mehreren Monaten fĂ€llt.
Sieben Tote in RumÀnien
In RumĂ€nien war vor allem der Osten des Landes betroffen. Im Karatenland waren ĂŒber das Wochenende sechs Menschen ums Leben gekommen. Am Montag sei das siebte Opfer im ostrumĂ€nischen Dorf Grivita nahe der Stadt Galati gefunden worden, berichtete die rumĂ€nische Nachrichtenagentur Mediafax unter Berufung auf den Katastrophenschutz. Rund 6.000 BauernhĂ€user wurden vom Hochwasser erfasst, viele liegen in abgelegenen Dörfern. Menschen kletterten auf HausdĂ€cher, um nicht von den Fluten mitgerissen zu werden. Hunderte Feuerwehrleute waren im Einsatz.
In Ăsterreich bleibt es dramatisch
Im österreichischen Katastrophengebiet Niederösterreich regnet es nach einer nÀchtlichen Pause wieder heftig. "Es ist nicht vorbei, es bleibt kritisch, es bleibt dramatisch", sagte die MinisterprÀsidentin Niederösterreichs Johanna Mikl-Leitner.
"Es besteht höchste Dammbruchgefahr", hieĂ es von den Behörden. Mehr als 200 StraĂen in Niederösterreich waren gesperrt, 1.800 GebĂ€ude gerĂ€umt worden. Es gab auch StromausfĂ€lle. In Niederösterreich waren in den vergangenen Tagen regional bis zu 370 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen - ein Mehrfaches der ĂŒblichen Monatsmenge.
In Wien gibt es noch groĂe Probleme im öffentlichen Verkehr. Am Wienfluss, der sonst als Rinnsal, seit Sonntag aber als reiĂender Fluss mitten durch die Stadt geht, gab es leichte Entspannung.
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