'Team 'Ich'' und viele Risiken
24.06.2025 - 15:44:31Die Entscheidung des CDU-Politikers, die Beschaffung allein meistern zu wollen, ziehe bis heute "erhebliche Kosten und Risiken" nach sich, heiĂt es in dem Bericht der Sonderermittlerin Margaretha Sudhof. Das Gesundheitsministerium unter der heutigen Ressortchefin Nina Warken (CDU) distanzierte sich von dem Sonderbericht. Spahn ist heute Chef der CDU/CSU-Fraktion.
Das Gesundheitsministerium hatte den bereits seit Monaten vorliegenden Bericht erst Anfang der Woche mit geschwĂ€rzten Passagen an den Vorsitzenden des Haushaltsausschusses des Bundestags gemailt. Sudhof war noch von Spahns Nachfolger Karl Lauterbach (SPD) eingesetzt worden. Lauterbach und Warken veröffentlichten den Bericht zunĂ€chst nicht. Warkens BegrĂŒndung: Der Bericht betreffe auch laufende Gerichtsprozesse und enthalte personenbezogene Daten. Der rund 170 Seiten starke Bericht liegt der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vor.
"Bis heute erhebliche Kosten und Risiken"
Die Sonderermittlerin, vormals StaatssekretĂ€rin in mehreren Ministerien, stellt fest, nach Spahns Entscheidung zur Corona-Schutzmaskenbeschaffung habe eine Leistungsvergabe "in kĂŒrzester Zeit und in bis dahin nicht vorgesehenem Volumen" begonnen. Innerhalb weniger Wochen seien VertrĂ€ge im Wert von mehr als 11,6 Milliarden Euro geschlossen worden. Als problematisch werden etwa LiefervertrĂ€ge ohne weitere Verhandlungen zu festen, hohen Preisen genannt. Wegen erheblicher LieferausfĂ€lle seien dann tatsĂ€chlich viel weniger Haushaltsmitteln gebraucht worden. Allerdings gebe es unter anderem Haushaltsrisiken aus laufenden Rechtsstreitigkeiten von 2,3 Milliarden zuzĂŒglich Zinsen von knapp bis zu 1,4 Milliarden Euro.
Den damals Verantwortlichen der Ministerien und Dienststellen bescheinigt die Sonderermittlerin, "jenseits der persönlichen RĂŒcksichtnahme Unvorstellbares" zu leisten gehabt zu haben. Doch sie schreibt auch: "Viele AktivitĂ€ten gingen an die Grenze der rechtlichen Vorgaben, was in der Gesamtheit durchaus Fragen aufwirft." So seien Expertisen unter anderem des Bundesinnenministeriums ĂŒbergangen worden. Als sich "worst case Betrachtungen" bewahrheitet hĂ€tten, sei im Bund vorhandene Expertise weiter nicht geholt, sondern weiter auf externe Berater und Kanzleien vertraut worden.
Keine "bedarfsgerechte Steuerung"
Der "funktionierenden Bundesverwaltung" und den Beschaffungsbehörden habe Spahn nicht vertraut. So habe es keine "bedarfsgerechte Steuerung" durch das Ministerium gegeben. "In der Folge wurde ĂŒber den im Krisenstab festgelegten Bedarf hinaus beschafft", so die Juristin Sudhof mit Blick auf den Krisenstab der Regierung. "Fehlendes ökonomisches VerstĂ€ndnis und politischer Ehrgeiz können" - so der Bericht "wie in diesem Fall, dazu fĂŒhren, dass nicht als Team "Staat", sondern als Team "Ich" gehandelt wird". Mehrere Medien hatten ĂŒber Teile des Berichts berichtet.
Sudhof schreibt, das im BMG tĂ€tige Team sei bei der Zuspitzung der Corona-Krise im MĂ€rz 2020 "mangels administrativer Ausstattung und operativer Vorerfahrung" "völlig ĂŒberfordert" gewesen. Also habe man eine Beratungsgesellschaft beauftragt - zunĂ€chst nur zum Zusammentragen der inzwischen angefallenen Daten. An den Berater sei die Beschaffung dann quasi komplett "outgesourced" worden. Ăber mehrere Seiten vollzieht der Bericht im Einzelnen die Schritte und Kosten nach und betont, die entsprechenden Arbeitspakete hĂ€tten "also das ĂŒbliche operative GeschĂ€ft einer Beschaffungsbehörde" umfasst.
Spahn "intervenierte persönlich"
"Die Fachebene des BMG (Bundesgesundheitsministeriums) versuchte durchaus, den Bundesminister davon zu ĂŒberzeugen, dass mangels Expertise und Personal die Beschaffung nicht ins Haus geholt, sondern bei den Beschaffungsbehörden verbleiben sollte", schreibt Sudhof. "Dies jedoch vergeblich. Der damalige Bundesminister intervenierte immer wieder persönlich und nutzte seine Kontakte."
Kritik der neuen Ministerin
In einer Stellungnahme kritisiert das Gesundheitsministerium unter Warken den Sudhof-Bericht deutlich. Deren Aussagen mache man sich nicht zu eigen, so das an die Bundestags-HaushÀlter gerichtete BMG-Papier, das der dpa vorliegt. Einzelnen Aussagen wird widersprochen. Methodik und Quellen blieben unklar, Tatsachen seien teilweise "durch Quellen nicht untermauert". Spahn solle nie befragt worden sein.
"Als solle ein Parteifreund geschĂŒtzt werden"
An diesem Mittwoch wollen sich Spahn und Warken den Fragen im Haushaltsausschuss stellen. Der Linken-Haushaltspolitiker Dietmar Bartsch kritisierte "die teilweise seitenweise SchwĂ€rzungen" im Sudhof-Bericht durch das Ministerium. "Die Gesundheitsministerin sollte die politischen Spielchen beenden und den Maskenbericht vollstĂ€ndig veröffentlichen", sagte er der dpa. Der Eindruck entstehe, als solle ein Parteifreund geschĂŒtzt werden. "Das untergrĂ€bt das Vertrauen in die Politik insgesamt."
Die GrĂŒnen wollen die VorwĂŒrfe gegen Spahn zum Thema im Plenum machen. Die Partei will eine Aktuelle Stunde mit dem Titel "Volle Transparenz und AufklĂ€rung zu den Maskendeals von Jens Spahn" beantragen. "Statt weitere Nebelkerzen zu zĂŒnden, brauchen wir eine umfassende parlamentarische AufklĂ€rung zu den Maskendeals von Jens Spahn", sagte die Parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Irene Mihalic der dpa.

