Chancenkarte, Erwerbsmigranten

Wie neue Chancenkarte Erwerbsmigranten anlocken soll

01.06.2024 - 06:24:44

Die ArbeitskrĂ€fte-LĂŒcke in Deutschland könnte um Millionen offene Stellen wachsen. Bei der Erwerbsmigration ins Land will die Regierung deshalb Tempo machen - jetzt zĂŒndet die nĂ€chste Stufe.

In vielen Branchen funktioniert der Arbeitsmarkt in Deutschland lÀngst nur dank Menschen mit auslÀndischen Wurzeln. Vergangenes Jahr stieg die Zahl der Aufenthaltstitel eingewanderter ErwerbstÀtiger aus Nicht-EU-Staaten um 68.000 auf 419.000.

Trotzdem wĂ€chst die Fach- und ArbeitskrĂ€ftelĂŒcke. Angesichts des Mangels will die Regierung bei der Anwerbung auslĂ€ndischer ArbeitskrĂ€fte Tempo machen: Deutschland soll so erfolgreich werden wie Kanada, Neuseeland oder Australien. Heute tritt der dritte Teil des FachkrĂ€fteeinwanderungsgesetzes in Kraft - was er bringt:

Wie viele FachkrÀfte fehlen in Deutschland?

Sieben Millionen FachkrĂ€fte mĂŒssten wegen des Älterwerdens der Gesellschaft bis 2035 ersetzt werden, sagt Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Besonders gravierend ist der Mangel beispielsweise in der Pflege und der Gastronomie. IT-Fachleute fehlen in vielen Unternehmen und auch in den Behörden. Wegen des mageren Verlaufs der Konjunktur waren bei der Bundesagentur fĂŒr Arbeit im MĂ€rz zwar nur noch 707.000 offene Stellen gemeldet, 70.000 weniger als vor einem Jahr.

Doch lĂ€ngerfristig erwartet Wirtschaftsminister Robert Habeck (GrĂŒne), dass wohl immer mehr Stellen und AusbildungsplĂ€tze zunĂ€chst offen bleiben. Diese besetzen zu können, entscheide perspektivisch darĂŒber, «ob Deutschland wĂ€chst und der Wohlstand im Lande sich mehren kann beziehungsweise erhalten wird». Heute hat rund ein Viertel aller ErwerbstĂ€tigen einen Migrationshintergrund - ein ĂŒberdurchschnittlich hoher Anteil etwa in Reinigungsberufen und der Gastronomie.

Was ist ab 1. Juni neu?

Die mit dem FachkrÀfteeinwanderungsgesetz im vergangenen Jahr beschlossene Chancenkarte tritt in Kraft. Sie richtet sich an Menschen, die nicht aus der EuropÀischen Union stammen. Dieses neue Instrument im Aufenthaltsgesetz soll den Zuzug qualifizierter ArbeitskrÀfte nach Deutschland erleichtern. Ein Vertrag mit einem Arbeitgeber in Deutschland ist keine Voraussetzung.

Ausgeweitet werden ab dem 1. Juni außerdem die Möglichkeiten fĂŒr ArbeitskrĂ€fte aus den Westbalkanstaaten, fĂŒr einen Job nach Deutschland zu kommen. Davon können auch Ungelernte profitieren. Allerdings mĂŒssen alle, die ĂŒber die sogenannte Westbalkanregelung einreisen wollen, vorab einen Arbeitsvertrag nachweisen.

Wie funktioniert die Chancenkarte?

Grundvoraussetzungen sind aber eine im Erwerbsland staatlich anerkannte, mindestens zweijĂ€hrige Berufsausbildung oder ein entsprechender Hochschulabschluss sowie Sprachkenntnisse in Deutsch oder Englisch. Je nach Sprachkenntnis, Berufserfahrung, Alter und Deutschlandbezug bekommen Interessierte Punkte, die sie zum Erhalt der Chancenkarte berechtigen. Auch fĂŒr Qualifikationen in Engpassberufen gibt es Punkte. Mit der Karte können Nicht-EU-AuslĂ€nder dann nach Deutschland kommen und haben dann ein Jahr lang Zeit, sich einen festen Job zu suchen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist eine einmalige VerlĂ€ngerung um zwei Jahre möglich.

Und was ist neu bei der Westbalkanregelung?

Diese Regelung erleichtert den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt fĂŒr Staatsangehörige aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien. Bislang werden fĂŒr ArbeitskrĂ€fte aus diesen Staaten, die eine Jobzusage haben, von der Bundesagentur fĂŒr Arbeit pro Jahr 25.000 Genehmigungen vergeben. Dieses Kontingent soll auf 50.000 Zustimmungen jĂ€hrlich verdoppelt werden.

