Selenskyj lĂ€sst Raum fĂŒr zeitweise Gebietsabtretungen
20.11.2024 - 06:35:03 | dpa.de"Vielleicht muss die Ukraine jemanden in Moskau ĂŒberleben, um ihre Ziele zu erreichen und das gesamte Staatsgebiet wieder herzustellen", sagte Selenskyj mit Blick auf den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin (72) im Parlament. Dort stellte er einen Plan vor, wie sein Land dem russischen Druck besser standhalten kann.
In internationalen Medien wird seit lĂ€ngerer Zeit darĂŒber spekuliert, dass der Krieg in der Ukraine entlang der Frontlinie eingefroren werden könnte, ohne dass Kiew juristisch Gebiete an Russland abtritt. Dennoch lehnte Selenskyj formaljuristische Gebietsabtretungen kategorisch ab. "Wir verzichten nicht auf die Rechte der Ukraine auf ihr Territorium", unterstrich der Staatschef.
SpĂ€ter rĂ€umte er in einem Interview des US-Senders Fox News ein, dass die Ukraine den Krieg verlieren könne, wenn die bisherige massive UnterstĂŒtzung der USA beim Amtsantritt von Donald Trump im WeiĂen Haus versiege. "Wenn sie (die Hilfe) beenden, glaube ich, werden wir verlieren", sagte Selenskyj. Aber dennoch werde die Ukraine den Kampf fortsetzen. Die Ukraine habe zwar ihre eigene RĂŒstungsindustrie, doch genĂŒge deren Produktion nicht. "Es wird nicht genug sein, um zu ĂŒberleben."
Die Ukraine befĂŒrchtet, dass Trump - wie im Wahlkampf angekĂŒndigt - die bisherige militĂ€rische UnterstĂŒtzung der USA zurĂŒckfahren oder ganz einstellen könnte. Dennoch hoffe er, dass Trump den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin zu einer Beendigung des Kriegs bewegen könnte. "Es wird nicht einfach sein, aber mit allem, was den USA zur VerfĂŒgung steht, kann er das", sagte Selenskyj. "Er ist stĂ€rker, die USA sind stĂ€rker, die Wirtschaft ist stĂ€rker, und die USA haben groĂen Einfluss", begrĂŒndete er seine Ăberzeugung.
Lage an der Front bleibt kompliziert
Dabei ist das ukrainische MilitĂ€r an der Front nach wie vor in der Defensive. Der Generalstab in Kiew vermeldete in seinem abendlichen Lagebericht 130 ZusammenstöĂe im Tagesverlauf. Die meisten Angriffe lancierten die russischen Truppen dabei an der Front im SĂŒdosten des Landes. So attackierten sie Pokrowsk 37 Mal und Kurachowe 22 Mal. An der Grenze zwischen den Gebieten Donezk und Saporischschja gab es zudem 15 Angriffe.
In diesem Abschnitt ist die Front seit Jahresbeginn am stĂ€rksten in Bewegung geraten. Etwa 40 Kilometer konnten die Russen seit der Eroberung der ukrainischen Festung Awdijiwka bei Donezk vorrĂŒcken. Eine der Ursachen fĂŒr die Probleme der Ukrainer an der Front waren die lange Zeit stagnierenden Waffen- und Munitionslieferungen aus dem Westen.
Berichte: Washington will SchĂŒtzenminen liefern
Nach der Freigabe an Kiew zum Einsatz von weitreichenden Waffen gegen Ziele in Russland ordnete US-PrĂ€sident Joe Biden nach einem Medienbericht nun auch die Lieferung von SchĂŒtzenminen an die Ukraine an. Biden sei damit von seiner bisherigen Position abgerĂŒckt, um der Ukraine im Abwehrkampf gegen die russische Armee zu helfen, berichtete die "Washington Post" unter Berufung auf ranghohe Vertreter der US-Regierung. Grund fĂŒr die MeinungsĂ€nderung im WeiĂen Haus sei das stetige VorrĂŒcken russischer Truppen im Donbass. Die Lieferung dieser Minen sei nach Meinung des Pentagon ein wirksames Mittel, um das Vordingen der russischen Einheiten zu verlangsamen.
