Charité, Berlin

Charité Berlin: Digitales Kompetenzmanagement gegen PersonalausfÀlle

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 20:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die CharitĂ© erprobt Dossier in fĂŒnf Bereichen, wĂ€hrend Tarifkonflikt, PflegekrĂ€ftemangel und neue Digitalprojekte den Klinikalltag prĂ€gen.

CharitĂ© testet Dossier fĂŒr Personalplanung und Krisenvorsorge
Leerer, moderner Krankenhausflur einer deutschen UniversitÀtsklinik mit heller Beleuchtung und steriler Architektur. Illustration mit AI erstellt.

Die CharitĂ© – UniversitĂ€tsmedizin Berlin hat im September 2026 mit der Erprobung der Plattform Dossier begonnen. Das System eines norwegischen Anbieters fĂŒr digitales Kompetenzmanagement soll die Personalplanung und Krisenvorsorge an Deutschlands grĂ¶ĂŸter UniversitĂ€tsklinik unterstĂŒtzen.

Die Innovationspartnerschaft umfasst mehrere tausend BeschÀftigte und fokussiert sich unter anderem auf die strategische Nachfolgeplanung am Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC).

Die EinfĂŒhrung der Plattform markiert den Beginn einer Testphase, in der fĂŒnf zentrale Anwendungsfelder evaluiert werden. Dazu gehören das Kompetenzmanagement in der Pflege, die Nachfolgeplanung im Ă€rztlichen Dienst sowie die Koordination der erweiterten Pflegepraxis.

Zudem soll die Software in der arbeitsmedizinischen Vorsorge sowie in der Krisen- und Katastrophenvorsorge zum Einsatz kommen. Der Anbieter Dossier ist bereits seit ĂŒber 15 Jahren im skandinavischen Raum aktiv und nutzt fĂŒr die Speicherung der Daten eine europĂ€ische Cloud-Infrastruktur.

Vor dem Einsatz in Berlin wurde das System zwischen 2023 und 2025 in Zusammenarbeit mit dem UniversitÀtsklinikum Bonn (UKB) und der UniversitÀtsmedizin Göttingen (UMG) an die spezifischen Anforderungen des deutschen Gesundheitswesens angepasst.

Spannungsfeld zwischen Digitalisierung und Personalnot

Die technologische Initiative fĂ€llt in eine Phase intensiver Auseinandersetzungen um die Personalausstattung. Aktuell stocken die Tarifverhandlungen zwischen der CharitĂ© und der Gewerkschaft ver.di ĂŒber einen Entlastungstarifvertrag fĂŒr PflegekrĂ€fte.

Die Arbeitnehmerseite fordert die Einstellung von rund 700 zusĂ€tzlichen PflegefachkrĂ€ften, was mit Kosten von ĂŒber 60 Millionen Euro verbunden wĂ€re. DemgegenĂŒber steht ein durch neue Bundesgesetzgebung verursachter Finanzierungsausfall von rund 80 Millionen Euro aufseiten der Klinik.

Trotz dieser wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verwies die Klinikleitung darauf, in den vergangenen fĂŒnf Jahren bereits 1.100 zusĂ€tzliche PflegekrĂ€fte eingestellt zu haben.

Anzeige

Wer sich mit komplexen Personalstrukturen befasst, benötigt eine belastbare Datengrundlage fĂŒr Managemententscheidungen. Dieses kostenlose E-Book liefert Methoden und Checklisten fĂŒr eine professionelle Bedarfsplanung in Unternehmen. Personalplanung in 6 Schritten: Jetzt gratis E-Book sichern

Begleitend zu den Verhandlungen kam es im September 2026 zu Streikmaßnahmen, infolgedessen planbare Behandlungen abgesagt werden mussten. In diesem Kontext gewinnt die Effizienzsteigerung durch digitales Kompetenzmanagement zunehmend an Bedeutung, um bestehende Ressourcen optimal einzusetzen.

