Wirecard-Prozess: Entschuldigung und Kritik am Kronzeugen
17.07.2024 - 14:19:48Mit einer Entschuldigung und Angriffen gegen den Kronzeugen hat der dritte Angeklagte im Wirecardprozess am 138. Verhandlungstag sein Schweigen gebrochen. Der ehemalige Chef der Buchhaltung, E., rĂ€umte zu Beginn seines auf zwei Tage angesetzten Statements ein, Fehler gemacht zu haben, die er bereue und fĂŒr die er sich entschuldigen wolle. Allerdings wies er an vielen Stellen auch Verantwortung und ZustĂ€ndigkeit von sich und attackierte den Kronzeugen der Anklage, Oliver Bellenhaus, dem er Hass, Neid und LĂŒge vorwarf.
Bellenhaus, der die Anklage weitgehend einrĂ€umt und dessen Aussage die beiden anderen Angeklagten belastet, sei «gut im LĂŒgen und Verdrehen», sagte E. im Laufe seiner selbstverfassten Aussage, die seiner Verteidigerin zufolge rund 190 Seiten umfasst. Den «Belastungseifer» seines Mitangeklagten fĂŒhrte E. unter anderem darauf zurĂŒck, dass dieser ihm seinen Titel und sein Gehalt geneidet habe. Zudem habe er ihn mit seinen Nachfragen nach Belegen «genervt» - wohl auch weil Bellenhaus diese dann habe fĂ€lschen mĂŒssen.Â
Nicht zustÀndig oder keine Zeit
Von sich selbst zeichnete E. dagegen ein vollkommen anderes Bild. Er habe sich nicht persönlich bereichert und stets nur das Beste fĂŒr das Unternehmen gewollt. DarĂŒber hinaus will er fĂŒr vieles aber nicht zustĂ€ndig gewesen sein oder keine Zeit dafĂŒr gehabt haben. Zudem betonte der ehemalige Chef der Buchhaltung, selbst eigentlich kein Buchhalter zu sein.Â
«Ich hatte sehr viele Themen auf dem Tisch und kam mir vor wie ein Jongleur, der voll damit beschĂ€ftigt war, dass kein Ball herunterfĂ€llt», beschrieb E. seine TĂ€tigkeit. Dabei habe er keine Zeit gehabt, sich mit den einzelnen BĂ€llen eingehender zu beschĂ€ftigen. Heute sehe er aber ein, dass er innehalten und dies hĂ€tte tun sollen.Â
Nicht die Kraft, alles zu hinterfragen
Insgesamt zeichnete E. ein Bild von schlechter personeller Ausstattung, schlechten Prozessen und ĂŒberforderndem Arbeitsvolumen.«Es war eigentlich immer so, dass zwei Leute gleichzeitig etwas von mir wollten», beschrieb er seinen typischen Arbeitstag. Insbesondere bei den JahresabschlĂŒssen habe es viel Zeitdruck gegeben. «Man hat nicht die Zeit und die Kraft, alles zu hinterfragen. DafĂŒr gibt es die Fachabteilung», sagte E. Auf deren Informationen mĂŒsse man vertrauen können. Oft habe man deren Antworten nur an die WirtschaftsprĂŒfer weitergeleitet. «Wenn die zufrieden damit waren, waren wir es auch.»
Zum DrittpartnergeschĂ€ft, das beim Zusammenbruch von Wirecard eine zentrale Rolle spielte, Ă€uĂerte sich E. zunĂ€chst kaum. Er schrĂ€nkte Erwartungen allerdings bereits zu Beginn seiner Aussage ein. Dies sei nicht Schwerpunkt seiner Arbeit gewesen, viele Informationen dazu habe er nur vom Hörensagen. Er könne nur «von vielen Jahren Schreibtisch» bei Wirecard erzĂ€hlen.
Kein GestÀndnis
«Ein GestĂ€ndnis haben wir nicht gehört», fasste Gerichtssprecher Laurent Lafleur die erste HĂ€lfte des 138. Verhandlungstags zusammen. Und die Tendenz scheine auch nicht in diese Richtung zu gehen. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich «ein kleines bisschen enttĂ€uscht» von den Aussagen. Die Verteidigung des ebenfalls angeklagten Ex-Wirecard-Chefs Markus Braun zeigte sich dagegen zufrieden. Die Aussage E.s stĂŒtze die Angaben ihres Mandanten. Man sehe, dass zwei Angeklagte die Wahrheit sagten und einer nicht, sagte sie mit Blick auf Braun und E. beziehungsweise Bellenhaus.Â
Der Zahlungsdienstleister Wirecard war im Juni 2020 in die Insolvenz gegangen, weil auf Treuhandkonten verbuchte 1,9 Milliarden Euro nicht mehr auffindbar waren. Die Anklage wirft den drei Angeklagten sowie dem abgetauchten frĂŒheren Vertriebsvorstand Jan Marsalek und weiteren Komplizen vor, UmsĂ€tze in Milliardenhöhe schlicht erfunden zu haben, um den eigentlich defizitĂ€ren Dax-Konzern ĂŒber Wasser zu halten. In dem seit Dezember 2022 gefĂŒhrten Prozess hatte E. bisher geschwiegen. Braun bestreitet alle VorwĂŒrfe, der gestĂ€ndige Bellenhaus tritt als Kronzeuge auf und beschuldigt die beiden Mitangeklagten.