Der Einsatz dieser SchĂŒtzenminen, auch als Antipersonenminen bekannt, werde jedoch auf den Osten der Ukraine beschrĂ€nkt. Das russische MilitĂ€r hat am Rande der besetzten Gebiete in der Ukraine dichte Minenfelder ausgelegt und damit eine ukrainische Offensive zum Scheitern gebracht.
Der Einsatz von Minen ist international geĂ€chtet. Die 1999 in Kraft getretene sogenannte Ottawa-Konvention von 1999 verbietet Einsatz, Produktion und Weitergabe dieser heimtĂŒckischen Waffen, die auch lange Zeit nach Kampfhandlungen ihre Opfer vor allem unter der Zivilbevölkerung in den jeweiligen Regionen finden. Die Konvention wurde von 164 Staaten unterzeichnet und ratifiziert, nicht jedoch von Russland und den USA. Die Ukraine hat das Papier 2005 ratifiziert.
Borrell: Eine Million Artilleriegeschosse an Kiew geliefert
Nach Angaben des EuropĂ€ischen AuswĂ€rtigen Dienstes hat die EU nun immerhin ihren Plan zur Lieferung von Artilleriegeschossen an die Ukraine erfĂŒllt - wenn auch mit VerspĂ€tung. "Wir haben das Ziel von einer Million Schuss Artilleriemunition erreicht", sagte EU-Chefdiplomat Josep Borrell nach einem Treffen der EU-Verteidigungsminister in BrĂŒssel. Die Munition sei an die Ukraine geliefert worden, "einige Monate spĂ€ter als erwartet". UrsprĂŒnglich hatte die EU die Marke von einer Million Schuss bereits bis Ende MĂ€rz erreichen wollen.
TatsĂ€chlich konnte bis MĂ€rz nur etwas mehr als die HĂ€lfte der Menge geliefert werden. Als neues Ziel hatte die EU dann Ende 2024 in Aussicht gestellt. "Wir werden damit fortfahren, denn Russland erhĂ€lt weiterhin umfangreiche Lieferungen von Munition und Raketen aus Nordkorea und dem Iran", kĂŒndigte Borrell an.
Der ukrainische PrĂ€sident Selenskyj stellte indes in Kiew einen Plan zur Erhöhung der WiderstandsfĂ€higkeit des von Russland angegriffenen Landes vor. Die Ukraine werde massiv in die RĂŒstung investieren, kĂŒndigte er an. Dazu zĂ€hle der Ausbau der eigenen Munitionsproduktion. "Ukrainische Waffen" seien eine der Hauptgarantien der ukrainischen UnabhĂ€ngigkeit.
Ukraine und Russland attackieren sich mit Drohnen
Eine der wichtigsten Waffen in dem Krieg sind Drohnen. Beinahe zeitgleich ĂŒberzogen sich die Ukraine und Russland in der Nacht mit DrohnenschwĂ€rmen.
Bei einem massiven Drohnenangriff der Ukraine kam es zu SchĂ€den in mehreren russischen Regionen. "In der Stadt Alexejewka sind durch den Absturz von DrohnentrĂŒmmern auf dem Territorium eines Unternehmens Produktionshallen beschĂ€digt worden", schrieb der Gouverneur der russischen Grenzregion Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, bei Telegram. Zudem seien ein Infrastrukturobjekt und eine Stromleitung getroffen worden. Einen Einschlag gab es demnach auch in der benachbarten Region Woronesch.
Drohnenangriffe wurden auch aus den Regionen Brjansk und Tula sowie dem Moskauer Umland gemeldet. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau wurden insgesamt 42 Kampfdrohnen abgeschossen.
Das russische MilitĂ€r startete erneut mehrere DrohnenschwĂ€rme, die aus verschiedenen Himmelsrichtungen in die Ukraine einflogen. In zahlreichen Regionen des Landes sowie in der Hauptstadt Kiew wurde Luftalarm ausgelöst. Ăber eventuelle EinschlĂ€ge der Kampfdrohnen lagen zunĂ€chst keine Angaben vor.
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