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General Freuding: Ukrainern ist Risiko ihrer Operation bewusst

15.08.2024 - 15:57:43

Der militÀrische Chefkoordinator der deutschen Ukraine-Hilfe, Generalmajor Christian Freuding, kann den Entschluss der Ukrainer zur Offensive auf russisches Grenzgebiet "gut nachvollziehen".

"Wo immer sich fĂŒr den militĂ€rischen FĂŒhrer die Gelegenheit zur Initiative bietet, muss er sie nutzen. Nach meinen EindrĂŒcken und nach meinen GesprĂ€chen ist den Ukrainern das Risiko, dass sie mit dieser Operation eingehen, durchaus bewusst, aber es kann eben zu einer erheblichen Dynamik kommen, wenn diese Operation erfolgreich durchgefĂŒhrt wird", sagte Freuding im Bundeswehr-Videoformat "Nachgefragt".

Freuding war in den vergangenen Tagen zu GesprÀchen in der Ukraine. Der General ist Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium und auch Chef des Sonderstabs Ukraine. Er sagte, der Vormarsch sei ein "guter Indikator, dass die ukrainischen StreitkrÀfte weiter den Willen und die FÀhigkeit haben, in diesem Krieg Erfolg zu haben und ihn auch zu gewinnen".

Freuding: Ukraine hat vier Brigaden fĂŒr Operation im Einsatz

"Die StĂ€rke der ukrainischen StreitkrĂ€fte fĂŒr diese Angriffsoperation sind vier Brigaden. Das sind 4.000 bis 6.000 Soldatinnen und Soldaten", sagte Freuding. Von ukrainischem Gebiet aus wĂŒrden sie von 2.000 bis 4.000 MĂ€nnern und Frauen durch Logistik, aber auch durch Luftverteidigung unterstĂŒtzt.

"Die Tiefe des genommenen Gebietes betrĂ€gt circa 30 Kilometer, die Breite circa 65 Kilometer", sagte Freuding. "Der Gesamtraum, in dem ukrainische KrĂ€fte operieren - nicht kontrollieren, sondern operieren- schĂ€tzen wir auf circa 1.000 Quadratkilometer. Das ist deshalbinteressant, weil das in etwa die GrĂ¶ĂŸenordnung ist, die die ukrainischen StreitkrĂ€fte verloren haben gegen die russischen StreitkrĂ€fte seit Jahresbeginn."

Die russischen StreitkrĂ€fte versuchten, mit Infanterie, mit gepanzerten KrĂ€ften und auch mit SpezialkrĂ€ften gegen den ukrainischen Angriff vorzugehen. "Wir wissen, dass auch hier wieder massiv Artillerie eingesetzt wurde und auch LuftnahunterstĂŒtzung. Bisher war das allerdings noch nicht erfolgreich", sagte Freuding.

Ukrainer hatten gute AufklÀrung und trafen auf schwachen Gegner

Die Ukrainer hĂ€tten ihren Vorstoß vorbereitet und "ein Fenster der Gelegenheit" genutzt. Sie hĂ€tten sehr gute AufklĂ€rungsergebnisse gehabt, eine Truppenmassierung schlecht ausgebildeter, russischer ReservekrĂ€fte erkannt und fĂŒr einen Angriff gĂŒnstiges GelĂ€nde genutzt. "Wir gehen davon aus, dass die Ukrainer circa eine hohe dreistellige, wenn nicht sogar eine vierstellige Zahl an Kriegsgefangen gemacht haben", sagte Freuding.

Die Ukraine verfolgt nach seiner EinschĂ€tzung mehrere Ziele darunter "Entlastung". "Die ukrainische Verteidigung im Donbass ist ja unter ungeheurem Druck. Das ist also ein gezielter Entlastungsangriff", sagte Freuding. Es gebe aber auch psychologische Effekte, wenn der Krieg ins russische Kernland getragen und der eigenen Bevölkerung die FĂ€higkeit zur Offensive gezeigt werden könne. Zudem könne eingenommenes Gebiet kĂŒnftig politisches Faustpfand sein.

Gegenangriffe werden offenkundig vorbereitet

Erste versuchte Gegenangriffe hatten die Ukrainer vorhergesehen und die eingesetzten russischen KrĂ€fte "bereits im Anmarsch und der AnnĂ€herung zerschlagen können". Soweit zu erkennen sei, verlege Russland nun fĂŒr einen Gegenangriff bisher nicht an den KĂ€mpfen beteiligte KrĂ€fte aus anderen Regionen in das Gebiet.

Weiter gebe es die intensivsten Kampfhandlungen im Donbass. Der General sagte: "Es ist auch richtig, dass sowohl auf ukrainischer Seite als auch auf russischer Seite derzeit fĂŒr das, was hier oben passiert, keine KrĂ€fte aus dem zentralen Kampfgeschehen im Donbas abgezogen werden. Dort ist unverĂ€ndert der Schwerpunkt. Dort wird auch am meisten geschossen und gestorben."

@ dpa.de