China-Abhängigkeit, Lithium

China-Abhängigkeit: Lithium und Solaranlagen auf Rekordniveau

26.05.2026 - 13:30:41 | boerse-global.de

Deutschlands Importe aus China steigen trotz Diversifizierung in SchlĂĽsselbereichen wie Batterien und Solartechnik weiter an.

China-Abhängigkeit: Lithium und Solaranlagen auf Rekordniveau - Foto: über boerse-global.de
China-Abhängigkeit: Lithium und Solaranlagen auf Rekordniveau - Foto: über boerse-global.de

Das belegt eine aktuelle Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung. Ausgerechnet in strategischen Zukunftsfeldern wie erneuerbaren Energien und Pharmazie ist die Abhängigkeit vom Reich der Mitte in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Dabei steht die Bundesregierung vor einer Zerreißprobe: Wirtschaftsministerin Katherina Reise reist am Mittwoch zu einem heiklen Besuch nach Peking – während fünf EU-Staaten härtere Strafzölle gegen China fordern.

Kritische Importe auf Rekordniveau

Die am Dienstag veröffentlichte Untersuchung zeigt eine dramatische Zunahme der Importabhängigkeit in mehreren Schlüsselbereichen zwischen 2023 und 2025. Besonders deutlich wird dies bei Lithium-Ionen-Batterien: Der Anteil chinesischer Importe stieg von 49,7 auf 66,5 Prozent. Noch eklatanter ist die Lage bei Solaranlagen – hier kommen inzwischen 92,6 Prozent aller deutschen Importe aus China, nach 89 Prozent im Vorjahr.

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Studienautor Frederic Spohr warnt: Deutschland versäume es, genau jene Bereiche zu diversifizieren, die für die industrielle Zukunft entscheidend sind. Die Zahlen geben ihm Recht. Im Pharmasektor stieg der Anteil chinesischer Antibiotika von 65,3 auf 72,9 Prozent, bei Vitaminen sogar von 71,3 auf 81,6 Prozent. Und bei seltenen Erden – unverzichtbar für Elektromotoren und Hightech-Elektronik – schnellte die Importmenge von 3,1 Tonnen auf 13,0 Tonnen hoch.

Sicherheitsbedenken im Bundestag

Während die Handelszahlen eine wachsende Verflechtung zeigen, wachsen im Parlament die Sicherheitsbedenken. Politiker von Union, SPD und Grünen äußerten diese Woche Bedenken gegen den Einsatz chinesischer Komponenten in einem geplanten Drohnen-Abwehrschirm. Das Projekt, eine Kooperation von Rheinmetall und Deutscher Telekom, soll Mobilfunknetze schützen – doch die verwendete Technologie steht unter kritischer Beobachtung.

Marc Henrichmann, Vorsitzender des parlamentarischen Kontrollgremiums für die Geheimdienste, bezeichnete die Frage der eingesetzten Technologien als „zentrales Sicherheitsproblem“. Johannes Schätzl (SPD) forderte eine strengere Linie bei chinesischer Beteiligung an kritischer Infrastruktur. Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionschef der Grünen, ging noch weiter: Das Drohnen-Abwehrsystem müsse komplett ohne chinesische Komponenten auskommen.

Diplomatischer Drahtseilakt

Vor diesem Hintergrund reist Wirtschaftsministerin Reise am Mittwoch nach Peking – begleitet von einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation mit den Chefs von BASF, Thyssenkrupp und Siemens Energy. Ziel ist es, die wirtschaftlichen Beziehungen zu sichern und gleichzeitig die wachsenden Handelsungleichgewichte anzusprechen.

Doch die deutsche Dialogstrategie stößt in der EU auf zunehmenden Widerstand. Fünf Mitgliedsstaaten – Spanien, Frankreich, Italien, die Niederlande und Litauen – fordern einen deutlich härteren Kurs gegen China. Ihre Rechnung: Unfaire Handelspraktiken hätten der EU zwischen 2019 und 2025 rund eine Million Industriearbeitsplätze gekostet.

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Die Gruppe schlägt Notfallzölle von bis zu 50 Prozent vor, ergänzt durch Anti-Umgehungszölle und ein Resilienz-Instrument zum Schutz europäischer Hersteller. Das EU-Handelsdefizit mit China erreichte 2025 die Rekordmarke von 360 Milliarden Euro. Deutschland, das 40 Prozent aller EU-Exporte nach China stemmt, verweigert sich diesen Forderungen – aus Angst vor Pekings Vergeltungsmaßnahmen.

Wirtschaftliche Schieflage

Die China-Abhängigkeit trifft auf eine ohnehin angeschlagene deutsche Wirtschaft. Zwar stiegen die Umsätze der Industrie im ersten Quartal 2026 um 1,7 Prozent auf 531 Milliarden Euro – das erste Wachstum seit 2023. Doch die Beschäftigungszahlen geben Anlass zur Sorge: Eine EY-Studie vom Montag zeigt, dass die Industrie im selben Zeitraum 127.300 Stellen abbaute. Besonders hart traf es die Autoindustrie mit 32.000 und den Maschinenbau mit 22.000 verlorenen Arbeitsplätzen.

Hinzu kommt ein drastischer Einbruch des deutschen Handelsüberschusses mit den USA – mehr als halbiert durch US-Zölle und protektionistische Maßnahmen. Viele deutsche Unternehmen verlagern ihre Produktion in die Vereinigten Staaten, um Handelsbarrieren zu umgehen und von niedrigeren Energiekosten zu profitieren.

Hoffnungsträger Halbleiter

Ein Lichtblick: Im umkämpften Halbleitermarkt rüsten europäische Firmen auf. Infineon Technologies eröffnet am 2. Juli 2026 ein neues Fünf-Milliarden-Euro-Werk für Leistungshalbleiter in Dresden. Der Zeitpunkt ist kein Zufall – Anfang Juni will die EU den „Chips Act 2.0" vorlegen. Denn von den weltweit rund 1.000 aktiven Chipfabriken stehen nur etwa 60 in Europa.

Der weil kündigte der chinesische Tech-Riese Huawei ehrgeizige Pläne an: Bis 2031 will das Unternehmen mit einem neuen „Tau-Skalierungsgesetz" 1,4-Nanometer-Chips produzieren – und damit westliche Sanktionen umgehen. Neue Prozessoren sollen bereits im Herbst 2026 auf den Markt kommen.

Ausblick: Schwierige Balance

Die Bundesregierung steht in den kommenden Monaten vor einer Herkulesaufgabe. Die Wachstumsprognose für 2026 wurde wegen der geopolitischen Spannungen auf mickrige 0,5 Prozent halbiert. Berlin muss seine Wirtschaftsinteressen in Asien sichern, ohne die westlichen Verbündeten zu verprellen oder die nationale Sicherheit zu gefährden.

Die Reise von Ministerin Reise wird sich wohl vor allem um den Zugang zu kritischen Rohstoffen drehen – und um die Frage, wie eine „De-Risking"-Strategie in der Praxis aussehen kann. Die Daten der Friedrich-Naumann-Stiftung sprechen eine andere Sprache: Trotz aller Bekenntnisse zur Diversifizierung ist die Realität eine der zunehmenden Integration mit dem chinesischen Markt. Während die EU über schärfere Handelsinstrumente debattiert und die USA ihren protektionistischen Kurs fortsetzen, bleibt Deutschlands industrielle Zukunft eng mit der Fähigkeit verbunden, das schwierige Verhältnis zu Peking zu managen.

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