Wie KĂŒnstliche Intelligenz das Callcenter-GeschĂ€ft verĂ€ndert
04.03.2025 - 06:00:38Verschwundene Pakete, verschobene Flugreisen und verlorene Bankkarten: Ohne die Hilfe von Callcenteragenten wĂ€ren solche Ărgernisse deutlich lĂ€stiger. Und wer sich zuletzt ĂŒber einen Callcentermitarbeiter geĂ€rgert hat, könne ihn schon bald vermissen. Denn Branchenkennern zufolge wird KĂŒnstliche Intelligenz (KI) in Callcentern weiter an Bedeutung gewinnen. Das hat Folgen.Â
So rechnet die Ăkonomin Marie-Christine Fregin von der UniversitĂ€t Maastricht mit abnehmender BeschĂ€ftigung in dem Wirtschaftszweig. KI könne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter produktiver machen, was den ArbeitskrĂ€ftebedarf senke, und schlieĂlich ganz ersetzen. «Die Frage ist, ob in den Callcentern in Zukunft noch Menschen sitzen werden», sagt Fregin. Letztlich sei das eine Entscheidung der Unternehmen.Â
Dass Callcenter schlieĂen, kommt immer wieder vor. Zuletzt kĂŒndigte der deutsche OnlinehĂ€ndler Otto an, rund 480 Mitarbeiter des Kundenservices zu entlassen. Das Unternehmen aus Hamburg begrĂŒndete das mit verschĂ€rftem Wettbewerb und schlechter Konjunktur. Aber auch mit einem verĂ€nderten Verhalten der Kunden, die weniger anriefen und RĂŒcksendungen bevorzugt ĂŒber die App abwickelten.Â
Unterschiedliche Aufgaben im Callcenter
Wie viele Menschen in Deutschlands Callcentern arbeiten, ist nicht genau erfasst. Nach Zahlen der Bundesagentur fĂŒr Arbeit gab es 2023 annĂ€hernd 127.000 FachkrĂ€fte im sogenannten Dialogmarketing, dazu zĂ€hlen Callcenteragenten. Der Branchenverband CCV aus Berlin gibt die BeschĂ€ftigtenzahl mit etwa 560.000 an, weil er auch Mitarbeiter von Unternehmenscallcentern hinzuzĂ€hlt.Â
VerbandsprĂ€sident Dirk Egelseer erzĂ€hlt, die Aufgabenverteilung im Callcenter Ă€hnle einer Pyramide: Die meisten BeschĂ€ftigten fĂŒhrten RoutinetĂ€tigkeiten aus, zu denen es gehöre, Fragen wie «Wo ist mein Paket?» wieder und wieder zu beantworten. Weiter oben gebe es die lĂ€nger geschulten Mitarbeiter, die komplexe Aufgaben wie BankgeschĂ€fte ĂŒbernĂ€hmen. Sie mĂŒssten mehrere IT-Systeme bedienen und könnten die Probleme der Kunden nicht mit StandardsĂ€tzen lösen.Â
Egelseer, der zur GeschĂ€ftsfĂŒhrung eines NĂŒrnberger Callcenters gehört, erwartet wie die Wissenschaftlerin Fregin, dass Automatisierung das GeschĂ€ft verĂ€ndert. Dass alle Mitarbeiter von dem Umbruch bedroht seien, glaube er aber nicht. Er beobachte vielmehr eine gegensĂ€tzliche Entwicklung: Die Nachfrage nach dem einfachen MassengeschĂ€ft nehme ab, wĂ€hrend der Bedarf an komplexen Dienstleistungen steige.Â
KI kann auch anrufenÂ
Eine zentrale Frage ist, ob KI allein das MassengeschĂ€ft ersetzen wird, wie Egelseer vermutet. Wissenschaftlerin Fregin bewertet das anders: Sie geht davon aus, dass KI auch komplexe Dienstleistungen in den Callcentern ĂŒbernehmen kann. Das liege an sogenannten KI-Agenten.Â
Das sind Anwendungen, die nicht nur Informationen bereitstellen - beispielsweise nicht bloĂ antworten, wo sich ein Paket befindet. Die Agenten können Formulare senden, mit anderen Bereichen des Callcenters schreiben und Kunden anrufen, um Produkte zu vertreiben. Also eigenstĂ€ndig handeln. KI-Agenten seien allerdings bisher nicht weit verbreitet, schrĂ€nkt Fregin ein.Â
Ein Anbieter von KI-Agenten ist das Berliner Start-up Parloa. Wie das Unternehmen mitteilt, können dessen Agenten auch Anrufe tĂ€tigen. «Wenn jemand beispielsweise einen Flug gebucht hat und kurz vor der Reise noch PlĂ€tze in besseren Kategorien frei sind, können AI Agents kurz vorher noch gute Angebote fĂŒr Upgrades machen.»
Die Zahl der Kunden nennt Parloa nicht; sie nehme aber zu. Die Kunden stammten vor allem aus dem Finanz- und Versicherungssektor, dem Einzel- und Onlinehandel und der Energieversorgung - unter anderem seien darunter Barmenia Gothaer, Rossmann und Eon One. Unternehmen, die die Plattform von Parloa nutzen, zahlen den Angaben nach jĂ€hrlich mindestens 100.000 Euro.Â
Mehr Geld fĂŒr weniger Mitarbeiter
Da KI zunehmend mehr kann, stellt sich die Frage: Wer wird in Zukunft in Callcentern tĂ€tig sein? Aus Sicht der Wissenschaftlerin Fregin ist realistisch, dass kĂŒnftig deutlich weniger, dafĂŒr aber besser bezahlte Menschen in Callcentern arbeiten. Diese fĂŒhrten hĂ€ufiger komplexe TĂ€tigkeiten aus, weil die einfachen Aufgaben automatisiert seien. «Komplexere Jobs sind oftmals Jobs fĂŒr andere Menschen», sagt Fregin. Ăhnlich Ă€uĂert sich Verbandschef Egelseer.Â
Bei der Gewerkschaft Verdi in Berlin ist Volker NĂŒsse fĂŒr Callcenter zustĂ€ndig. Er berichtet, die Arbeit verlagere sich zunehmend weg vom Callcenter ins Homeoffice. Gewerkschaftsmitglieder setze das unter Druck, weil sie sich bei der bestehenden Gesetzeslage schwerlich organisieren könnten. Die Situation der BeschĂ€ftigten gerate wĂ€hrend des Umbruchs völlig aus dem Blick. Sie mĂŒsse aber dringend berĂŒcksichtigt werden.





