ROUNDUP, Merz

Merz und Macron beenden Atomstreit - und drohen Putin

29.08.2025 - 17:33:42

Deutschland und Frankreich rĂŒcken in der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik enger zusammen.

Beim Ministerrat in Toulon legten beide Regierungen ihren langen Streit ĂŒber die Nutzung der Atomkraft weitgehend bei. Auf europĂ€ischer Ebene wollen sie nun zu einer Gleichbehandlung emissionsarmer Energiequellen einschließlich der Kernenergie kommen. Der Ukraine sicherten beide Seiten angesichts anhaltender russischer Angriffe weitere Hilfe bei der Luftverteidigung zu und drohten dem russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin mit neuen Sanktionen.

"Der deutsch-französische Motor ist also wieder angesprungen", sagte Merz nach dem Treffen. "Ein klarer Blick fĂŒr die RealitĂ€t und der beste Wille, sie zu gestalten, das ist fĂŒr mich(.) der Geist von Toulon."

Macron spricht von "europÀischem Meilenstein"

Ähnlich Ă€ußerte sich Macron. "Wenn Frankreich und Deutschland beschließen, gemeinsam voranzugehen, dann verĂ€ndert sich der Rhythmus ganz Europas", kommentierte er die Begegnung. "In Toulon wird nicht nur unsere Freundschaft bekrĂ€ftigt. Es ist ein europĂ€ischer Meilenstein, der erreicht wird."

Überschattet wurde das Treffen allerdings von der Regierungskrise in Frankreich. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und das halbe deutsche Kabinett trafen in Toulon auf eine französische Regierung, die vielleicht bald nicht mehr im Amt ist. Frankreichs Premierminister François Bayrou wird am 8. September die Vertrauensfrage stellen. Es wird erwartet, dass er sie verliert und die Regierung fĂ€llt. Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron ist davon zwar nicht direkt betroffen, wird durch die Krise aber politisch geschwĂ€cht.

Macron und Merz verstehen sich

Es war der erste sogenannte deutsch-französische Ministerrat seit dem Regierungswechsel in Berlin im Mai. Schon bei seinem Antrittsbesuch in Paris hatten Merz und Macron einen Neustart in den deutsch-französischen Beziehungen beschworen. Macron versteht sich mit Merz deutlich besser als mit dessen VorgĂ€nger Olaf Scholz (SPD), zu dem das VerhĂ€ltnis bis zuletzt unterkĂŒhlt blieb. Beide begrĂŒĂŸten sich in Toulon mit einer innigen Umarmung. "Politik wird von Menschen gemacht und nicht von Institutionen", sagte Merz bei der gemeinsamen Pressekonferenz vielsagend.

Inhaltliche Differenzen konnten Merz und Macron bisher aber kaum ausrĂ€umen. Das Ă€ndert sich nun an den ersten Stellen und der deutsch-französische Ministerrat zur Wirtschafts- und Sicherheitspolitik im Fort du Cap Brun aus dem 19. Jahrhundert ĂŒber dem Mittelmeer soll dafĂŒr nur der Anfang sein.

Atom-Einigung wichtigster Wirtschaftsbeschluss

Im Mittelpunkt stand die Wirtschaftspolitik, zu der eine lange gemeinsame Agenda beschlossen wurde. Trotz unterschiedlicher Modelle - Frankreich setzt auf einen Ausbau der Kernenergie, wĂ€hrendDeutschland alle AKW abgeschaltet hat - wollen beide sich in der Energiepolitik nicht mehr im Wege stehen, sondern unterstĂŒtzen.

Konkret bedeutet das, dass Deutschland sich der Nutzung der Kernenergie durch Frankreich nicht mehr entgegenstellt, etwa auf der Ebene europĂ€ischer Regulierungen. Den Franzosen geht es nicht um eine Finanzierung von Atomanlagen aus EU-Mitteln, allerdings um Fördermittel fĂŒr Forschungsvorhaben zur Entwicklung neuer, kleinerer Reaktortypen.

