Betrug, China

Betrug in China - Umweltbundesamt verweigert CO2-Zertifikate

06.09.2024 - 08:00:36

Die AufklĂ€rung möglicher BetrugsfĂ€lle bei Klima-Projekten in China dauert an. Das Umweltbundesamt hat nun in acht FĂ€llen «UnregelmĂ€ĂŸigkeiten» nachgewiesen - und Konsequenzen gezogen.

  • Bundesumweltministerin Lemke sagt AufklĂ€rung zu - Foto: Britta Pedersen/dpa

    Britta Pedersen/dpa

  • Die Bundesbehörde geht gegen BetrugsfĂ€lle bei Klimaprojekten vor. - Foto: Hendrik Schmidt/dpa

    Hendrik Schmidt/dpa

Bundesumweltministerin Lemke sagt AufklÀrung zu - Foto: Britta Pedersen/dpaDie Bundesbehörde geht gegen BetrugsfÀlle bei Klimaprojekten vor. - Foto: Hendrik Schmidt/dpa

In der AffĂ€re um mutmaßliche BetrugsfĂ€lle in China hat das Umweltbundesamt deutschen Konzernen die Ausstellung von Klima-Zertifikaten verweigert. Es gehe dabei um acht Klimaschutz-Projekte in China, bei denen UnregelmĂ€ĂŸigkeiten nachgewiesen worden seien, erklĂ€rte die Behörde am Freitag. Die acht verweigerten Zertifikate entsprĂ€chen einer Einsparung von 215 000 Tonnen Kohlenstoffdioxid, die sich die Konzerne ursprĂŒnglich auf ihre Klimabilanz anrechnen lassen wollten. 

Das Umweltbundesamt (UBA) hat nach eigenen Angaben bei sieben der acht Projekte die Freischaltung von Zertifikaten zurĂŒckgezogen, weil es «gravierende rechtliche und technische Ungereimtheiten» gegeben habe. Ein weiteres Projekt erhalte kein Zertifikat, da es entgegen der Regeln «vorzeitig begonnen» worden sei.

Hintergrund der Maßnahmen, die das UBA ergreift, ist ein im Juni bekanntgewordenes Betrugsgeflecht, in das deutsche Mineralölkonzerne involviert sein sollen. Genauere Angaben zu den Unternehmen könne das UBA aus juristischen GrĂŒnden nicht machen, sagte ein Sprecher der dpa. 

Umweltministerium sieht Hauptverantwortung nicht bei Mineralölfirmen

Dass die Mineralölkonzerne jedoch direkt am Betrug beteiligt sein könnten, hĂ€lt das Bundesumweltministerium von Steffi Lemke (GrĂŒne) nach eigenen Angaben fĂŒr unwahrscheinlich. «Die Mineralölkonzerne betreiben die Projekte nicht. Sie kaufen bei Marktteilnehmern Projektbeteiligungen ein», stellte ein Sprecher am Freitag auf Nachfrage klar. Die Konzerne wĂŒrden nicht direkt in die Projekte, die in China angesiedelt sind, investieren. «Jetzt nachgewiesene ProjektbetrĂŒgereien können kaum den Mineralölkonzernen, die die Zertifikate auf dem Markt angekauft haben, nachgewiesen werden.» Die Hauptverantwortung fĂŒr die BetrugsfĂ€lle sehe das Ministerium folglich bei den jeweiligen ProjekttrĂ€gern in China und den Gutachtern, die diese Projekte im Auftrag der Konzerne geprĂŒft hĂ€tten, hieß es. 

