China kauft Kupfer statt Dollars
Veröffentlicht: 07.08.2009 um 12:37 Uhr, Redaktion AD HOC NEWS, Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller (Chefredaktion)Die Rallye der vergangenen Monate hat nicht nur die Aktienbörsen, sondern auch die Rohstoffnotierungen stark nach oben gebracht. Viel Beachtung fanden naturgemäß die Ölpreise; doch verschiedene Industriemetalle sind dieses Jahr noch stärker gestiegen. Zu den Glanzlichtern gehörten die Preise für Kupfer. Rohstoff-Freunde dürften ihre helle Freude an dem rostroten Metall gehabt haben; hat es sich doch seit Jahresbeginn um mehr 80 Prozent verteuert. Gestern durchbrach es zudem die 6000-Dollar-Marke nach oben und landete damit auf einem neuen 10-Monats-Hoch.
Es klingt erstaunlich, dass sich gerade ein Rohstoff wie Kupfer in diesem Jahr so stark verteuern konnte. Schließlich ist die Nachfrage nach dem Metall extrem konjunkturabhängig. Die Tatsache, dass die globale Wirtschaft immer noch in einer Rezession steckt, und 2009 laut IWF um 1,4 Prozent schrumpfen soll, scheint nicht gerade für stark steigende Preise zu sprechen.
Immerhin kamen aus den USA; dem weltweit größten Kupfer-Verbraucherland, zuletzt ganz passable Konjunkturdaten. Dies erklärt den rapiden Kupferpreisanstieg aber mitnichten. Stattdessen muss wie immer der enorm hohe Bedarf aus China hinhalten. Und dieser ist in der Tat erheblich. Chinas Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal um 7,9 Prozent gestiegen; das Wachstum der Sachanlage-Investitionen lag allein im Juni bei 35 Prozent. Vor allem der Rohstoff-Bedarf der Bau- und Investitionsgüterbranche ist weiterhin enorm.
Dementsprechend war China auch an den Rohstoffbörsen der entscheidende preistreibende Faktor. Das Reich der Mitte hat im ersten Halbjahr 1,78 Millionen Tonnen Kupfer importiert. Allein im Juni zogen die Einfuhren auf 378.000 Tonnen an. Dies hat dazu beigetragen, dass die weltweite Nachfrage nach Kupfer momentan höher ist als die Förderung. Die Frage ist nur: Wie lange hält dieser Zustand noch an?
Chinas boomende Wirtschaft braucht Unmengen an Kupfer. Dennoch wird ein beträchtlicher Teil der Importe nicht verbraucht, sondern dient dazu, die „strategischen Reserven“ des Landes aufzufüllen. Und auch dieser Vorgang dürfte bald abgeschlossen sein. Andernorts mögen sich die Kupfer-Lagerbestände deutlich verringert haben; in China sind die Lagerhallen randvoll.
Chinas Kupferimporte wurden größtenteils vom State Reserve Bureau of China des Landes aus organisiert und gesteuert. Die Behörde hat Zugriff auf die riesigen Devisenreserven des Landes, die sich zuletzt auf mehr als 2 Billionen Dollar beliefen. Und sie ist auch schon in der Vergangenheit als wichtiger Akteur auf den Rohstoffmärkten aufgetreten. Dabei hat sie nicht nur Kupfer angekauft, sondern je nach Marktlage auch schnell wieder abgestoßen. Sie ist – wenn man so will – ein Rohstoffspekulant großen Stils im Namen und auf Rechnung der chinesischen Regierung.
In den vergangenen Jahren war China der größte Käufer von amerikanischen Staatsanleihen. Das Land finanzierte damit nicht nur das enorme US-Haushaltsdefizit, sondern auch die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten, und damit den eigenen Handelsbilanz-Überschuss. Den chinesischen Notenbankern ist aber nicht entgangen, dass der US-Dollar in den letzten Jahren gegenüber vielen anderen Währungen an Wert eingebüßt hat. Dementsprechend hat auch das „Devisen-Portfolio“ der Notenbank gelitten. Zwar bekennt sich China offiziell weiter zum Kauf amerikanischer Staatsanleihen. Doch die Risiken dieses einseitigen Dollar-Engagements treten immer offener zutage.
Seit Beginn der Finanzkrise wird darüber spekuliert, in welche anderen Assets jenseits des US-Dollar die Notenbank Chinas demnächst „switchen“ könnte. Viele glaubten, dass die People´s Bank of China künftig verstärkt andere Währungen erwerben werde. Auch die These, dass sie verstärkt Goldreserven aufbauen wird, gewinnt zunehmend Anhänger. Unbestritten ist aber, dass das Reich der Mitte sehr viel Aufmerksamkeit seiner Versorgung mit Energie und Industrierohstoffen widmet. Dies zeigen sowohl die Versuche des Landes, Beteiligungen an internationalen Rohstoffkonzernen zu erwerben, als auch die wachsende Präsenz des Landes in rohstoffreichen Entwicklungsländern.
Dementsprechend erwarb das Reich der Mitte nicht nur wegen seines tatsächlichen Bedarfs große Kupfer-Mengen, sondern auch zur mittelfristigen Sicherung der Versorgung - und durchaus auch als Anlage- und Spekulationsobjekt. Im letzten halben Jahr ist dieser neue „Investment-Ansatz“ durchaus aufgegangen. Während der Dollar abgegeben hat, sind die Kupfer-Notierungen nach oben geschossen. Der Industrierohstoff war das weitaus lukrativere Investment.
Doch alles hat zwei Seiten: Als Netto-Importeur und stark rohstoff-abhängiges Land hat China kein Interesse daran, dass der Kupferpreis langfristig durch die Decke geht. Dementsprechend besteht durchaus die Gefahr, dass es einen Teil seiner Bestände bald wieder auf den Markt wirft, um die Preise zu drücken. Es wäre im Übrigen nicht das erste Mal, dass die chinesischen Behörden auf diese Weise versuchen, Einfluss auf die Marktpreise zu nehmen.
Als Anleger kann man daraus den Schluss ziehen, dass direkte Kupfer-Engagements zunehmend riskanter werden. Wir von ASIEN-TRENDS sind schon seit einiger Zeit der Meinung, dass es sinnvoller ist, über ausgewählte Aktien direkt in den chinesischen Wirtschaftsboom zu investieren. Auf Sicht der kommenden Jahre dürfte sich dieser als nachhaltiger erweisen als die Kupferpreis-Rallye, die leider nicht nur aus fundamentalen Gegebenheiten gespeist wurde.
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