Deutschland wiederum versichert sich der UnterstĂŒtzung Frankreichs beim Aufbau von Wasserstoffverbindungen nach SĂŒdwesteuropa sowie einer stĂ€rkeren Integration der Stromnetze zwischen Deutschland und Frankreich. Auch dies wurde in der im sĂŒdfranzösischen Toulon getroffenen Grundsatzvereinbarung festgezurrt.

Weitere BeschlĂŒsse zu KI und Industriestrom

Das sind die weiteren BeschlĂŒsse im Wirtschaftsbereich:

* Industriestrompreis: Um energieintensive Industrien zu unterstĂŒtzen, soll die Möglichkeit eines Industriestrompreises unbĂŒrokratisch und flexibel ermöglicht werden.

* EuropĂ€ische PrĂ€ferenzregelungen: In zentralen und strategisch wichtigen Bereichen der industriellen Produktion, einschließlich des öffentlichen Beschaffungswesens, sollen Regelungen zu einer Bevorzugung europĂ€ischer Hersteller erarbeitet werden.

* KĂŒnstliche Intelligenz: Die Förderung des KI-Nachwuchses und von KI-Programmen in beiden LĂ€ndern soll ausgebaut werden.

* Reduzierung von BĂŒrokratie und Regulierung in Europa: Verfahren und Zulassungen sollen vereinfacht werden, um Unternehmen zu entlasten, ohne Standards aufzugeben. Neue Rechtsvorschriften sollen bestehende Auflagen vereinfachen und die Genehmigungsbehörden entlasten.

"Maximaler Druck" auf Russland

Wichtigstes sicherheitspolitisches Thema war die Ukraine. "Trotz intensiver internationaler diplomatischer BemĂŒhungen zeigt Russland keinerlei Bereitschaft, seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden", heißt es in einer gemeinsamen ErklĂ€rung.

Deswegen erwĂ€ge man neben verstĂ€rkter militĂ€rischer Hilfe die VerschĂ€rfung von Strafmaßnahmen, um "maximalen Druck" auf Russland auszuĂŒben, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden. Frankreich und Deutschland wĂŒrden sich dafĂŒr in der G7 und der EU einsetzen. Die Sanktionen sollten sich auch gegen Unternehmen aus Drittstaaten richten, die den russischen Krieg gegen die Ukraine unterstĂŒtzten. "Wir sind dazu bereit, auch mit den USA, Russland zu zwingen, wieder an den Verhandlungstisch zurĂŒckzukehren", sagte Macron.

Die beiden LĂ€nder sichern der Ukraine auch Sicherheitsgarantien zu, beschrĂ€nken sie allerdings zunĂ€chst auf die UnterstĂŒtzung der ukrainischen StreitkrĂ€fte. Von der Entsendung von Bodentruppen im Fall eines Waffenstillstands oder Friedensabkommens ist in der gemeinsamen ErklĂ€rung keine Rede. Der französische PrĂ€sident kĂŒndigte allerdings bereits in den nĂ€chsten Tagen neue Beratungen der Koalition der Willigen, der UnterstĂŒtzerlĂ€nder der Ukraine an, bei denen auch das Entsenden von Truppen Thema sein soll.

DĂ€mpfer bei der Sicherheitspolitik

In der Sicherheitspolitik gab es aber bereits vor dem Treffen auch einen DĂ€mpfer. Die angestrebte Einigung auf das Luftkampfsystem FCAS scheiterte. Neue Zielmarke ist nun der Jahreswechsel. In Paris ist von "vorĂŒbergehenden Schwierigkeiten" die Rede, die ĂŒberwunden werden mĂŒssten. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will die beteiligten LĂ€nder nun im Oktober zur KlĂ€rung nach Berlin einladen.

@ dpa.de

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