ROUNDUP, StationÀre

StationÀre Kontrollen an allen Landgrenzen - Union will mehr

09.09.2024 - 18:04:26

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hat vorĂŒbergehende Kontrollen an allen deutschen Landgrenzen angeordnet, um die Zahl unerlaubter Einreisen stĂ€rker einzudĂ€mmen.

Die zusÀtzlichen Kontrollen sollen am 16. September beginnen und zunÀchst sechs Monate andauern, wie das Bundesinnenministerium am Montag mitteilte.

Als GrĂŒnde fĂŒr die nun angeordneten Kontrollen nannte das Ministerium neben der Begrenzung der irregulĂ€ren Migration auch der Schutz der inneren Sicherheit vor aktuellen Bedrohungen durch den islamistischen Terrorismus und vor grenzĂŒberschreitender KriminalitĂ€t. "Wir tun alles, um die Menschen in unserem Land dagegen zu schĂŒtzen", sagte Faeser.

Bundesinnenministerin stellt mehr ZurĂŒckweisungen in Aussicht

Nach dem Migrationstreffen mit Unionsfraktion und LĂ€ndervertretern in der vergangenen Woche habe die Regierung zudem ein "Modell fĂŒr europarechtskonforme und effektive ZurĂŒckweisungen entwickelt", hieß es vom Ministerium. Dieses Modell gehe ĂŒber die derzeit erfolgenden ZurĂŒckweisungen hinaus. Faeser sagte, sie habe dies der Unionsfraktion mitgeteilt und vertrauliche GesprĂ€che dazu angeboten. Ein solches GesprĂ€ch mit der CDU/CSU-Fraktion und dem Vorsitz der MinisterprĂ€sidentenkonferenz ist fĂŒr diesen Dienstag anvisiert.

Union wĂŒnscht sich vor nĂ€chster GesprĂ€chsrunde mehr Details

Eine Zusage der Union gab es allerdings zunĂ€chst nicht. Man höre gerade "ziemlich widersprĂŒchliche Angaben aus der Bundesregierung, was sie denn jetzt ernsthaft will", sagte Fraktionschef Friedrich Merz in Berlin. Es sei unklar, ob es tatsĂ€chlich zu umfassenden ZurĂŒckweisungen an den Grenzen kommen solle. "Wir wollen, dass die Bundesregierung uns bis zu diesen GesprĂ€chen morgen spĂ€testens noch mal wirklich klar sagt, am besten schreibt, was sie denn jetzt wirklich vorhat."

Die Union werde sich "auf eine Relativierung oder auf irgendeine eingeschrĂ€nkte Methodik der ZurĂŒckweisung nicht einlassen", betonte der CDU-Vorsitzende. "Wenn die Bundesregierung möchte, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen, dann geht es nur, wenn wir wirklich im umfassenden Umfang an den deutschen Außengrenzen zurĂŒckweisen."

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt erklĂ€rte, Faeser (SPD) habe angekĂŒndigt, ĂŒber die bisherige Situation hinauszugehen. "Das reicht aber nicht", sagte er. "Es muss grundsĂ€tzlich um die ZurĂŒckweisung an der Grenze gehen, dann sind wir bereit, darĂŒber Entscheidungen gemeinsam mit der Ampel auch zu treffen."

ZurĂŒckweisungen an deutschen Landgrenzen gibt es derzeit nur in bestimmten FĂ€llen: wenn jemand mit einer Einreisesperre belegt ist oder kein Asyl beantragt. ZurĂŒckweisungen an den deutschen Binnengrenzen sind generell nur dort möglich, wo es Kontrollen direkt an der Grenze gibt.

Seit Oktober sind laut Bundesinnenministerium mehr als 30.000 Menschen zurĂŒckgewiesen worden. Mitte Oktober 2023 hatte Bundesinnenministerin Faeser stationĂ€re Kontrollen an den Grenzen zu Polen, Tschechien und der Schweiz angeordnet. An der deutsch-österreichischen Landgrenze gibt es solche Kontrollen, die mit der irregulĂ€ren Migration begrĂŒndet werden, bereits seit September 2015. Die neu angeordneten Kontrollen direkt an der Grenze betreffen die Landgrenzen zu Frankreich, DĂ€nemark, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg.

