Langfristig mache ich mir Sorgen
23.12.2024 - 06:37:20 | dpa.de"Wenn wir unsere Verteidigungsausgaben nicht erhöhen, werden wir in vier bis fĂŒnf Jahren ein ernsthaftes Problem haben", sagte er in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Derzeit mĂŒssen wir keine Angst haben. Aber langfristig mache ich mir Sorgen."
Hintergrund der EinschĂ€tzung Ruttes ist der massive Ausbau der RĂŒstungsproduktion Russlands wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine. Dem setzen die Nato-Staaten seiner Meinung noch nicht genug entgegen. "Wir mĂŒssen die Verteidigungsindustrie stĂ€rken und die Produktion ausweiten. Es mĂŒssen zusĂ€tzliche Produktionslinien und Schichten eingerichtet werden, da wir nicht genug MilitĂ€rgĂŒter produzieren, um uns langfristig zu schĂŒtzen", erklĂ€rte der 57-JĂ€hrige. "Noch haben wir Zeit uns vorzubereiten und unsere Abschreckung zu stĂ€rken, um einen Krieg auf Nato-Territorium zu verhindern. Aber wir mĂŒssen jetzt handeln."
Rutte erwartet neue Forderungen von Trump
Druck in diese Richtung erwartet Rutte auch vom kĂŒnftigen US-PrĂ€sidenten Donald Trump, der in seiner ersten Amtszeit mit einem Austritt der USA aus der Nato gedroht hatte, wenn die Alliierten nicht sofort zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) fĂŒr Verteidigung ausgeben. "Er wird wollen, dass wir mehr tun, und er hat recht damit. Wir mĂŒssen mehr tun", sagte Rutte. Insgesamt gesehen gĂ€ben die europĂ€ischen Alliierten derzeit zwei Prozent ihres BIP fĂŒr Verteidigung aus. Aber man werde in vier bis fĂŒnf Jahren ein Problem mit der Abschreckung bekommen, wenn man nicht mehr ausgebe.
Ob er eine Erhöhung des Nato-Ziels fĂŒr die Verteidigungsausgaben auf drei Prozent des BIP oder noch mehr fĂŒr sinnvoll hĂ€lt, sagte Rutte nicht. Eine Entscheidung dazu soll bis zum Nato-Gipfel im kommenden Juni fallen. Zuletzt hatte es Berichte gegeben, dass Trump von den EuropĂ€ern Ausgaben in Höhe von fĂŒnf Prozent fordern könnte. Deutschland wird in diesem Jahr vermutlich bei einer Quote von etwa 2,1 Prozent landen.
Klare Worte zur deutschen Ukraine-Politik
In der Diskussion um das anhaltende Nein von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zur Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine machte Rutte deutlich, dass er persönlich eine andere Entscheidung treffen und auch keine EinschrĂ€nkungen bei der Nutzung machen wĂŒrde. "Ganz allgemein wissen wir, dass solche FĂ€higkeiten fĂŒr die Ukraine sehr wichtig sind", sagte der frĂŒhere niederlĂ€ndische MinisterprĂ€sident. Es sei aber nicht an ihm zu entscheiden, was Alliierte liefern sollten.
GrundsĂ€tzlich nahm Rutte den Kanzler allerdings gegen Kritik entschieden in Schutz. "Was Olaf Scholz getan hat, ist beeindruckend. Scholz hat mit dafĂŒr gesorgt, dass Deutschland nach den USA an zweiter Stelle bei der militĂ€rischen UnterstĂŒtzung der Ukraine steht, mit 28 Milliarden Euro, in manchen Berechnungen sogar 34 Milliarden. Das ist eine gewaltige Summe, weit vor vielen anderen LĂ€ndern, einschlieĂlich groĂer Volkswirtschaften Europas", sagte er. Dies sei ein Verdienst, fĂŒr den auch die Ukraine Scholz dankbar sein könne.
Zu den zum Teil harten VorwĂŒrfen, die der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj gegen Scholz erhob, sagte Rutte: "Ich habe Selenskyj oft gesagt, dass er aufhören soll, Olaf Scholz zu kritisieren, denn ich halte das fĂŒr unfair." Selenskyj hatte Scholz zuletzt unter anderem dafĂŒr kritisiert, gegen seinen Willen mit Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin telefoniert zu haben. Immer wieder Ă€uĂerte er auch öffentlich UnverstĂ€ndnis fĂŒr das Nein des Kanzlers zur Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern.
Rutte betonte dabei, dass er sich nicht in den laufenden deutschen Wahlkampf einmischen wolle. "Ich ergreife keine Partei, da ich sowohl mit Olaf Scholz als auch mit Friedrich Merz (CDU) arbeiten kann", sagte der frĂŒhere niederlĂ€ndische Regierungschef. Wichtig sei, dass Deutschland wisse, dass bei der Ukraine-Politik die eigenen Werte und die kollektive Sicherheit auf dem Spiel stĂŒnden. "Falls die Ukraine verlieren wĂŒrde, mĂŒssten wir viel, viel mehr fĂŒr Verteidigung ausgeben, um der russischen Bedrohung etwas entgegenzusetzen", ergĂ€nzte er.
Rutte: Konflikt in der Ukraine wird Problem fĂŒr USA
Ăhnlich argumentiert Rutte nach eigenen Angaben auch im Austausch mit Trump, dem in Europa zugetraut wird, die militĂ€rische UnterstĂŒtzung der Ukraine herunterzufahren - auch wenn dies bedeuten wĂŒrde, dass sich Russland am Ende als Sieger des Krieges darstellen kann. "Mein Argument ihm gegenĂŒber, und allgemein, ist, dass der Konflikt in der Ukraine ein Problem fĂŒr die USA wird", sagte er. Man sehe Russlands Verbindungen zu Nordkorea, dem Iran und China, und durch die Zusammenarbeit dieser vier Akteure werde der gesamte Konflikt auch zu einer Bedrohung fĂŒr die USA.
Konsequenz daraus muss es nach Ansicht Ruttes sein, die Ukraine vor möglichen Verhandlungen noch einmal erheblich aufzurĂŒsten. "Wir mĂŒssen sicherstellen, dass die Ukraine, die sich derzeit in einer schwierigen Lage befindet, in eine starke Position kommt", sagte er. "Deshalb mĂŒssen wir dringend sicherstellen, dass wir zusĂ€tzliche militĂ€rische UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine bereitstellen." Bis dahin werde er auch nicht ĂŒber mögliche europĂ€ische Friedenstruppen fĂŒr eine Absicherung eines Waffenstillstandes spekulieren.
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