Gibt es das FachkrÀfteeinwanderungsgesetz nicht schon lÀnger?

TatsĂ€chlich hat Deutschland schon seit MĂ€rz 2020 ein FachkrĂ€fteeinwanderungsgesetz, das die schwarz-rote Koalition beschlossen hatte, um den Zuzug von qualifizierten ArbeitskrĂ€ften aus Nicht-EU-Staaten zu fördern. Nach EinschĂ€tzung von Experten blieb seine Wirkung einerseits wegen der ReisebeschrĂ€nkungen durch die Corona-Pandemie, andererseits wegen des nach wie vor hohen bĂŒrokratischen Aufwands fĂŒr die Erwerbsmigranten begrenzt.

Im vergangenen November trat dann der erste Teil der von der Ampel-Koalition beschlossenen Reform des Gesetzes in Kraft. Die erste Stufe umfasste vor allem Erleichterungen bei der «Blauen Karte EU» und bei anerkannten FachkrÀften.

Und was gilt seit MĂ€rz?

Die Aufenthaltsmöglichkeit fĂŒr AuslĂ€nder aufgrund berufspraktischer Erfahrung - ein HerzstĂŒck des Gesetzes zur FachkrĂ€fteeinwanderung. FachkrĂ€fte mit Abschluss und Berufserfahrung können ohne vorheriges Anerkennungsverfahren einreisen und in Deutschland arbeiten. Sie mĂŒssen also noch keine in Deutschland anerkannte Ausbildung vorweisen. Das soll den bĂŒrokratischen Aufwand senken und Verfahren verkĂŒrzen.

Das Arbeitsplatzangebot in Deutschland muss ein Bruttojahresgehalt von mindestens 40.770 Euro zusichern - bei Tarifbindung des Arbeitgebers genĂŒgt eine Entlohnung entsprechend dem Tarifvertrag. Zur Deckung von zeitweilig besonders hohem ArbeitskrĂ€ftebedarf wurde eine begrenzte kurzzeitige BeschĂ€ftigung ermöglicht. Die Bundesagentur fĂŒr Arbeit hat hierfĂŒr fĂŒr das Jahr 2024 ein Kontingent von 25.000 festgelegt.

Werden diese Reformen mehr ArbeitskrÀfte locken?

Die Möglichkeiten fĂŒr die Zuwanderung seien nun so vielfĂ€ltig wie die BedĂŒrfnisse der Unternehmen, so Heil. Doch gibt es neben teils hohen Anforderungen und bĂŒrokratischen Hindernissen noch andere Schwierigkeiten. Nicht zufĂ€llig macht sich Migrationsbeauftragte Reem Alabali-Radovan (SPD) stark fĂŒr «smarte, digitale Behördenverfahren», «Integration von Anfang an in Kitas, Deutschkurse oder Arbeitsmarkt» und «konsequenten Antirassismus».

Angesichts des ArbeitskrĂ€ftemangels von ĂŒber 400.000 Menschen pro Jahr sei die Chancenkarte in erster Linie eine Chance fĂŒr Deutschland, meint die GrĂŒnen-Innenpolitikerin Misbah Khan. Deutschland mĂŒsse die Änderungen mit Leben fĂŒllen - und als Einwanderungsland noch attraktiver werden.

Was schreckt Migranten außer der Sprache noch ab?

Im Vergleich zu anderen klassischen EinwanderungslĂ€ndern ist die Steuern- und Abgabenlast in der Bundesrepublik relativ hoch. Das schreckt besonders Hochqualifizierte ab. Außerdem hat sich inzwischen herumgesprochen, dass es in einigen Ballungsgebieten schwierig ist, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Aus einigen Kommunen war zuletzt zu hören, Vermieter fragten bei neu zuwandernden auslĂ€ndischen Interessenten teilweise nach einer BĂŒrgschaft des Arbeitgebers.

Könnte es demnÀchst noch weitere Reformen geben?

«Wir sind als Gesetzgeber aber auch noch nicht ans Ende gekommen», meint Ann-Veruschka Jurisch, Innenexpertin der FDP im Bundestag. «Wir haben uns vorgenommen, das AuslĂ€nderrecht zu vereinfachen; das bleibt weiterhin eine offene Aufgabe», sagt die Abgeordnete. Große Hoffnung setzt sie in die Nutzung KĂŒnstlicher Intelligenz bei der Bearbeitung von AntrĂ€gen potenzieller Erwerbsmigranten. Das AuswĂ€rtige Amt leiste hier bereits Pionierarbeit. Das sei auch notwendig - heutige Wartezeiten von ĂŒber einem Jahr könne sich Deutschland nicht leisten.

@ dpa.de