Branchenweite Bestrebungen zum Wissensmanagement

Nicht nur in Berlin, sondern auch in kommunalen Verwaltungen werden neue Wege zur Sicherung von Expertise gesucht. So pilotiert der Kreis Traunstein derzeit die Lösung ERAS (Expertise Retention & Automation Solution). Ziel ist die Dokumentation von Expertenwissen und die Automatisierung von Prozessen, beginnend im Gesundheitsamt Traunstein.

Hintergrund dieser Maßnahmen ist der massive FachkrĂ€ftemangel im öffentlichen Dienst: SchĂ€tzungen zufolge könnten bis zum Jahr 2030 rund eine Million FachkrĂ€fte fehlen, was einer Quote von etwa 18 Prozent unbesetzter Stellen entsprĂ€che.

ErgĂ€nzend dazu untersuchen Forscher des Instituts fĂŒr Medizinische Informatik der CharitĂ© zusammen mit Partnern in einem Whitepaper die Potenziale autonomer Krankenhauslogistik. Da die Zahl der BeschĂ€ftigten in patientenfernen Funktionsbereichen seit dem Jahr 2000 deutlich zurĂŒckgegangen ist, empfehlen Experten standardisierte Pilotprojekte, deren Erfolg ĂŒber ZeitrĂ€ume von vier bis sechs Monaten gemessen werden sollte.

Anzeige

Eine strukturierte Einsatzplanung ist angesichts des wachsenden FachkrĂ€ftemangels essenziell fĂŒr den Unternehmenserfolg. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Report, mit welchen Methoden Profis die Personalbedarfsplanung systematisch angehen. Methoden zur strukturierten Personalplanung kostenlos herunterladen

Strategische Forschung und vernetzte Infrastruktur

Die Weiterentwicklung der klinischen Versorgung durch Technologie wird auch durch neue akademische Strukturen vorangetrieben. Zum 1. Oktober 2026 tritt Prof. Dr. Jakob Nikolas Kather die Hopp-Stiftungsprofessur fĂŒr KI in der Medizin an der UniversitĂ€t Heidelberg an. Er ĂŒbernimmt damit die Leitung des neu gegrĂŒndeten Institute for Medical AI (IMAI), das ĂŒber fĂŒnf Jahre mit bis zu 8 Millionen Euro gefördert wird.

Parallel dazu entstehen großflĂ€chige Vernetzungsprojekte:
* Telemedizin: Die BundeslĂ€nder Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein bauen ab Anfang 2027 das Netz „Tenno“ auf, koordiniert durch die UniversitĂ€tskliniken in Rostock und Kiel (UKSH).
* Medikationssicherheit: Der Klinikbetreiber Helios rollt bis Ende 2027 an allen rund 80 Standorten in Deutschland ein digitales System zur MedikamentenprĂŒfung am Patientenbett (Closed-Loop-Medication-Management) aus.
* KI-Forschung: Das Verbundprojekt „Smart Vitality Care“ der Hochschule MĂŒnchen entwickelt bis Januar 2029 ein offenes Informationssystem fĂŒr pflegekrĂ€fte, das unter anderem durch das Bayerische Gesundheitsministerium gefördert wird.

ZusÀtzlich stellt die NRW-Landesregierung den dortigen UniversitÀtskliniken rund 194 Millionen Euro zur BewÀltigung von Pandemiefolgen bereit. Davon entfallen etwa 116 Millionen Euro auf Betriebskosten an sechs Standorten, wÀhrend 78 Millionen Euro in MedizingerÀte und IT-Infrastruktur investiert werden sollen.

Diese Maßnahmen fließen zusammen mit verschĂ€rften regulatorischen Anforderungen: Seit MĂ€rz 2026 ist das KRITIS-Dachgesetz in Kraft, zudem endeten im FrĂŒhjahr 2026 wichtige Registrierungsfristen fĂŒr KrankenhĂ€user als kritische Infrastruktur.

Disclaimer...

de | wirtschaft | 70120051 |