ROUNDUP, Haftbefehl

Haftbefehl gegen Netanjahu löst Jubel und Empörung aus

22.11.2024 - 06:35:06

Der Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu spaltet die Welt.

WĂ€hrend der Iran und die PalĂ€stinensische Autonomiebehörde den Beschluss des Gerichts in Den Haag feiern, kritisieren mehrere VerbĂŒndete Israels - allen voran die USA - den Haftbefehl. Die Bundesregierung Ă€ußerte sich zunĂ€chst nicht, sie befindet sich in einer ZwickmĂŒhle: Einerseits unterstĂŒtzt sie Israels Recht auf Selbstverteidigung nach dem TerrorĂŒberfall der Hamas vor gut einem Jahr, andererseits plĂ€diert sie stets fĂŒr ein robustes internationales Rechtssystem mit verbindlichen Regeln.

Der Internationale Strafgerichtshof erließ Haftbefehle gegen Netanjahu sowie den erst kĂŒrzlich entlassenen israelischen Verteidigungsminister Joav Galant wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg. Auch gegen einen AnfĂŒhrer der Terrororganisation Hamas- Mohammad Diab Ibrahim Al-Masri, bekannt unter dem Nachnamen Deif -erließen die Richter in Den Haag einen Haftbefehl. Er soll in das Massaker mit rund 1.200 Toten vor ĂŒber einem Jahr in Israel verwickelt sein, das den Gaza-Krieg auslöste. Allerdings ist unklar, ob der vom israelischen MilitĂ€r fĂŒr tot erklĂ€rte Hamas-Kommandeur ĂŒberhaupt noch am Leben ist. Die Hamas hat seinen angeblichen Tod nie bestĂ€tigt.

USA: "Wir werden immer an der Seite Israels stehen"

US-PrĂ€sident Joe Biden verurteilte die internationalen Haftbefehle gegen Netanjahu und Galant. "Die Ausstellung von Haftbefehlen durch den Internationalen Strafgerichtshof gegen israelische Politiker ist empörend", wurde Biden in einer Mitteilung des Weißen Hauses zitiert. Die USA erkennen wie Israel den Internationalen Strafgerichtshof grundsĂ€tzlich nicht an.

"Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Was auch immer der Internationale Strafgerichtshof andeuten mag, Israel und die Hamas sind nicht gleichwertig - ĂŒberhaupt nicht", sagte Biden. "Wir werden immer an der Seite Israels stehen, wenn seine Sicherheit bedroht ist." Die Sprecherin des Weißen Hauses, Karine Jean-Pierre, sagte, die USA wĂŒrden keinen Haftbefehl vollstrecken.

Kritik an dem Haftbefehl kam auch aus anderen LĂ€ndern. "Israel ist brutalen Aggressionen, unmenschlichen Geiselnahmen und wahllosen Angriffen auf seine Bevölkerung ausgesetzt. Die legitime Verteidigung einer Nation zu kriminalisieren und gleichzeitig diese GrĂ€ueltaten auszublenden, ist ein Akt, der den Geist der internationalen Gerechtigkeit verfĂ€lscht", schrieb der argentinische PrĂ€sident Javier Milei auf X. Ungarns Außenminister Peter Szijjarto bezeichnete die Haftbefehle als "schĂ€ndlich und absurd", Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg nannte sie "unverstĂ€ndlich und nicht nachvollziehbar".

Iran und PalÀstinenser feiern Haftbefehle

Der Iran begrĂŒĂŸte die Haftbefehle gegen Netanjahu und Galant hingegen. "Das ist lobenswert, nur mĂŒssen die USA und die EuropĂ€er die Haftbefehle auch respektieren und umsetzen", sagte der außenpolitische Berater des geistigen FĂŒhrers Ayatollah Ali Chamenei, Kamal Charrasi. Die Entscheidung des Gerichts in Den Haag sei auch beschĂ€mend fĂŒr den Westen, der Israels Handeln im Gazastreifen und im Libanon uneingeschrĂ€nkt unterstĂŒtzt habe. Die Hamas bezeichnete die Entscheidung als "wichtigen historischen PrĂ€zedenzfall und eine Korrektur eines langen Wegs historischer Ungerechtigkeit gegen unser Volk."

Auch die PalĂ€stinensische Autonomiebehörde (PA) im Westjordanland lobte die internationalen Haftbefehle. Die Entscheidung des Internationalen Strafgerichtshofs stelle das Vertrauen in das Völkerrecht und UN-Organisationen wieder her, hieß es in einer Mitteilung der Behörde, die die palĂ€stinensische Nachrichtenagentur Wafa veröffentlichte. Die PA forderte laut der Mitteilung alle Mitgliedsstaaten des Gerichtshofes, zu denen auch Deutschland zĂ€hlt, auf, "die Entscheidung des Gerichts umzusetzen und Verbrecher vor Gericht zu bringen".

Haftbefehl könnte Netanjahus Reisefreiheit empfindlich einschrÀnken

Die Regierungen der Niederlande und Kanadas ließen hingegen durchblicken, dass die Haftbefehle in ihren LĂ€ndern auch vollstreckt wĂŒrden. Sollten andere Staaten ebenso vorgehen, könnte dies die Reisefreiheit des israelischen Regierungschefs empfindlich einschrĂ€nken.

Israels GeneralstaatsanwĂ€ltin Gali Baharav-Miara reagierte wie viele Landsleute empört. "An diesem Tag muss das Offensichtliche gesagt werden: Dem Internationalen Strafgerichtshof fehlt jegliche AutoritĂ€t in dieser Angelegenheit", zitierte die Zeitung "The Times of Israel" aus einer Mitteilung. Selbst Netanjahus innenpolitische Gegner verurteilten die Den Haager BeschlĂŒsse. Ex-Verteidigungsminister Galant schrieb auf der Plattform X, die Haftbefehle gegen ihn und den MinisterprĂ€sidenten schafften "einen gefĂ€hrlichen PrĂ€zedenzfall gegen das Recht auf Selbstverteidigung".

EU: Haftbefehl gegen Netanjahu fĂŒr EU-Staaten bindend

EU-Chefdiplomat Josep Borrell hingegen bezeichnete den internationalen Haftbefehl gegen Netanjahu als bindend fĂŒr die Mitgliedstaaten der EuropĂ€ischen Union. Als Vertragsstaaten des Internationalen Strafgerichtshofs seien die EU-LĂ€nder verpflichtet, die gegen Netanjahu, Galant und Deif verhĂ€ngten Haftbefehle umzusetzen, sagte er wĂ€hrend eines Besuchs in der jordanischen Hauptstadt Amman. Es handle sich nicht um eine politische Entscheidung, sondern um einen Gerichtsbeschluss, betonte der Spanier. "Die Entscheidung des Gerichtshofs muss respektiert und umgesetzt werden."

@ dpa.de