Arbeitsökonom Enzo Weber: KI löst Fachkräftemangel in Deutschland nicht
Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 00:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDer Arbeitsmarktökonom Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg sieht in Künstlicher Intelligenz keine Lösung für den Fachkräftemangel in Deutschland. Arbeitskräftemangel lasse sich nicht wegdigitalisieren, sagte Weber der "Rheinischen Post".
Weber: KI ersetzt keine Fachkräftepolitik
Technologischer Fortschritt führe nach Webers Einschätzung nicht automatisch dazu, dass weniger Fachkräfte benötigt werden. KI könne zwar helfen, Tätigkeiten produktiver zu machen, Prozesse zu verbessern und Wohlstand zu steigern, doch sie ersetze keine gute Fachkräftepolitik. Um diese müsse sich die Gesellschaft weiterhin selbst kümmern.
Zu einer solchen Fachkräftepolitik gehört Weber zufolge, berufliche Entwicklungschancen besser zu nutzen. Als Beispiele nannte er Frauen und Zugewanderte, deren Potenziale im Arbeitsmarkt stärker ausgeschöpft werden müssten. Zudem gelte es, ältere Beschäftigte so im Erwerbsleben zu halten, dass der Verbleib im Beruf für sie eine Perspektive bietet und nicht als zusätzliche Belastung empfunden wird.
Produktivität und Arbeitszeit
Auch die Vorstellung, KI werde automatisch dazu führen, dass Menschen künftig weniger arbeiten, teilt Weber nicht. Wenn KI gut eingesetzt werde und zu produktiveren Geschäftsmodellen führe, könne dadurch zwar mehr Wohlstand entstehen. Auf dieser Grundlage könnten Beschäftigte entscheiden, weniger zu arbeiten – allerdings nur, wenn sie Einkommenseinbußen in Kauf nehmen.
Weber glaubt nicht, dass ein solcher Automatismus für alle gelten wird. Mit wachsendem Wohlstand veränderten sich Erwartungen, Lebensstandards und Ansprüche, erläuterte der Wirtschaftswissenschaftler. KI bleibt aus seiner Sicht damit vor allem ein Instrument zur Steigerung von Produktivität und Wohlstand, nicht aber ein Ersatz für eine umfassende Fachkräfte- und Arbeitsmarktpolitik.
Die Aussagen des Arbeitsmarktökonomen Enzo Weber ordnen die Debatte um Künstliche Intelligenz und den Fachkräftemangel in Deutschland nüchtern ein. Während viele Unternehmen hoffen, mit digitalen Technologien Personalengpässe zu kompensieren, verweist Weber auf strukturelle Ursachen: Qualifizierung, Erwerbsbeteiligung von Frauen, Integration Zugewanderter und eine altersgerechte Arbeitswelt bleiben zentrale Hebel.
Arbeitsmarktstruktur statt Techniklösung
Deutschland erlebt seit Jahren einen demografisch bedingten Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials. Gleichzeitig steigt der Bedarf an qualifizierten Beschäftigten in Pflege, Erziehung, Handwerk, Industrie und IT. KI-Anwendungen können Prozesse beschleunigen, Routinearbeiten übernehmen und Daten auswerten. Damit steigern sie die Produktivität, ändern aber nicht die Tatsache, dass bestimmte Tätigkeiten physische Präsenz, zwischenmenschliche Kommunikation oder komplexe fachliche Entscheidungen erfordern, die qualifizierte Menschen treffen müssen.
Rolle von Politik und Betrieben
Weber betont, dass eine aktive Fachkräftepolitik unverzichtbar bleibt. Dazu zählen bessere Weiterbildungsangebote, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, gezielte Anerkennung und Förderung ausländischer Abschlüsse sowie gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen für Ältere. Unternehmen sind gefordert, Arbeitsplätze so zu gestalten, dass sie auch für erfahrene Kräfte attraktiv bleiben und flexible Übergänge in den Ruhestand ermöglichen.
Wohlstand, Arbeitszeit und Erwartungen
Die Diskussion, ob KI zu kürzeren Arbeitszeiten führt, wird von Weber ebenfalls relativiert. Produktivitätsgewinne können zwar mehr Wohlstand schaffen, doch gesellschaftliche Erwartungen und Lebensstandards wachsen oft mit. Damit bleibt die Entscheidung über kürzere Arbeitszeiten eine individuelle Abwägung zwischen Einkommen und Freizeit. Für Beschäftigte bedeutet das: KI kann Arbeit verändern und entlasten, ersetzt aber weder den politischen Gestaltungswillen noch die strategische Personalentwicklung in den Betrieben.