Zu Details hÀlt sich die Regierung noch bedeckt

Wie der neue Vorschlag der Bundesregierung zu den ZurĂŒckweisungen genau aussieht, ließ Faeser zunĂ€chst offen. Diesen wolle sie zuerst der Union vorstellen, sagte die Innenministerin. Sie habe dazu mit dem Parlamentarischen GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Unionsfraktion, Thorsten Frei (CDU), telefoniert.

In der Vergangenheit hatte es aus dem politischen Raum unterschiedliche Ideen gegeben, etwa dass diese auf alle AuslÀnder ohne Ausweispapiere ausgedehnt werden sollten oder auf Asylbewerber, die bereits in einem anderen Land als Schutzsuchende registriert wurden.

Österreich will aber "keine Personen entgegennehmen, die aus Deutschland zurĂŒckgewiesen werden", sagte der konservative Innenminister Gerhard Karner der "Bild" und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Da gibt es keinen Spielraum." Karner argumentiert, dass Deutschland zwar das Recht habe, Menschen zurĂŒckzuschicken, wenn ein anderes EU-Land fĂŒr ihren Asylantrag zustĂ€ndig ist. DafĂŒr sei aber ein formelles Verfahren und die Zustimmung des betroffenen Mitgliedstaates nötig. ZurĂŒckweisungen im Rahmen von Kontrollen an den EU-Binnengrenzen seien nicht erlaubt, sagt Karner drei Wochen vor der österreichischen Parlamentswahl.

Der Chef der CSU-Bundestagsabgeordneten, Alexander Dobrindt, forderte Österreich auf, selbst tĂ€tig zu werden. "Alle mĂŒssen sich wieder an das Recht halten. Und das heißt, dass auch die österreichischen Freunde zu dem Ergebnis kommen, dass sie an ihren Grenzen anfangen zu kontrollieren, auch ZurĂŒckweisungen machen", sagte der CSU-Landesgruppenchef in Berlin.

Reaktion auf Gewalttaten von Zuwanderern

VerschĂ€rft hat sich die Debatte um irregulĂ€re Migration und Abschiebungen auch aufgrund von mehreren Gewalttaten. In Solingen waren bei einem mutmaßlich islamistischen Messerattentat auf einem Stadtfest im August drei Menschen getötet und acht weitere verletzt worden. Ein 26-jĂ€hriger Syrer sitzt wegen der Tat in Untersuchungshaft. In Mannheim hatte Ende Mai ein Afghane fĂŒnf Mitglieder der islamkritischen Bewegung Pax Europa und einen Polizeibeamten mit einem Messer verletzt, der Polizist starb.

GrĂŒne: Wir wollen Lösungen, keine Parolen

Außenministerin Annalena Baerbock (GrĂŒne) sagte, man dĂŒrfe sich jetzt "nicht kirre machen lassen von denjenigen, die uns jetzt vorgaukeln, dass der Nationalstaat irgendwas in Europa alleine besser regeln könnte". Die Bundesregierung habe in jahrelangen Verhandlungen alles dafĂŒr gegeben, "dass wir in Europa ein gemeinsames europĂ€isches Asylsystem auf den Weg bringen", erklĂ€rte sie mit Blick auf die Einigung ĂŒber eine Reform des Gemeinsamen EuropĂ€ischen Asylsystems (GEAS). Die Reform sieht unter anderem vor, dass Schutzersuchen von Menschen aus Staaten mit niedriger Anerkennungsquote bereits an den EU-Außengrenzen geprĂŒft werden sollen.

Die GrĂŒnen seien bereit, sich in GesprĂ€chen zu Migrationsfragen zu bewegen, sagte der Parteivorsitzende Omid Nouripour. Die dabei besprochenen VorschlĂ€ge mĂŒssten aber rechtens, machbar und wirksam" sein. "Wir wollen keine Parolen produzieren, sondern Lösungen."

FDP hĂ€lt weitreichende Änderungen fĂŒr notwendig

FDP-GeneralsekretĂ€r Bijan Djir-Sarai sagte nach einer PrĂ€sidiumssitzung seiner Partei: "Wir brauchen eine grundlegende Neuordnung der Migrationspolitik in Deutschland." Dabei dĂŒrfe es keine Denkverbote geben. Was tatsĂ€chlich möglich sei, habe zuletzt die Abschiebung von StraftĂ€tern in einem Flugzeug nach Afghanistan gezeigt. "Wo ein politischer Wille vorhanden ist, da gibt es auch Wege", sagte er.

@ dpa.de