UBA schaltet internationale Anwaltskanzlei ein

Neben eigenen Ermittlungen und den Ermittlungen der Berliner Staatsanwaltschaft hat das UBA nach eigenen Angaben auch eine internationale Anwaltskanzlei eingeschaltet, um die mutmaßlichen BetrugsfĂ€lle aufzuklĂ€ren. Diese sei auch in China vor Ort aktiv. Im nĂ€chsten Schritt wĂŒrden 13 weitere Projekte unter die Lupe genommen. Zugleich betonte die Behörde, wie schwierig es sei, aus der Ferne und auf Basis von Satellitenbildern oder eingereichter Berichte Missbrauch aufzuklĂ€ren und nachzuweisen. Auch deshalb sei die internationale Anwaltskanzlei eingeschaltet worden.

Insgesamt stehen nach UBA-Angaben 40 von 69 China-Projekten unter Betrugsverdacht. Weitere Projekte wird es vorerst nicht geben: Bundesumweltministerin Lemke hatte angesichts der VerdachtsfÀlle alle NeuantrÀge mit Wirkung zum 1. Juli stoppen lassen. 

 

Mineralölkonzerne lassen sich falsche Klima-Bilanz anrechnen

Den bisherigen Erkenntnissen zufolge ließen sich die Konzerne im Rahmen dubioser Klima-Projekte in China wohl BeitrĂ€ge auf ihre CO2-Bilanzen anrechnen, ohne dass es bei diesen Projekten zur tatsĂ€chlichen Reduktion von Treibhausgasen gekommen wĂ€re. Teilweise hĂ€tten die Projekte gar nicht existiert, teilweise habe die angegebene CO2-Reduktion nicht mit der realen Einsparung ĂŒbereingestimmt, hieß es.

Ermöglicht wurde der Betrug durch einen Mechanismus, der es Mineralöl-Konzernen in Deutschland erlaubt, mithilfe von Klimaschutzprojekten in China gesetzlich vorgegebene Klimaziele zu erreichen. Sie können also Projekte, bei denen im Öl-Sektor Emissionen reduziert werden, finanzieren, und bekommen sie bei Anerkennung entsprechender Zertifikate fĂŒr ihre Klimabilanz in Deutschland gutgeschrieben. 

Diese «Upstream Emission Reduction»-Projekte (UER) werden dann auf die sogenannte Treibhausgasminderungsquote im Verkehr angerechnet. Die Konzerne sparen Geld, indem sie die Quote einhalten. 

Ermittlungen gehen weiter - HĂŒrden bei AufklĂ€rung in China

ZustĂ€ndig fĂŒr die finale Freischaltung der begehrten Zertifikate ist das Umweltbundesamt, das nach eigenen Angaben im August 2023 einen ersten Verdacht auf Betrug hatte. Öffentlich bekannt wurde die AffĂ€re aber erst im Sommer dieses Jahres, unter anderem durch Recherchen der ZDF-Sendung «Frontal», die bereits Ende Mai ĂŒber die VorgĂ€nge berichtet hatte.

Lemke hatte vor einigen Wochen von «schwerer UmweltkriminalitĂ€t» gesprochen und umfassende AufklĂ€rung zugesagt. Einen Schaden fĂŒr deutsche Autofahrerinnen und Autofahrer sieht ihr Ministerium aber nicht. Geschadet hĂ€tten die VorgĂ€nge vor allem dem Vertrauen in Klimaschutzprojekte. Scharfe Kritik kommt aus der Union. Die CSU-Politikerin Anja Weisgerber forderte Lemke mehrfach auf, die FĂ€lle lĂŒckenlos aufzuklĂ€ren.

Anfang Juli hatte das UBA bereits personelle Konsequenzen gezogen: Die Behörde suspendierte einen seiner fĂŒr den Bereich zustĂ€ndigen Mitarbeiter. Mitte Juli kam es dann im Auftrag der Berliner Staatsanwaltschaft in Bayern und Nordrhein-Westfalen zu Durchsuchungen bei Unternehmen, die auf die Erstellung von Umweltgutachten spezialisiert sind - unter anderem zu den umstrittenen Zertifikaten. Ermittelt werde gegen 17 Personen wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen gewerbsmĂ€ĂŸigen Betruges, hieß es. 

 

 

@ dpa.de